Israels Verteidigungsministerium baut digitale Armee aus künstlicher Intelligenz aufIsraels Verteidigungsministerium baut digitale Armee aus künstlicher Intelligenz auf
Während die Welt noch über Drohnen und Raketen spricht, hat Israel längst eine neue Front eröffnet. In geheimen Räumen arbeitet eine Generation von Ingenieuren daran, Kriege mit künstlicher Intelligenz zu entscheiden.
Der moderne Krieg wird nicht mehr nur mit Panzern, Flugzeugen und Soldaten geführt. Er wird mit Daten geführt, mit Algorithmen, mit lernenden Maschinen. In Israel ist diese Zukunft längst Gegenwart. Hinter gesicherten Türen des Verteidigungsministeriums entsteht eine digitale Armee, die Entscheidungen in Sekundenbruchteilen trifft und Kämpfern auf dem Schlachtfeld einen unsichtbaren Vorteil verschafft.
Im Zentrum dieser Revolution steht die Direktion für Künstliche Intelligenz und Autonomie innerhalb der israelischen Behörde für militärische Forschung und Entwicklung. Gegründet im Dezember 2024, arbeitet sie mit einem klaren Auftrag: technologische Überlegenheit in operative Macht zu verwandeln, schneller als jeder Gegner reagieren kann.
Leiter dieser Einheit ist Oberst der Reserve Yaron Sherig, ein Ingenieur mit jahrzehntelanger Erfahrung in militärischer Forschung. Für ihn ist die Aufgabe eindeutig. Es gehe nicht nur darum, neue Maschinen zu entwickeln, sondern darum, diese Maschinen so schnell wie möglich in die Hände der Soldaten zu bringen. Entwicklungstempo sei im heutigen Krieg eine genauso wichtige Ressource wie Munition oder Treibstoff.
Die Realität der letzten Jahre hat diese Dringlichkeit verschärft. Israel befindet sich in einer Phase permanenter militärischer Bedrohung. Ein Mehrfrontenkrieg ist kein theoretisches Szenario, sondern eine reale Möglichkeit. Genau deshalb arbeitet die Direktion mit Hochdruck daran, jedes neue Programm, jeden Algorithmus und jedes System in kürzester Zeit einsatzbereit zu machen.
Rund hundert Mitarbeiter arbeiten in diesem technologischen Nervenzentrum, die meisten von ihnen Ingenieure, Datenwissenschaftler und Forscher. Viele verfügen über Doktortitel. Andere bringen jahrelange operative Erfahrung aus Kampfeinsätzen mit. In den Büros sitzen Entwickler Seite an Seite mit Offizieren, die direkt aus dem Feld kommen. Sie testen, korrigieren und verbessern Systeme in Echtzeit.
Das Konzept dahinter ist radikal pragmatisch. Was auf dem Schlachtfeld nicht sofort funktioniert, wird verändert. Was Leben retten kann, bekommt Priorität. Was nur theoretisch beeindruckt, verschwindet wieder.
Die Direktion arbeitet eng mit Dutzenden israelischen Start-up-Unternehmen zusammen. Robotik, Sensortechnik, Datenanalyse, autonome Systeme. Über offene Ausschreibungen und gezielte Kooperationen wird das enorme Innovationspotenzial des israelischen Hightech-Sektors direkt in militärische Fähigkeiten übersetzt.
Für viele der beteiligten Entwickler ist diese Arbeit mehr als ein Beruf. Einer der führenden Wissenschaftler, selbst promoviert, wurde gefragt, warum er nicht in die Privatwirtschaft gehe, wo er ein Vielfaches verdienen könnte. Seine Antwort war schlicht. Er rette Leben. Was könne wichtiger sein als das? Während andere Börsenkurse analysierten, schütze er Soldaten im Einsatz.
Genau darum geht es bei diesen Technologien. Auf israelischen Panzern und gepanzerten Fahrzeugen arbeiten heute bereits künstliche Intelligenzen, die Bedrohungen erkennen, Bewegungen analysieren und Gefahren schneller identifizieren als jeder Mensch. Drohnen werden zu intelligenten Augen am Himmel, die nicht mehr nur Bilder liefern, sondern eigenständig Muster erkennen.
Die eigentliche Kraftquelle dieser Entwicklung sind die Daten der vergangenen Kriegsjahre. Über zwei Jahre intensiver Kämpfe haben ein gewaltiges digitales Archiv geschaffen. Informationen über Gelände, Gebäude, Bewegungsmuster des Feindes, typische Taktiken und unzählige andere Details werden von Algorithmen ausgewertet. Aus diesen Daten entstehen Systeme, die in Sekunden lernen, was früher Monate gedauert hätte.
Im chaotischen Umfeld urbaner Kriegsführung wird diese Fähigkeit entscheidend. In den zerstörten Straßen des Gazastreifens etwa sind Geräusche, Staub und Trümmer allgegenwärtig. Für einen menschlichen Beobachter ist es extrem schwer, eine Bedrohung rechtzeitig zu erkennen. Die Maschine dagegen filtert das Unwichtige heraus, markiert verdächtige Bewegungen und lenkt den Blick des Soldaten genau dorthin, wo Gefahr lauert.
Künstliche Intelligenz wird so zum Partner des Kämpfers. Sie ersetzt ihn nicht, aber sie schärft seine Sinne. Sie zeigt ihm das Entscheidende, noch bevor ein Hinterhalt zuschnappen kann. Systeme warnen vor Sprengfallen, identifizieren bewaffnete Gegner und geben Hinweise in Situationen, in denen ein Mensch allein überfordert wäre.
Auch in der Luft und auf See wird diese Technologie immer wichtiger. Drohnen erhalten eine Art digitales Gehirn. Sie suchen eigenständig nach relevanten Signalen, Geräuschen oder Bewegungen. Statt endloser Videoströme erhält der Bediener nur noch das wirklich Entscheidende. Die Maschine übernimmt das mühsame Sichten, der Mensch trifft die Entscheidung.
Nach den bitteren Erfahrungen des Hamas-Angriffs im Oktober 2023 hat Israel verstanden, wie gefährlich technologische Blindheit sein kann. Sensoren, Kameras und Kommunikationssysteme werden nun massiv aufgerüstet. Ziel ist es, Überraschungen unmöglich zu machen und jede Form von Bedrohung frühzeitig sichtbar zu machen.
Ein zentrales Problem der Vergangenheit war die langsame Umsetzung neuer Projekte. Teure Systeme wurden entwickelt, die am Ende nicht den Anforderungen der Realität entsprachen. Diese Fehler will die neue Direktion vermeiden. Statt einzelner Prestigeprojekte setzt man nun auf industrielle Lösungen für breite Truppenverbände.
Regelmäßige Überprüfungen sollen sicherstellen, dass Zeitpläne eingehalten und Bedürfnisse der Einheiten erfüllt werden. Die Vision ist eine Art militärisches Sofortliefersystem. Was an der Front gebraucht wird, soll in kürzester Zeit verfügbar sein.
Besonders ehrgeizig ist das Ziel einer einheitlichen digitalen Sprache zwischen allen Teilstreitkräften. Heute arbeiten Luftwaffe, Marine und Bodentruppen oft mit unterschiedlichen Systemen, die nicht optimal miteinander kommunizieren. Künftig sollen sie wie ein einziges Netzwerk funktionieren, in dem Informationen in Sekunden geteilt und Feuerbefehle ohne Verzögerung umgesetzt werden können.
Langfristig sieht Sherig eine Armee, in der nicht mehr schwere Plattformen den Ausschlag geben, sondern intelligente Modelle. Algorithmen, die mehrere Waffensysteme gleichzeitig steuern, Bedrohungen priorisieren und Entscheidungen vorbereiten. Eine Art militärisches Gehirn, das alle Kräfte verbindet.
Doch bei aller Begeisterung bleibt der Mensch im Mittelpunkt. Kommandeure wollen keine komplizierten Programme, sondern einfache Werkzeuge. Sie wünschen sich klare Daten, schnelle Kommunikation und intuitive Systeme, die im Gefecht wirklich helfen.
Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung. Die komplexesten Technologien der Welt so zu gestalten, dass sie im entscheidenden Moment einfach, zuverlässig und verständlich sind. Künstliche Intelligenz soll nicht beeindrucken, sondern schützen.
Israel hat verstanden, dass die Zukunft des Krieges nicht nur in Feuerkraft liegt, sondern in Informationsüberlegenheit. Wer schneller sieht, schneller versteht und schneller reagiert, wird überleben. In dieser neuen Realität kämpft der jüdische Staat nicht nur mit Soldaten, sondern mit einer unsichtbaren Armee aus Algorithmen.
Autor: Bernd Geiger
Bild Quelle: Symbolbild KI generiert
Dienstag, 24 Februar 2026