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Netanjahu stellt US-Militärhilfe infrage: Und wenn Israel sich verrechnet?

Netanjahu stellt US-Militärhilfe infrage: Und wenn Israel sich verrechnet?


Seit Jahrzehnten ist die amerikanische Militärhilfe das Rückgrat der israelischen Sicherheitspolitik. Nun deutet Ministerpräsident Benjamin Netanjahu an, genau diese Unterstützung drastisch kürzen zu wollen. Ein riskantes Gedankenspiel, das Israel wirtschaftlich, politisch und strategisch erschüttern könnte.

Netanjahu stellt US-Militärhilfe infrage: Und wenn Israel sich verrechnet?

Kaum ein Thema ist in Israel so selbstverständlich wie die jährliche Militärhilfe aus den Vereinigten Staaten. Sie ist Teil der nationalen DNA geworden, so allgegenwärtig wie der Iron Dome oder die F-35-Jets am Himmel. Und doch hat ausgerechnet der israelische Regierungschef selbst die Debatte eröffnet, ob es nicht an der Zeit sei, diese jahrzehntelange Abhängigkeit zu beenden oder zumindest deutlich zu reduzieren.

Netanjahu erklärte in den vergangenen Tagen überraschend, Israel müsse langfristig darüber nachdenken, den Umfang der amerikanischen Unterstützung zu verringern. Ein Satz, der in Jerusalem wie in Washington für hochgezogene Augenbrauen sorgte. Denn was zunächst nach nationaler Unabhängigkeit klingt, könnte in Wahrheit ein gefährlicher Schritt ins strategische Vakuum sein.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie tief verwurzelt die Hilfe ist. Schon kurz nach der Staatsgründung erhielt Israel wirtschaftliche Unterstützung aus den USA. Doch erst in den 1980er-Jahren, unter Präsident Ronald Reagan, wurde aus punktuellen Hilfen ein festes jährliches Militärpaket in Milliardenhöhe. 1998 unterzeichnete Netanjahu selbst mit Präsident Bill Clinton das erste langfristige Abkommen. Seitdem wurden die Summen immer wieder erneuert und erhöht.

Der aktuelle Vertrag, geschlossen 2016 zwischen Netanjahu und Barack Obama, sieht jährliche Hilfen von 3,8 Milliarden Dollar vor. Mehr als 3 Milliarden Dollar davon müssen verpflichtend für amerikanische Rüstungsgüter ausgegeben werden. Rund 500 Millionen Dollar sind speziell für die Entwicklung israelischer Luftverteidigungssysteme vorgesehen. Umgerechnet entspricht das heute etwa 12 Milliarden Schekel pro Jahr. Eine Summe, die für ein kleines Land wie Israel enorm ist.

Warum also überhaupt über einen Verzicht nachdenken?

Die Befürworter eines Ausstiegs argumentieren mit nationaler Souveränität. Wer zahlt, bestimmt so die Logik. Washington habe durch die Finanzhilfe ein Druckmittel, um auf israelische Entscheidungen Einfluss zu nehmen. In Krisenzeiten könnten Zahlungen eingefroren oder Waffenlieferungen verzögert werden. Israel, so heißt es, müsse unabhängiger werden und seine Sicherheit selbst finanzieren.

Hinzu kommt die veränderte politische Landschaft in den USA. Die Unterstützung für Israel ist längst nicht mehr so selbstverständlich wie früher. In Teilen der Demokratischen Partei wächst die Kritik, aber auch im republikanischen Lager gibt es Stimmen, die fragen, warum amerikanische Steuerzahler ein wohlhabendes und technologisch starkes Land wie Israel dauerhaft finanzieren sollen. Präsident Donald Trump hat bereits mehrfach angedeutet, die Hilfen seien womöglich zu hoch.

Einige israelische Strategen glauben deshalb, ein freiwilliger Verzicht könne politisch sogar vorteilhaft sein. Wenn Israel kein Geld mehr nehme, entfalle auch das moralische Argument, Washington „finanziere“ die israelische Politik. Die Beziehung könne dann angeblich auf „Werten und Interessen“ beruhen statt auf Dollarbeträgen.

Doch diese Sichtweise ignoriert die harten Realitäten.

Die Gegner eines solchen Schrittes warnen eindringlich vor den Folgen. Ein Wegfall der 3,8 Milliarden Dollar entspräche nach Berechnungen von Ökonomen ungefähr der finanziellen Wirkung einer Mehrwertsteuererhöhung um 2 Prozent. Israel müsste entweder massiv sparen, die Steuern erhöhen oder seine ohnehin hohen Verteidigungsausgaben weiter ausdehnen.

Noch schwerer wiegt der strategische Schaden. Die Militärhilfe ist weit mehr als Geld. Sie schafft ein dichtes Netz aus militärischer Kooperation, gemeinsamer Entwicklung, Geheimdienstzusammenarbeit und politischer Rückendeckung. Amerikanische Waffensysteme sind tief in die israelische Armee integriert. Ein Bruch mit diesem Modell würde Lieferketten, Wartungssysteme und die gesamte militärische Planung erschüttern.

Auch der politische Preis wäre hoch. Die amerikanische Rüstungsindustrie und ihr Einfluss im Kongress gelten als wichtige Stütze Israels in Washington. Fällt die finanzielle Verflechtung weg, verliert Israel einen mächtigen Verbündeten im politischen Alltag der USA.

Hinzu kommt ein psychologischer Faktor: Die Militärhilfe ist ein sichtbares Symbol der besonderen Beziehung zwischen beiden Staaten. Ein Verzicht könnte in der Region als Signal der Distanzierung gewertet werden und Israels Abschreckung schwächen.

Der aktuelle Vertrag läuft 2028 aus. Hinter den Kulissen haben bereits Gespräche über ein neues Abkommen begonnen. Noch ist unklar, ob Netanjahus Äußerungen taktisches Säbelrasseln sind oder der Beginn einer echten Kehrtwende.

Fest steht: Wer glaubt, man könne fast 4 Milliarden Dollar jährlich einfach streichen, ohne dass es Folgen hat, unterschätzt die Realität. Israel mag militärisch stark sein. Doch Stärke entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie entsteht aus Bündnissen, Technologie und verlässlichen Partnern.

Die amerikanische Militärhilfe ist kein Almosen. Sie ist Teil eines strategischen Systems, das Israels Sicherheit seit Jahrzehnten garantiert. Sie leichtfertig aufs Spiel zu setzen, wäre ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

Und Experimente dieser Art hat sich Israel noch nie leisten können.




Autor: Bernd Geiger
Bild Quelle: By The White House - https://www.flickr.com/photos/202101414@N05/54822870395/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=175854388
Freitag, 06 Februar 2026

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