BLM: Lobgesang auf Plünderungen und Gewalt

BLM: Lobgesang auf Plünderungen und Gewalt


Die Plünderer und Marodeure, die seit fast vier Monaten in amerikanischen Großstädten wie Portland, Seattle oder Chicago das tun, was sie am besten können – nämlich plündern und marodieren –, sind die unbesungenen Helden unserer Zeit. Das ist die Botschaft eines in den USA gerade viel diskutierten neuen Buches aus der linksextremen Szene: In Defense of Looting von Vicky Osterweil.

BLM: Lobgesang auf Plünderungen und Gewalt

Von Stefan Frank

Bevor jemand glaubt, es sei das kaum beachtete Werk eines Verrückten: Beachtung findet Osterweil damit sehr wohl, seit Natalie Escobar, eine Reporterin des öffentlichen Radionetzwerks NPR, ihn Ende August interviewt hat. Es folgten Interviews der Huffington Post und des New Yorker, sowie Besprechungen im Atlantic, in The Nation, der New York Post und dem Wall Street Journal.

Der Titel kann mit Eine Verteidigung des Plünderns übersetzt werden oder, etwas freier, mit: Ein Plädoyer für das Plündern. „Plünderungen sind eine Methode der direkten Umverteilung von Wohlstand, von den Ladenbesitzern und Kapitalisten zu den Armen“, schreibt Osterweil (Übersetzung d. Verf.). Plünderung finde statt, wenn „eine Menschenmenge, inmitten von Ausschreitungen und gesellschaftlichen Unruhen, öffentlich und direkt Dinge nimmt“.

Wer heimlich allein in einen Elektronikmarkt einbricht, ist also noch kein Plünderer im Sinne dieses Buches. Osterweils Segen hat er, wenn er sich einem Mob anschließt: Plünderung sei ein „Gemeinschaftswerk, man kann es nicht allein machen“. Oft sei zu beobachten, dass Plünderer Waren, die sie nicht selbst wegschaffen könnten, „auf die Straße stellen, so dass jeder sie mitnehmen kann oder Güter auf chaotische Art mitten auf der Straße auftürmen oder Schnapsflaschen, Tüten mit Lebensmitteln oder Gütern an Fremde oder die Menge weiterreichen“. 

Ausschreitungen „helfen der Community“, indem sie „den Leuten Wege eröffnen, einige der Probleme der Armut zu lösen und einen Raum schaffen, wo Menschen auf freie Art ihr Leben reproduzieren können, statt dies durch Lohnarbeit zu tun. Plünderung ist ein Akt des kommunalen Zusammenhalts“, so der Autor. Er spricht auch von „proletarischem Shopping“, „Umsonst-Shoppen“ oder von „Expropriation“. Plünderungen, schreibt er, zeigen, „dass Güter umsonst zu haben sind, wenn wir alle zusammen kämpfen, und dass wir in der Lage wären, ohne Lohn zu leben, wenn wir die Produkte der Gesellschaft großzügig teilen würden“ Das Plündern schildert er als freudige, orgiastische Handlung:

„Die Erfahrung von Vergnügen, Freude und Freiheit inmitten von Ausschreitungen, eine Erfahrung, die wir fast nie in diesen Straßen der Stadt machen, in denen wir ausgebeutet, kontrolliert und dominiert werden, ist eine Kraft, die Randalierer manchmal für immer verwandelt: die Erfahrung einer solchen Freiheit kann unvergesslich sein.“

„Karnevalistische Atmosphäre der Ausschreitungen“

Die „Logik des Eigentums“ werde in der „befreiten, karnevalistischen Atmosphäre der Ausschreitungen“ abgeschafft und ersetzt durch die „Freude an allem durch alle – die Plünderung“. Man kann sich Osterweils Alltag lebhaft vorstellen. Am Frühstückstisch fallen sicherlich häufig Sätze wie: „Schatz, die Hafermilch ist alle, hast du heute Abend Zeit, was zu plündern? Ansonsten mach ich es.“

Es ist dem Autor wichtig, dass Plünderer nicht nur das Recht hätten, Dinge des täglichen Bedarfs zu stehlen, sondern auch LCD-Fernseher und Schnaps. Schnaps zählt er zu den Dingen, die „das Leben angenehmer machen“, was einen Hinweis darauf liefert, wie das Buch entstanden sein könnte.

Eine frühere Fassung seines Werkes hatte Osterweil schon 2014 anlässlich der Krawalle in Ferguson vorgelegt. Damals hieß er noch Willie Osterweil und war ein Mann; derzeit nennt er sich Vicky, kämmt sich das Haupthaar zur Seite und lässt sich als Frau anreden. In der kurzen Zeit, die er als Frau firmiert, hat er schon gelernt, was typisch weiblich ist: Ausschreitungen. In der Einleitung schreibt er:

„Ausschreitungen sind gewalttätig, extrem und verdammt feminin [femme as fuck steht im englischen Original; S.F.]. … Sie sind nicht von rationaler Argumentation oder ‚sauberem‘ politischem Dialog getrieben, sondern von Begehren, Affekt, Wut und Schmerz. Sie sind durcheinander, emotional und chaotisch.“

So sieht er Frauen: Nicht rational, sondern irre und wütend. Was die Plünderungen und Ausschreitungen betrifft, bestätigt Osterweil in dem Interview mit Huffington Post, was manche vielleicht schon gemutmaßt haben: Sie sind keine Ablenkung von der linken Bewegung, sondern „sie sind die Bewegung“:

„Wenn ich Leute sagen höre: ‚Oh, Aufruhr und Plünderung sind nicht Teil der Bewegung‘, fällt mir auf, dass das reine Ideologie ist. Dass all diese Leute wegen Aufruhrs und Plünderungen auf die Straße kamen und bei Ausschreitungen und Plünderungen mitgemacht haben – das ist die Bewegung. Und zu sagen, dass es von der Bewegung ablenkt oder das sei, was der Staat wolle, spiegelt meiner Meinung nach bestenfalls eine wirklich intensive Verwirrung und im schlimmsten Fall eine angeborene anti-schwarze und anti-liberatorische Perspektive wider.“

Schwarze hält Osterweil nämlich für geborene Plünderer (obwohl die meisten Plünderer in Portland wahrscheinlich weiße Studenten sind und Eltern haben, die für sie 24.712 Dollar Studiengebühr pro Semester zahlen). Dass er von seinen linken Gesprächspartnern, die sonst für Rassismus einen feinen Geruchssinn haben, nicht als der Rassist bezeichnet wird, der er ist, liegt daran, dass er ja als Linker passiert und Plünderungen für etwas Gutes hält. So hat das seine Ordnung.

Der Krieg aller gegen alle

Die Gesellschaft, die auf Waren und Profiten beruhe, sei „historisch neuartig und relativ jung“, schreibt Osterweil, womit er wohl meint, dass es in der Steinzeit keine Grundbücher gab, in denen die Höhlen verzeichnet wurden. „Plünderung, insbesondere, wenn sie von ethnisierten Leuten verübt wird, die sich gegen die Polizei und den Staat erheben, schneidet direkt durch diese Geschichte“, schreibt er weiter. „Sie missachtet öffentlich und gemeinschaftlich die Eigentumsrechte des Ladenbesitzers und zeigt, dass diese Rechte nur durch die Gewalt der Polizei gewahrt werden.“ Das stimmt freilich nicht.

Zwar gibt es in der arbeitsteiligen Gesellschaft eine Polizei; wo es sie aber nicht gibt, kann jeder, der etwas zu verteidigen hat, die Angreifer auch selbst zurückschlagen. Das ist der Naturzustand, den der englische Philosoph Thomas Hobbes in seiner staatstheoretischen Abhandlung Leviathan (1651) den Krieg aller gegen alle (bellum omnia contra omnes) nennt. Diesen Zustand zeichnet laut Hobbes aus, das jeder das Recht auf alles hat und sich nimmt, was er will, mit der Folge, dass niemand sich seines Eigentums und seines Lebens sicher ist. Auch der Plünderer muss fürchten, dass im nächsten Augenblick ein Stärkerer kommt und ihm alles wegnimmt.

Kultur, Handel, Wissenschaft, Schiffahrt und Güterproduktion seien unter solchen Umständen nicht möglich, so Hobbes. Jeder lebe in Unsicherheit und Angst vor einem gewaltsamen frühen Tod. Darum werden die Menschen laut Hobbes dieses Zustands schnell müde und einigen sich darauf, dass niemand sich ein Recht nimmt, das er anderen nicht auch einräumen würde, im Sinne der Goldenen Regel: „Und wie ihr wollt, dass euch die Leute behandeln sollen, so behandelt auch ihr sie gleicherweise!“ (Lukas 6, 31).

Osterweil, so kann man dessen Buch resümieren, will zurück zum bellum omnia contra omnes. Sein Verlag sieht das etwas anders. „Das Scannen, Hochladen und Vervielfältigen dieses Buches ohne Genehmigung ist ein Diebstahl der Rechte des Autors“, heißt es im Schutztitel. „Wenn Sie die Genehmigung haben möchten, das Material zu nutzen, kontaktieren Sie bitte permissions@hbgusa.com. Danke, dass Sie die Rechte des Autors unterstützen.“

„Die Plünderer wissen, was sie tun“

Osterweil befürwortet indessen nicht nur das Plündern und Stehlen, das Buch ist ein Lob jeglicher Gewalt, die sich einen linken Anstrich gibt. Über die Krawalle von Ferguson schreibt Osterweil, dass dort auch auf Polizisten geschossen worden sei. Weil die Polizei kein Interesse daran gehabt habe, das bekannt zu machen, sei dies eine wenig bekannte Tatsache – und eine, die der Autor billigt. Man sollte auch nicht vergessen, Geschäfte in Brand zu stecken:

„Wenn eine Sache geplündert wird, wird ihre Eigenschaft als Ware zerstört, indem sie umsonst genommen wird, außerhalb des Kreises von Tausch und Profit. Alles im Laden wandelt sich von der Ware zum Geschenk. Weniger abstrakt ist, dass auf das Plündern üblicherweise das Anzünden des Geschäfts folgt.“

Da wird sich das Erscheinungsbild unserer Städte demnächst sicherlich verändern. Wie sehr? Im Interview mit der Huffington Post fordert Osterweil dazu auf, den Plünderern zu „vertrauen“:

„Wir können den Menschen vertrauen, mit denen wir in einer Bewegung sind, und ihnen vertrauen, dass sie wissen, was sie tun. Ich vertraue darauf, dass die Menschen im Grunde versuchen, sich zu befreien, und die Taktik anwenden, die ihnen dafür angemessen erscheint.“

Die Basis, auf der Osterweil sein Lob der Gewalt verankert sehen will, ist die Geschichte der Sklaverei in Amerika. Wer Häuser anzündet und auf Polizisten schießt, der bekämpft laut Osterweil „das weiße, suprematistische Cis-Heteropatriarchat“. Wohl jeder kennt das Diktum des französischen Anarchisten und Antisemiten Pierre Joseph Proudhon (1809-1865): „Eigentum ist Diebstahl.“ Bei Osterweil ist Eigentum gleichbedeutend mit (weißem) Rassismus und Sklaverei. Die angeblich „400-jährige Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika“ sei eine von „Siedlerkolonialismus“ und „Rassismus“. Alles Eigentum basiere entweder auf dem Genozid an den Ureinwohnern oder der Sklaverei:

„Die eigentliche Grundlage für Eigentum in den USA ist das Weißsein und die Unterdrückung der Schwarzen, die Geschichte der Sklaverei und die Herrschaft der Siedler über das Land. Plünderung trifft das Herz des Eigentums, des Weißseins und der Polizei.“

Die Polizei nämlich ist für Osterweil nichts anderes als ein Verbündeter der Sklaverei. Das könne man schon daran erkennen, dass sie, wie er glaubt, aus der Jagd auf entflohene Sklaven heraus entstanden sei. Heute erfülle sie immer noch die gleiche Funktion.

Die Manson Family wollte 1969 mit ihren Morden in Los Angeles einen „Rassenkrieg“ zwischen Weißen und Schwarzen anzetteln. Das will Osterweil auch. Er verachtet alle Schwarzen, die keine Plünderer und Brandstifter sind: Sie sind in seinen Augen „Kollaborateure“ und sell-outs, Leute, die ihre Integrität verkaufen. Gewaltlosigkeit sei „ein bankrottes Konzept“, schreibt er an einer Stelle, „befrachtet mit moralischer Selbstgerechtigkeit, aber ohne eigentlichen Inhalt“, sie bürde „den Unterdrückten das gesamte moralische Gewicht der Politik auf“.

Diejenigen Linken, die von sich sagten, sie seien „gewaltlos“, gäben damit ihre Zustimmung zu der „furchtbaren Gewalt des Staates, des Kapitalismus, des weißen Suprematismus, des Imperialismus, des Cisheteropatriarchats und des Siedlerkolonialismus“. Der Marsch auf Washington unter der Führung von Martin Luther King im August 1963? Ein Projekt von sell-outs der „Mittelschicht“, die mit der Regierung „kollaboriert“ und dabei die „Arbeiterklasse“ verkauft hätten, statt, wie es sich gehört hätte, einen „bewaffneten Aufstand“ zu machen.

Bei den von ihm akribisch aufgeführten Beispielen schwarzer Militanz in der amerikanischen Geschichte kommt der Autor nicht umhin, zuzugeben, dass auch Schwarze dabei getötet wurden. Etwa beim Massaker von Tulsa im Jahr 1921, als es im Zuge eines versuchten Lynchmords an einem Schwarzen zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen Schwarzen und weißen Rassisten kam. Am Ende war eine mutmaßlich dreistellige Zahl von Schwarzen tot, Wohn- und Geschäftsviertel von Schwarzen waren zerstört. Für Osterweil kein Grund, das Ereignis nicht in einem positiven Licht – mit „Stolz“ – zu sehen: Schließlich seien ja auch viele Weiße getötet und Läden von Weißen zerstört worden. Da habe sich das doch unterm Strich gelohnt.

Kein Deckchensticken

„Die Revolution“, schrieb Mao Tse-Tung, „ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen oder Deckchensticken, sie kann nicht so fein, so gemächlich und zartfühlend, so maßvoll, gesittet, höflich, zurückhaltend und großherzig durchgeführt werden. Die Revolution ist ein Aufstand, ein Akt der Gewalt.“

Es ist ein schlecht gehütetes Geheimnis der Weltgeschichte, dass Gewalt für Kommunisten und andere radikale Linke nicht etwa ein Mittel ist, um politische Ziele zu erreichen, sondern selbst das Ziel. Auch bei Osterweil ist das offensichtlich. Er schreibt:

„Wenn wir eine neue Welt wollen, müssen wir lernen, in der strahlblauen Uniform des Polizisten, im Handschlag des grinsenden Politikers, in der Penthouse-Suite des Bankiers die ganze schreiende Gewalt der weißen Randalierer und Lynchmobs zu sehen, die sie geschaffen haben. Nur wenn wir einen solchen ‚Frieden‘ für unerträglich halten, können wir uns vorstellen, wie wirklicher Frieden aussehen könnte und was nötig ist, um dorthin zu gelangen.“

Im Klartext heißt das: Das Blutvergießen muss erst einmal richtig in Gang kommen, bevor man überhaupt anfangen kann, darüber nachzudenken, wohin es eigentlich führen soll. Ladenbesitzer sind für Osterweil weiße Ausbeuter, Plünderer sind schwarz. Hat er das empirisch überprüft? Natürlich nicht. Er glaubt auch, dass Plünderer „Buchläden verschonen“ würden. Im NPR-Interview sagte er:

„In Minneapolis gab es eine kleine unabhängige Buchhandlung, die unberührt blieb. Alle Blöcke um sie herum wurden geplündert oder sogar eingeebnet und niedergebrannt. Und dieser Laden blieb von wochenlangen Ausschreitungen verschont.“

Tatsächlich: Wie man auf einem Foto sehen kann, hatte der Laden im Schaufenster ein großes Transparent angebracht, auf dem stand: „Schafft die Polizei ab.“ Man muss sich zu helfen wissen. Auf Twitter schrieb der Ladeneigentümer über die Plünderungen und Zerstörungen:

„Wir sind okay. Was den Nachbarn und der Community widerfahren ist, bricht uns das Herz. Schafft die Polizei ab.“ 

Nicht alle Buchläden konnten sich retten, indem sie die schwarze Flagge der Plünderer hissten. Zahlreiche Comicläden wurden geplündert und verwüstet. In Chicago zerstörten die Plünderer einen katholischen Buchladen. Jetzt beten die Nonnen, die ihn betreiben, für die Plünderer.

„Nicht das Amerika, in das ich gekommen bin“

Jemand, der noch nicht erkannt hat, welche befreiende Wirkung das Plündern hat, ist die indische Einwandererfamilie Khindri aus Kenosha, Wisconsin. Sie hatte einen Gebrauchtwagenhandel, ehe ein Antifa-Mob Ende August ihre 137 Autos abfackelte. Anmol Khindri, dem das Geschäft gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder gehört, beschrieb, wie diese das Geschäft aufgebaut hatte, „Reifen für Reifen“, angefangen mit sieben Gebrauchtwagen. Die Brandstifter kamen in zwei aufeinander folgenden Nächten des „Protests“. In der ersten Nacht richteten sie einen Schaden von 1,5 Millionen Dollar an. In der zweiten Nacht kamen sie zurück und zündeten die restlichen Autos an.

Der Schaden beläuft sich nun auf 2,5 Millionen Dollar. Khindri sagte, er sei zunächst zuversichtlich gewesen, dass die Versicherung des Autohauses den Schaden decken würde. Doch die habe gleich abgelehnt: „Das ist inländischer Terrorismus, den decken sie nicht ab“, so Khindri. „Ich bin angeschmiert. Ich bin bankrott.“ So etwas, sagt er, wünsche er niemandem, auch nicht seinen Feinden.

Er glaube nicht, dass die Brandstifter irgendwelche „politischen Probleme“ mit seinem Standort gehabt hätten, sagt Khindri. „Das einzige Problem ist, dass wir direkt am Gerichtsgebäude waren. Die Polizeibehörden haben sie in die Stadt gelassen und als erstes haben sie herausgefunden: ‚Hier ist ein Autohaus, lasst es uns niederbrennen.'" Alle hätten zugesehen, wie alles zu Asche verbrannt sei, „niemand hat etwas unternommen, nichts“, so Khindri. Weiter sagte er: „Ich bin auch eine Minderheit. Ich bin eine braune Person. Dies ist nicht das Amerika, in das ich gekommen bin. Ich konnte mir so etwas nicht einmal vorstellen.“

Nein, es ist nicht das Amerika, in das Herr Khindri gekommen ist. Damals gab es auch noch keine Massenbewegung zur Abschaffung der Polizei, die sogar von Mitgliedern des US-Kongresses unterstützt wird.

Oft liest man, ein Buch treffe den Zeitgeist. Osterweils Lob des Plünderns und der Gewalt trifft zumindest eine Stimmung von Teilen der amerikanischen Gesellschaft. Im Juni sperrten Antifa-Militante in Seattle ein Gebiet von sechs Häuserblocks mit Barrikaden ab und erklärten es zum Capitol Hill Organized Protest (CHOP), einer „polizeifreien Zone“. Dort gab es Zelte, ein „Dekolonisierungskonversationscafé“ „und sogar eine medizinische Station“, schrieb die New York Times. „Das sogenannte CHOP wurde zu einem Experiment, wie man ohne Polizei die Ordnung aufrechterhält“, so die Zeitung.

CNN fragte Seattles linke Bürgermeisterin Jenny Durkan, wie lange das so gehen solle, und sie antwortete: „Ich weiß nicht, vielleicht wird es ein summer of love.“ Wurde es nicht. Schwer bewaffnete Linksextremisten richteten Checkpoints ein. So etwas habe es „noch nie zuvor gegeben“, sagte Carmen Best, die Polizeichefin von Seattle, später in einem Interview. Ein Anwohner namens Matt Mitgang sagte der New York Times, er habe die Situation anfangs mit „vorsichtigem Optimismus“ beobachtet. Das habe sich geändert, als seine Nachbarn den Notarzt riefen, weil eine ältere Person ernste medizinische Probleme zu haben schien. Der Notarzt kam nicht. „Die Station ist weniger als einen Häuserblock entfernt, aber sie sind nie gekommen. Ich glaube, an dem Punkt wurden viele von uns wirklich verunsichert.“

Nach gut drei Wochen, am 1. Juli, brach Bürgermeisterin Durkan den „Sommer der Liebe“ ab, nachdem in der polizeifreien Zone mehrere Menschen erschossen worden waren. Mit Panzerwagen und Sturmgewehren übernahm die Polizei wieder die Kontrolle, schweres Gerät war notwendig, um die Barrikaden abzuräumen. Im folgenden Monat reichte Carmen Best ihren Rücktritt ein. Sie war die erste Schwarze an der Spitze der Polizei von Seattle gewesen. Seit dem 2. September ist sie nicht mehr im Amt. Anders, als Osterweil und seine Sympathisanten sich das vorstellen, gibt es keinen Krieg zwischen Weißen und Schwarzen, sondern zwischen Verteidigern der Zivilisation und denen, die sie zerstören wollen.

Noch kein Rezensent hat darauf hingewiesen, dass Osterweil an einer Stelle des Buches Mao und Che Guevara lobt. Beide hätten mit ihm, einem Homosexuellen, kurzen Prozess gemacht. Es ist typisch für das gegenwärtige Amerika: Jemand, der dort tun kann, was er will und mit seiner Klatsche sogar viel Aufmerksamkeit bekommt und Geld verdient, verteufelt die USA als das schlimmste Land der Welt, während er mit denen sympathisiert, die ihn umbringen oder in ein Konzentrationslager sperren würden.

Der Philosoph Allan Bloom (1930-1992) hat all das schon 1987 beschrieben, in seinem Bestseller The Closing of the American Mind. An amerikanischen Universitäten werde nach Fehlern der amerikanischen Gesellschaft gesucht, schrieb er damals, während Studenten nichts über deren Vorzüge wüssten und die Feinde Amerikas völlig unkritisch sähen. Ebenfalls passend war Blooms Bemerkung, dass die Linke eine „Freude am Messer“ habe; nicht der „langweilig gewordene Karl Marx“ sei ihr Leitbild, sondern ein „Nietzscheismus“, den Bloom mit Nietzsches Ausspruch umriss: „Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.“

 

Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten


Autor: Stefan Frank
Bild Quelle: Lorie Shaull CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons


Donnerstag, 17 September 2020

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