Juden in New York häufiger Ziel von Hassverbrechen als alle anderen Gruppen zusammenJuden in New York häufiger Ziel von Hassverbrechen als alle anderen Gruppen zusammen
Zum zweiten Jahr in Folge richten sich mehr Hassdelikte gegen Juden als gegen alle anderen Gruppen zusammen. Neue Zahlen der Polizei zeigen das Ausmaß und stellen die Stadtpolitik vor eine Bewährungsprobe.
New York versteht sich als Symbol von Vielfalt, Freiheit und Zusammenleben. Doch die aktuellen Zahlen der Polizei erzählen eine andere Geschichte. Jüdische New Yorker waren im Jahr 2025 häufiger Ziel von Hassverbrechen als alle anderen Bevölkerungsgruppen zusammen. Zum zweiten Mal in Folge. Diese Entwicklung ist kein statistischer Ausrutscher, sondern ein Alarmsignal.
Nach Angaben des New York City Police Department entfielen 330 der registrierten Hassdelikte auf antisemitische Motive. Das entspricht 57 Prozent aller gemeldeten Fälle, obwohl Juden nur etwa zehn Prozent der Stadtbevölkerung stellen. Zwar ging die Gesamtzahl der Hassverbrechen leicht zurück, ebenso die Zahl antisemitischer Vorfälle. Doch ihr Anteil am Gesamtbild ist weiter gestiegen. Antisemitismus bleibt die konstanteste und prägendste Form von Hasskriminalität in der Metropole.
Polizeipräsidentin Jessica Tisch sprach von Zahlen, die nicht hinnehmbar seien. Antisemitismus sei die dauerhafteste Bedrohung, mit der die Stadt konfrontiert sei. Die Polizei werde weiterhin jede Gemeinschaft schützen, die aufgrund ihrer Identität angegriffen werde. Worte, die entschlossen klingen, aber bei vielen Betroffenen kaum noch Beruhigung auslösen.
Bereits in den Jahren zuvor zeigte sich der Trend. 2023 wurden 323 antisemitische Vorfälle registriert, 2024 waren es 339. Der leichte Rückgang im vergangenen Jahr ändert nichts an der strukturellen Realität. Juden sind in New York das mit Abstand häufigste Ziel von Hass.
Die Veröffentlichung der Zahlen fällt in eine politisch sensible Phase. Der neue Bürgermeister von New York, Zohran Mamdani, steht seit seinem Amtsantritt unter besonderer Beobachtung jüdischer Gemeinden. Viele erinnern sich an seine politische Vergangenheit, die von israelkritischem Aktivismus geprägt war. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an klare Signale gegen Antisemitismus.
Diese blieben aus Sicht vieler Organisationen bislang unzureichend. Ein Zusammenschluss jüdischer Verbände kritisierte kürzlich eine Anordnung des Bürgermeisters, mit der die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance zur Beschreibung von Antisemitismus aus der Stadtpolitik entfernt wurde. Ebenso wurden Regelungen zurückgenommen, die Aktivitäten der Israelboykottbewegung einschränkten.
Zugleich lobten dieselben Gruppen, dass Mamdani das von seinem Vorgänger Eric Adams eingerichtete Büro zur Bekämpfung von Antisemitismus fortführt. Doch diese Ambivalenz sorgt für Unsicherheit. Viele Juden fragen sich, ob politische Symbolik und tatsächlicher Schutz noch zusammenpassen.
Bei der gemeinsamen Pressekonferenz verteidigte Mamdani die Überprüfung bestehender Polizeirichtlinien. Es gehe darum, bisherige Maßnahmen zu evaluieren und transparent vorzulegen. Für Menschen, die regelmäßig Polizeischutz vor Synagogen sehen oder selbst Ziel von Angriffen wurden, wirkt diese Sprache technokratisch und distanziert.
Deutlichere Worte kamen von der Gouverneurin des Bundesstaates New York, Kathy Hochul. Sie kündigte an, gesetzliche Schutzbereiche rund um Gotteshäuser einführen zu wollen. Diese Sicherheitszonen sollen es Gläubigen ermöglichen, ihre Gebetsstätten ohne Angst vor Bedrohung oder aggressiven Protesten zu betreten.
Hochul machte klar, dass Religionsfreiheit ohne Sicherheit nicht existiert. Ihre Initiative soll in der kommenden Grundsatzrede zur Lage des Bundesstaates vorgestellt werden. Für viele jüdische Gemeinden ist das ein längst überfälliger Schritt. Angriffe auf Synagogen, Beschimpfungen auf offener Straße und Demonstrationen direkt vor Gebetshäusern haben das Sicherheitsgefühl massiv untergraben.
Der Kern des Problems reicht jedoch tiefer. Antisemitismus in New York ist kein Randphänomen extremistischer Gruppen. Er speist sich aus verschiedenen politischen Milieus, aus Verschwörungsdenken, aus importierten Konflikten und aus einer zunehmenden Verrohung des öffentlichen Diskurses. Dass ausgerechnet Juden in einer Stadt wie New York mehr Hass erfahren als jede andere Gruppe, ist ein gesellschaftlicher Offenbarungseid.
Die Zahlen der Polizei sind keine abstrakten Statistiken. Hinter jedem Fall steht ein Mensch, der bedroht, beleidigt oder angegriffen wurde. Ein Kind mit Kippa auf dem Schulweg. Eine ältere Frau auf dem Weg zur Synagoge. Eine Familie, die sich fragt, ob Sichtbarkeit noch sicher ist.
New York steht vor einer klaren Entscheidung. Entweder bleibt Antisemitismus ein Problem, das bedauert, aber hingenommen wird. Oder die Stadt zieht endlich eine politische und gesellschaftliche Grenze. Die Zahlen lassen keinen Interpretationsspielraum mehr.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By diluvi.com Anna i Adria - jueus ultraortodoxes satmar a brooklyn, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3783269
Donnerstag, 08 Januar 2026