Israels digitale Schattenarmee: Wie ehemalige Cyberkrieger eine neue Ära offensiver Geheimdiensttechnik schaffenIsraels digitale Schattenarmee: Wie ehemalige Cyberkrieger eine neue Ära offensiver Geheimdiensttechnik schaffen
Eine Gruppe früherer israelischer Geheimdienstexperten entwickelt neuartige Werkzeuge, die ohne einen einzigen Klick in fremde Systeme eindringen. Was einst staatliches Monopol war, wird nun zum strategischen Exportprodukt. Hinter den Kulissen entsteht ein Machtfaktor, der die globale Sicherheitsarchitektur verändert.
Die Welt der Spionage hat sich radikal gewandelt. Wo früher Agenten Akten stahlen und Abhörgeräte versteckten, genügt heute ein unsichtbarer Code, um ganze Kommunikationsnetze zu öffnen. Israel, seit Jahrzehnten Vorreiter im digitalen Krieg, erlebt nun eine neue Phase dieser Entwicklung. Veteranen aus den geheimsten Einheiten des Landes verlassen den Staatsdienst und bauen private Firmen auf, die Werkzeuge entwickeln, von denen Nachrichtendienste weltweit träumen.
Im Zentrum dieser Bewegung steht ein junges Unternehmen mit dem Namen Radiant Research Labs. Gegründet wurde es von Tal Slomka und Zvika Moshkovitz, beide ehemalige Offiziere aus den Eliteeinheiten der israelischen Aufklärung. Ihre Mission: Werkzeuge zu entwickeln, die ohne jegliche Nutzerinteraktion auf Smartphones und Computer zugreifen können. Keine verdächtigen Links, keine falschen E-Mails, kein menschlicher Fehler ist mehr nötig. Die Technologie erledigt alles selbst.
Solche „Zero-Click“-Werkzeuge gelten als der heilige Gral moderner Cyberoperationen. Sie ermöglichen es, Geräte unbemerkt zu übernehmen, Gespräche mitzuhören, Standorte zu verfolgen und verschlüsselte Kommunikation zu lesen. Für Sicherheitsbehörden sind sie ein Traum. Für Bürgerrechtler ein Albtraum.
Slomka diente in der israelischen Luftwaffe und später in der legendären Einheit 8200, dem technologischen Herzstück der militärischen Aufklärung. Moshkovitz arbeitete ebenfalls in geheimdienstlichen Strukturen, unter anderem im Umfeld des Büros des Premierministers. Beide kennen die Mechanismen moderner Informationskriege aus erster Hand. Nach Stationen beim berüchtigten Spionageunternehmen NSO Group entschieden sie, einen eigenen Weg zu gehen.
Die politische Großwetterlage spielte ihnen in die Hände. Während die Regierung Biden israelische Cyberfirmen misstrauisch betrachtete und einige sogar auf schwarze Listen setzte, änderte sich die Stimmung mit dem Machtwechsel in Washington. Unter Präsident Trump wurden dieselben Experten plötzlich wieder als strategische Partner gesehen. Der Markt öffnete sich erneut.
Radiant benötigt keine Jahre, um Produkte zu entwickeln. Bereits sechs Monate nach der Gründung präsentierte das Unternehmen das erste funktionsfähige Zero-Click-Werkzeug. Seitdem sind nach eigenen Angaben rund zehn weitere Technologien entstanden. Die Firma baut nicht das fertige Überwachungsinstrument, sondern den Motor dahinter, die unsichtbare Infrastruktur, auf der staatliche Cyberoperationen aufsetzen.
Während des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023 stellten die Entwickler ihre Arbeit kurzfristig vollständig in den Dienst des israelischen Sicherheitsapparats. Ihre Systeme halfen dabei, verschleppte Geiseln zu lokalisieren und Kommunikationsnetze der Terroristen aufzudecken. Viele Mitarbeiter kehrten freiwillig in den Reservedienst zurück oder unterstützten staatliche Stellen parallel zu ihrer Firmenarbeit.
Ein zentraler Unterschied zu früheren israelischen Cyberfirmen ist der erklärte moralische Anspruch. Radiant arbeitet nach eigener Darstellung ausschließlich mit demokratischen Staaten zusammen. Länder mit autoritären Regimen, die in der Vergangenheit Überwachungssoftware gegen Journalisten oder Oppositionelle einsetzten, sollen keine Kunden werden.
Diese Haltung ist auch eine Lehre aus der Geschichte von NSO. Das Unternehmen wurde berühmt für seine Pegasus-Software, mit der Terroristen und Schwerverbrecher aufgespürt wurden. Gleichzeitig geriet NSO weltweit in die Kritik, weil einige Kunden das System missbrauchten, um Kritiker und Aktivisten auszuspionieren. Am Ende stand ein dramatischer Absturz: Von einst über einer Milliarde Dollar Marktwert blieben nur noch Bruchteile übrig.
Radiant will diesen Weg vermeiden. Die Gründer sprechen von einer neuen Generation „cyber-zionistischer“ Unternehmen, die nationale Interessen, Sicherheit und ethische Verantwortung miteinander verbinden wollen. Das klingt idealistisch, ist aber auch handfestes Geschäftsmodell. Verträge mit rechtsstaatlichen Demokratien bieten Stabilität, Legitimität und langfristige Partnerschaften.
Zu den Staaten, die in der Vergangenheit israelische Cyberprodukte kauften, gehören die USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland, ebenso zahlreiche europäische Länder wie Deutschland, Frankreich oder die Niederlande. Auch asiatische Demokratien setzen zunehmend auf israelisches Know-how.
Gleichzeitig hat die US-Regierung ihre Haltung gegenüber offensiven Cybertechnologien grundlegend verändert. Amerikanische Behörden nutzen inzwischen Werkzeuge israelischer Herkunft, um Kriminelle, Terroristen und illegale Netzwerke aufzuspüren. Was früher als gefährliche Grauzone galt, wird nun als notwendiges Mittel im Kampf gegen globale Bedrohungen betrachtet.
Doch die ethischen Fragen bleiben. Wer garantiert, dass solche Technologien nicht missbraucht werden? Wer kontrolliert, welche Ziele legitime Sicherheitsoperationen sind und welche politische Verfolgung? Die Vergangenheit zeigt, dass nachträgliche Sanktionen gegen Staaten, die Software missbrauchen, kaum wirksam sind. Deshalb setzen Firmen wie Radiant auf strenge Auswahl ihrer Kunden.
Ein weiterer Aspekt ist der sogenannte Brain Drain. Viele hochqualifizierte Absolventen israelischer Cyber-Einheiten wandern ins Ausland ab, weil ihre Fähigkeiten im zivilen Markt kaum genutzt werden können. Radiant versucht, dieses Wissen im Land zu halten und ehemaligen Offizieren eine berufliche Perspektive zu bieten, die ihrem Können entspricht.
Die Firma versteht sich als Teil eines größeren israelischen Ökosystems, das aus staatlichen Stellen, Forschungseinrichtungen und High-Tech-Unternehmen besteht. Regelmäßig werden Konferenzen organisiert, auf denen sich Experten aus Militär, Industrie und Wissenschaft austauschen. So bleibt Israel ein globales Zentrum digitaler Verteidigung und Angriffstechnologie.
Die Entwicklung zeigt eine klare Tendenz: Der Cyberraum wird immer stärker zum entscheidenden Schlachtfeld moderner Konflikte. Klassische Armeen verlieren an Bedeutung, während unsichtbare digitale Fähigkeiten über Krieg und Frieden entscheiden können. Staaten, die hier führend sind, gewinnen Macht ohne einen einzigen Schuss abzugeben.
Für Israel bedeutet das eine historische Chance, aber auch eine enorme Verantwortung. Die Technologien, die heute entwickelt werden, können Leben retten, Terror vereiteln und Kriminalität bekämpfen. Sie können aber ebenso zur Unterdrückung missbraucht werden. Der schmale Grat zwischen Sicherheit und Überwachung wird in den kommenden Jahren noch schmaler werden.
Die ehemaligen Geheimdienstoffiziere von Radiant sind überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen. Sie sehen sich als Verteidiger demokratischer Werte im digitalen Zeitalter. Ob diese Vision Bestand hat, wird die Zukunft zeigen. Sicher ist nur eines: Der unsichtbare Krieg im Netz hat gerade erst begonnen und Israel steht dabei erneut an vorderster Front.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild KI generiert
Freitag, 13 Februar 2026