Israels stiller Triumph im Mittelmeer: Wie ein verletzter Meeresschildkrötenfund zur weltweiten Rettungsmission wurdeIsraels stiller Triumph im Mittelmeer: Wie ein verletzter Meeresschildkrötenfund zur weltweiten Rettungsmission wurde
Was 1999 mit einem verletzten Tier an einem Strand bei Netanya begann, ist heute ein internationales Vorzeigeprojekt. Israel eröffnet das erste nationale Meeresschildkröten Rettungszentrum mit weltweiter Einzigartigkeit.
Als der Meeresbiologiestudent Yaniv Levy im Jahr 1999 am Strand von Michmoret spazieren ging, ahnte er nicht, dass dieser Moment sein Leben verändern würde. Vor ihm lag eine schwer verletzte Unechte Karettschildkröte. Ein Angelhaken hatte sich in ihr Bein gebohrt, ihre Überlebenschancen waren gering. Levy nannte sie Mazal, das hebräische Wort für Glück, und begann einen Kampf gegen die Zeit.
Mazal überlebte.
Aus dieser einen Rettung entstand eine Idee, die heute zu den bedeutendsten Naturschutzprojekten Israels zählt. 27 Jahre später öffnet im Alexanderfluss Nationalpark das neue Nationale Meeresschildkröten Rettungszentrum seine Türen für die Öffentlichkeit. Ein modernes Zentrum, das weltweit Maßstäbe setzt.
Ein Projekt mit israelischer Handschrift
Der Neubau kostete rund 30 Millionen Schekel, umgerechnet etwa 8 Millionen Euro. Finanziert wird das Zentrum von der israelischen Natur und Parkbehörde, ergänzt durch private Spenden. Zehn feste Mitarbeiter arbeiten dort, darunter Tierärzte für Notfallmedizin, Rehabilitationsspezialisten und wissenschaftliche Fachkräfte. Unterstützt werden sie von rund hundert freiwilligen Helferinnen und Helfern.
Doch das Zentrum ist weit mehr als eine Tierklinik.
Es beherbergt das weltweit einzige Zuchtprogramm für grüne Meeresschildkröten. Ein Alleinstellungsmerkmal, das Israel in eine führende Rolle im globalen Meeresschutz rückt.
Während es weltweit weniger als zwanzig vergleichbare Rehabilitationszentren gibt, existiert dieses Zuchtmodell ausschließlich hier.
Eine bedrohte Art und eine fragile Region
Die Situation der Meeresschildkröten im Mittelmeer ist dramatisch. In den 1930er Jahren wurden während der britischen Mandatszeit jährlich etwa 2.000 grüne Meeresschildkröten an der Küste des heutigen Israels gejagt, wegen ihres Fleisches und ihrer Panzer.
Global gesehen konnte sich der Bestand inzwischen erholen. Heute geht man von rund 85.000 bis 90.000 geschlechtsreifen Weibchen weltweit aus. Die Art gilt international nicht mehr als akut bedroht.
Doch im Mittelmeer sieht die Realität völlig anders aus.
Hier existieren nur noch etwa 450 brütende Weibchen. Plastikmüll, verlorene Fischernetze, Schiffsschrauben, Unterwasserexplosionen und Umweltgifte machen die Region zu einer tödlichen Falle.
Israel liegt mitten in diesem sensiblen Lebensraum.
Geduld, Forschung und jahrzehntelanges Warten
Levy begann früh, nicht nur verletzte Tiere zu versorgen, sondern auch die Brut an den Stränden zu schützen. Heute patrouillieren jedes Jahr zwischen Mai und August Freiwillige entlang der Küste, um Nester zu lokalisieren. Die Eier werden vorsichtig umgesetzt, geschützt vor Menschen und Raubtieren.
Bereits 2002 begann Levy mit einer mutigen Entscheidung. Statt erwachsene Tiere einzufangen, zog er 22 frisch geschlüpfte Schildkröten auf, um eine vollständig lokale Zuchtlinie aufzubauen. Später kamen verletzte Tiere hinzu, die nicht mehr ausgewildert werden konnten. Heute umfasst die Gruppe rund 30 Tiere.
Der Weg war lang.
Meeresschildkröten werden erst nach 20 bis 30 Jahren geschlechtsreif. Jahrzehntelanges Warten, Forschen und Beobachten waren notwendig, bevor erste Erfolge sichtbar wurden.
Inzwischen wurden im Zentrum über 1.300 Eier gelegt, wertvolle Daten gesammelt und neue wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen.
Erkenntnisse von weltweiter Bedeutung
Die Forschungsergebnisse aus Israel sind international gefragt. Rund zwanzig Studien laufen derzeit in Zusammenarbeit mit israelischen Universitäten und ausländischen Instituten.
Untersucht werden unter anderem Hormone, Fortpflanzungszyklen, genetische Linien und Umweltbelastungen. Besonders alarmierend ist eine Erkenntnis: Rückstände von Schwermetallen in Gewebe und Eierschalen sind im östlichen Mittelmeer dreimal höher als in vergleichbaren Regionen des Pazifiks.
Diese Daten fließen in globale Schutzprogramme ein.
Sensoren melden heute exakt, wann ein Weibchen an Land kommt, Kameras dokumentieren die Eiablage, hormonelle Veränderungen werden langfristig ausgewertet. Wissen, das es in dieser Form bislang nicht gab.
Ein Zentrum für die Öffentlichkeit
Der neue Komplex ersetzt die früheren provisorischen Anlagen aus Containern und Notbauten. Damals mussten Schildkröten für Röntgenuntersuchungen noch über 50 Kilometer ins Landesinnere transportiert werden.
Heute verfügt das Zentrum über eine eigene Intensivstation, Operationsräume, Röntgentechnik und große Meerwasserbecken. Besucher können den Alltag der Rettung durch Fenster beobachten, ohne die Tiere zu stören.
Die Führung endet an den Zuchtbecken, mit Unterwasserblick auf Tiere, die sonst nur Taucher sehen.
Ziel ist Aufklärung, nicht Unterhaltung.
Eine stille israelische Erfolgsgeschichte
Im vergangenen Jahr wurden 176 verletzte Meeresschildkröten aufgenommen. Zwei Drittel waren durch Plastikmüll verletzt. 85 Tiere konnten erfolgreich wieder ins Meer entlassen werden.
Entlang der israelischen Mittelmeerküste schlüpften rund 28.000 Jungtiere. Statistisch wird nur eines von tausend das Erwachsenenalter erreichen.
Genau deshalb ist dieses Zentrum mehr als Naturschutz.
Es ist Ausdruck einer Haltung.
Israel, oft wahrgenommen durch Konflikte und Sicherheitsthemen, zeigt hier eine andere Seite. Verantwortung für Natur, Wissenschaft und Zukunft. Still, konsequent und mit langfristigem Denken.
Ein Projekt, das nicht laut sein muss, um Bedeutung zu haben.
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Bild Quelle: Israel Nature and Parks Authority
Freitag, 13 Februar 2026