Wenn ein Bürgermeister in Schweigen flüchtet: Antisemitische Einschüchterung vor New Yorker Synagoge und die gefährliche Doppelmoral der StadtspitzeWenn ein Bürgermeister in Schweigen flüchtet: Antisemitische Einschüchterung vor New Yorker Synagoge und die gefährliche Doppelmoral der Stadtspitze
Vor einer traditionsreichen Synagoge brüllen Aktivisten „globalize the intifada“ und „death to the IDF“. Doch der künftige Bürgermeister Zohran Mamdani relativiert – und spricht von „Missbrauch heiliger Räume“. Für viele jüdische New Yorker ist dies ein Wendepunkt.

By Bingjiefu He - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=166035777
Die Bilder aus Manhattan sind schwer zu übersehen – und noch schwerer zu ertragen. Rund zweihundert radikale Aktivisten stehen dicht gedrängt vor der Park East Synagogue, einem Haus, dessen Rabbiner die Schrecken der PogromePogrom: Wenn Hass zur Jagd auf Juden wirdEin Pogrom ist eine kollektive Gewalttat gegen eine Minderheit, besonders gegen Juden. Der Begriff wurde durch antijüdische Gewalt im Russischen Reich bekannt, die Form der Gewalt ist jedoch viel älter.Mehr lesen von 1938 als Kind überlebte. Statt Respekt oder Zurückhaltung hallten Rufe durch die Straße, die jüdischen New Yorker seit Oktober 2023 viel zu vertraut geworden sind: „Globalize the intifadaIntifada: Ein Wort für Terror gegen IsraelIntifada bedeutet wörtlich etwa „Abschütteln“. Politisch bezeichnet der Begriff vor allem zwei palästinensische Gewaltwellen gegen Israel. Besonders die Zweite Intifada wurde durch Selbstmordanschläge, Schussangriffe und Terror gegen israelische Zivilisten geprägt. Heute wird der Begriff oft leichtfertig als Parole benutzt.Mehr lesen“, „Death to the IDF“ und rohe Beleidigungen, die eindeutig jüdische Besucherinnen und Besucher trafen. Die Polizei hielt Gruppen auseinander, stoppte das Szenario aber nicht.
Man könnte erwarten, dass ein Bürgermeister in Wartestellung klare Worte findet. Doch Zohran Mamdani, dessen pro-palästinische Positionen seit Jahren bekannt sind, tat genau das Gegenteil. In einer Erklärung ließ er über seine Sprecherin mitteilen, er „verurteile die Sprache“ – um dann im gleichen Atemzug zu suggerieren, dass das eigentliche Problem nicht die Demonstrierenden seien, sondern die Veranstaltung selbst. Ein Treffen des israelischen Einwanderungsnetzwerks Nefesh B’Nefesh in einer Synagoge, so Mamdani, stelle eine „Nutzung eines heiligen Raumes für Aktivitäten dar, die internationales Recht verletzen“.
Eine Formulierung, die viele jüdische New Yorker fassungslos zurückließ. Denn Mamdani bot keinerlei Erklärung, auf welches „internationale Recht“ er sich bezieht, und wich jeder klaren Verurteilung antisemitischer HetzeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen aus. Dass dieselbe Person wenige Wochen zuvor eine Swastika an einer Jeschiwa als „bösartige antisemitische Attacke“ bezeichnete, macht die Diskrepanz nur noch größer. Wenn Juden wegen ihrer religiösen Identität und möglicher Auswanderungspläne bedroht werden, bleibt die Empörung aus.
Gleichzeitig verurteilten prominente jüdische Stimmen die Geschehnisse deutlich: Der New Yorker Comptroller-elect Mark Levine sprach von „unerträglicher Einschüchterung“, die UJA-Federation nannte die Slogans „klare Aufrufe zur Gewalt“, und Gemeindevorstände der Park East warfen der Polizei vor, die Demonstrierenden nicht einmal auf die Parallelstraßen verwiesen zu haben – obwohl der Protest lange im Voraus angemeldet war.
Die Veranstalter von Nefesh B’Nefesh, seit zwei Jahrzehnten aktiv in der Beratung nordamerikanischer Juden über mögliche Auswanderung, wurden von den Demonstranten pauschal als „Siedler-Rekrutierer“ diffamiert. Eine radikale Verzerrung, die sich seit Jahren in bestimmten politischen Milieus festsetzt: Für manche Aktivisten gilt jeder Jude, der nach IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen übersiedelt, automatisch als „Siedler“ und damit als legitimes Angriffsziel. Dieser Logik zufolge werden mehrere zehntausend zivile Einwanderer aus Nordamerika zu Komplizen eines Verbrechens erklärt, das nur in der Vorstellung der Protestierenden existiert.
In dieser Rhetorik steckt eine gefährliche Radikalisierung. Sie schafft ein Klima, in dem jüdische Institutionen nicht mehr einfach Orte des Gebets sind, sondern Kulisse für Feindbilder, und in dem Synagogen zu „politischen Arenen“ erklärt werden – ganz gleich, ob die Gemeinde das will oder nicht. Für viele Betroffene war der Satz eines Demonstranten der erschreckendste: „We need to make them scared.“ Ein Satz, der alles sagt über die Intention solcher Proteste.
Dass Mamdani auf diesen offensichtlichen Einschüchterungsversuch nicht direkt eingeht, sondern stattdessen die Veranstaltung problematisiert, lässt einen dunklen Schatten auf seine zukünftige Amtsführung fallen. Bürgermeister Eric Adams, der sich derzeit auf Auslandsreise befindet, fand die deutlichsten Worte: „Heute ist es eine Synagoge, morgen eine Kirche oder Moschee. Wir dürfen diese Stadt nicht radikalen Kräften überlassen.“
Für jüdische New Yorker bleibt diese Nacht ein Menetekel. Ein Warnsignal dafür, wie schnell moralische Maßstäbe verschoben werden können, wenn sich politische Loyalitäten mit ideologischen Projektionen überschneiden. Und eine Erinnerung daran, dass AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen im Gewand politischer Parolen nicht weniger gefährlich ist als der offene Hass, den man aus der Vergangenheit kennt.
Es bleibt die zentrale Frage, die Mamdani bislang unbeantwortet lässt: Wenn eine Synagoge nicht mehr als sicherer Raum anerkannt wird, sondern als Ort, dessen Nutzung kommentiert und delegitimiert werden darf – wohin soll jüdisches Leben dann ausweichen?
Autor: Redaktion
Samstag, 22 November 2025