Wir brauchen Ihre Hilfe: haOlam.de arbeitet ohne Verlag. Damit wir unsere Arbeit in gewohnter Qualität fortsetzen und laufende Aufgaben abschließen können, sind wir weiter auf Unterstützung angewiesen.
Hisbollah im Umbruch: Wafiq Safa verliert Machtposition und markiert Ende einer Ära

Hisbollah im Umbruch: Wafiq Safa verliert Machtposition und markiert Ende einer Ära


Ein jahrzehntelang unantastbarer Funktionär wird entlassen. Hinter der Personalie verbirgt sich ein tiefgreifender Machtkampf, der die gesamte Struktur der Terrororganisation erschüttert.

Hisbollah im Umbruch: Wafiq Safa verliert Machtposition und markiert Ende einer Ära

Die libanesische Terrororganisation Hisbollah steht vor einem strukturellen Wendepunkt. Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer arabischer Medien ist Wafiq Safa, einer der einflussreichsten und gefürchtetsten Kader der Organisation, seines Amtes enthoben worden. Safa, der über viele Jahre als Leiter der Einheit für Verbindung und Koordination fungierte, galt als zentrale Schlüsselfigur zwischen Hisbollah, der libanesischen Politik und internationalen Akteuren. Seine Entmachtung ist daher weit mehr als eine gewöhnliche Personalentscheidung. Sie ist Ausdruck einer tiefen Krise innerhalb des gesamten Apparates.

Über Jahrzehnte hinweg war Safa der Mann für die heikelsten Aufgaben. Er koordinierte geheime Verhandlungen, organisierte Kontakte zu staatlichen Institutionen, überwachte Sicherheitsstrukturen und war maßgeblich an der strategischen Ausrichtung der Organisation beteiligt. Wer im Libanon oder im Ausland mit der Hisbollah kommunizieren wollte, musste sich an ihn wenden. Er war das Gesicht der Schattenpolitik, der unsichtbare Architekt der Macht, ein Mann, der selten öffentlich auftrat, aber dessen Einfluss allgegenwärtig war.

Im Oktober 2024 überlebte Safa nur knapp einen gezielten israelischen Angriff in Beirut. Dass Israel gerade ihn ins Visier nahm, unterstrich seine Bedeutung. Für Jerusalem galt er als einer der Hauptverantwortlichen für die operative Stärke der Hisbollah. Sein Überleben wurde damals von der Organisation als Triumph inszeniert. Heute wirkt diese Episode wie ein ferner Nachhall aus einer Zeit, in der Safa noch als unverzichtbar galt.

Nun jedoch sprechen Quellen, die der Hisbollah nahestehen, von einem grundlegenden Neuanfang. Das „alte Modell“ der Organisation sei beendet, heißt es. Es werde eine umfassende Umstrukturierung geben, die mehrere Phasen durchlaufen solle. In diesem neuen Gefüge habe Safa keinen Platz mehr. Sein Nachfolger müsse einen anderen Kommunikationsstil pflegen, vor allem im Umgang mit der libanesischen Regierung und mit ausländischen Partnern.

Allein diese Formulierung zeigt den Umfang des Wandels. Jahrzehntelang agierte die Hisbollah aus einer Position der Einschüchterung. Drohungen, Machtdemonstrationen und paramilitärische Präsenz waren die bevorzugten Instrumente. Nun wird plötzlich von Dialog, neuer Tonlage und Anpassung gesprochen. Das ist kein freiwilliger Sinneswandel, sondern das Ergebnis massiven äußeren und inneren Drucks.

Nach saudischen Medienberichten soll Mohammed Mahna als Nachfolger Safas vorgesehen sein. Mahna gilt als pragmatischer, weniger ideologisch aufgeladen und stärker an politischer Stabilisierung interessiert. Diese Personalentscheidung deutet darauf hin, dass die Hisbollah erkannt hat, wie isoliert sie inzwischen dasteht. Die militärischen Rückschläge gegen Israel, die wirtschaftliche Katastrophe im Libanon und der schwindende Rückhalt selbst in Teilen der schiitischen Gemeinschaft zwingen die Führung zu Kurskorrekturen.

Doch der Prozess verläuft keineswegs harmonisch. Bereits im Januar wurde berichtet, dass die Führungsebene versucht habe, Safas Kompetenzen schrittweise zu beschneiden. Damals soll er wütend reagiert, mit Rücktritt gedroht und sich zeitweise aus Protest zurückgezogen haben. Diese internen Spannungen machen deutlich, wie umkämpft die Neuordnung ist.

Der neue Generalsekretär Naim Kassem treibt den Umbau energisch voran. Seit seiner Amtsübernahme hat er damit begonnen, zahlreiche Schlüsselpositionen neu zu besetzen. Ziel ist es, die Organisation moderner und politisch anschlussfähiger erscheinen zu lassen. Doch hier liegt ein fundamentaler Widerspruch. Die Hisbollah ist keine normale politische Bewegung, sondern eine von Iran gesteuerte Miliz, deren Macht auf Waffen, Einschüchterung und ideologischer Radikalisierung basiert. Eine echte Transformation würde bedeuten, diese Grundpfeiler infrage zu stellen.

Wafiq Safa verkörperte genau dieses alte System. Unter dem früheren Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah gehörte er zum innersten Machtzirkel. Er war verantwortlich für Einschüchterungskampagnen gegen politische Gegner, für die Durchsetzung iranischer Interessen im Libanon und für die Koordination paramilitärischer Strukturen. Dass ausgerechnet er nun entlassen wird, ist ein symbolischer Bruch mit der Vergangenheit.

Gleichzeitig versucht die Organisation, nach außen Stabilität zu demonstrieren. Noch im vergangenen Jahr orchestrierte Safa provokative Machtdemonstrationen in Beirut, ließ Bilder Nasrallahs und anderer Führungskader an prominenten Orten projizieren und setzte bewusst auf Konfrontation mit der libanesischen Regierung. Genau solche Aktionen sollen künftig unterbleiben. Kassem habe ihm bereits untersagt, politische Stellungnahmen abzugeben, heißt es aus internen Kreisen.

Die Realität hinter diesen Manövern ist jedoch ernüchternd. Die Hisbollah ist militärisch geschwächt, politisch zunehmend isoliert und finanziell angeschlagen. Israel hat in den vergangenen Jahren ihre Infrastruktur erheblich getroffen. Der Iran, bislang ihr wichtigster Geldgeber, steht selbst unter massivem internationalem Druck. Die Organisation muss sich entscheiden, ob sie weiterhin primär als bewaffnete Miliz agieren will oder versucht, als politischer Akteur zu überleben.

Für den Libanon bedeutet der Sturz Safas vor allem eines: Ein jahrzehntelang funktionierendes System der Angst und Kontrolle beginnt zu bröckeln. Wenn eine Figur, die als nahezu unantastbar galt, plötzlich fallengelassen wird, zeigt das die Tiefe der Krise. Die Entlassung ist kein Zeichen von Stärke, sondern ein Eingeständnis, dass die bisherigen Strukturen nicht mehr tragfähig sind.

Niemand sollte jedoch den Fehler machen, diese Entwicklung als Schritt hin zu Mäßigung zu interpretieren. Ein Personalwechsel verändert nicht das Wesen einer Organisation, die auf Gewalt und Terror aufgebaut ist. Doch er offenbart, wie verwundbar dieses Gefüge inzwischen geworden ist.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob der angekündigte „Neuanfang“ mehr ist als kosmetische Korrektur. Sicher ist nur, dass mit Wafiq Safa eine Ära endet. Was folgt, ist ungewiss. Für den Libanon und die Region bedeutet das vor allem eines: weitere Instabilität in einem ohnehin fragilen Umfeld.




Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Tasnim News Agency, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=154579073
Samstag, 07 Februar 2026

haOlam via paypal unterstützen


Hinweis: Sie benötigen kein PayPal-Konto. Klicken Sie im nächsten Schritt einfach auf „Mit Debit- oder Kreditkarte zahlen“, um per Lastschrift oder Kreditkarte zu unterstützen.
empfohlene Artikel
weitere Artikel von: Redaktion
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage