Trump-Regierung greift Antisemitismus-Forscher an und riskiert ihre eigene GlaubwürdigkeitTrump-Regierung greift Antisemitismus-Forscher an und riskiert ihre eigene Glaubwürdigkeit
Ein Mann, der jahrelang als Partner jüdischer Organisationen galt, gerät ins Visier der US-Regierung. Der Fall Imran Ahmed wirft unbequeme Fragen auf über Macht, Meinungsfreiheit und den Preis, den man zahlt, wenn man Tech-Giganten herausfordert.
Die Trump-Regierung hat sich den Kampf gegen Antisemitismus auf die Fahnen geschrieben. Kaum ein außenpolitisches oder innenpolitisches Statement kommt ohne diese Selbstvergewisserung aus. Umso größer ist die Irritation über einen Schritt, der nun genau dieses Versprechen untergräbt. Das US-Außenministerium hat angekündigt, den Aufenthaltsstatus von Imran Ahmed prüfen und faktisch entziehen zu wollen. Ausgerechnet jenem Mann, der seit Jahren als einer der profiliertesten Forscher zur digitalen Verbreitung von Antisemitismus gilt.
Imran Ahmed ist kein Aktivist aus dem Randbereich. Der in Großbritannien geborene Forscher leitete Studien, die von jüdischen Dachverbänden, israelischen Institutionen und US-Behörden genutzt wurden. Er arbeitete mit der Anti Defamation League und den Jewish Federations of North America zusammen, trat auf Konferenzen mit hochrangigen Republikanern auf und unterstützte Forderungen, die lange Zeit auch von Konservativen getragen wurden. Seine Forschung diente als Grundlage politischer Entscheidungen.
Umso schwerer wiegt der Vorwurf, den US-Außenminister Marco Rubio öffentlich erhob. Er sprach von angeblicher ausländischer Zensur und einer Gefährdung amerikanischer Bürger. Ein schweres Wort. Ein Wort, das Konsequenzen hat. Und ein Wort, das bislang nicht mit belastbaren Beweisen unterfüttert wurde.
Dabei geht es nicht um ein Visum im klassischen Sinne. Ahmed besitzt seit 2021 eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, eine sogenannte Green Card. Er lebt in Washington, arbeitet dort, zahlt Steuern und leitet eine in den USA registrierte gemeinnützige Organisation. Juristisch ist sein Status klar. Politisch offenbar nicht.
Ein gefährlicher Präzedenzfall
Was diesen Fall so brisant macht, ist nicht allein das Schicksal einer Person. Es ist das Signal, das davon ausgeht. Ein Forscher, der Antisemitismus auf sozialen Plattformen analysiert und dokumentiert, wird plötzlich als Sicherheitsproblem dargestellt. Nicht wegen Gewalt, nicht wegen Aufrufen zu Hass, sondern wegen Forschungsergebnissen, die mächtige Konzerne unter Druck setzen.
Ahmed selbst reagierte früh. Er beantragte eine gerichtliche Schutzanordnung, um eine Inhaftierung ohne Verfahren zu verhindern. Diese wurde verlängert. Das allein zeigt, wie real die Gefahr eingeschätzt wird. In einem Land, das sich auf Rechtsstaatlichkeit beruft, ist das ein alarmierender Zustand.
Seine Unterstützer sehen darin mehr als eine Einzelentscheidung. Sie sprechen von einer politischen Abrechnung. Amy Spitalnick, Chefin des Jewish Council of Public Affairs, nannte das Vorgehen offen gefährlich. Sie kennt Ahmed seit Jahren aus gemeinsamer Arbeit gegen Online-Hass. Auch andere jüdische Stimmen äußerten Unverständnis. Nicht leise, sondern deutlich.
Die offizielle Linie der Regierung bleibt vage. Man beruft sich auf das souveräne Recht, Ausländer auszuweisen. Doch genau hier liegt der Widerspruch. Ahmed ist kein temporärer Gast. Er ist rechtlich integriert. Wer diesen Status politisch infrage stellt, öffnet eine Tür, die sich nicht leicht wieder schließen lässt.
Zwischen Antisemitismus-Bekämpfung und Machtinteressen
Ahmed selbst sieht die Ursache woanders. Nicht in der Pandemie, nicht in alten Studien, sondern in seiner aktuellen Arbeit. Seine Organisation, das Center for Countering Digital Hate, hat wiederholt gezeigt, wie soziale Netzwerke antisemitische Inhalte belohnen, verbreiten und monetarisieren. Namen wurden genannt. Mechanismen offengelegt. Verantwortung eingefordert.
Damit hat er sich mächtige Gegner gemacht. Besonders im Umfeld der großen Plattformen. Der Milliardär Elon Musk, Eigentümer von X, reagierte auf die Ankündigung der Sanktionen mit Spott. Ein Detail, das im politischen Washington nicht übersehen wird.
Für jüdische Organisationen ist die Lage unangenehm. Viele schätzen Ahmeds Arbeit. Gleichzeitig stehen sie einer Regierung gegenüber, die sich als Schutzmacht gegen Antisemitismus inszeniert. Einige reagieren vorsichtig, andere schweigen. Diese Zurückhaltung ist menschlich verständlich, politisch jedoch problematisch.
Denn der Kern der Sache ist simpel. Wenn jemand, der Antisemitismus erforscht, kriminalisiert wird, weil seine Erkenntnisse wirtschaftliche Interessen stören, dann verliert der Begriff Antisemitismus-Bekämpfung seine Substanz. Dann wird er zum politischen Werkzeug.
Ahmed selbst wirkt gefasst. Er vertraut auf die Gerichte. Auf das System. Auf die Idee, dass Fakten am Ende zählen. Doch unabhängig vom Ausgang bleibt ein bitterer Beigeschmack. Die Frage, wie ernst es einer Regierung wirklich ist, wenn sie sagt, sie wolle jüdisches Leben schützen.
Dieser Fall wird bleiben. Als Warnsignal. Als Testfall. Und als Erinnerung daran, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht glaubwürdig geführt werden kann, wenn diejenigen bekämpft werden, die ihn sichtbar machen.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By The White House - https://www.flickr.com/photos/202101414@N05/55027625476/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=181379727
Mittwoch, 07 Januar 2026