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„Doppelagent für Israel?“ Wie ein antisemitisches Klischee den US-Wahlkampf erreichte

„Doppelagent für Israel?“ Wie ein antisemitisches Klischee den US-Wahlkampf erreichte


Dass ein jüdischer Gouverneur im Bewerbungsverfahren für das Amt des Vizepräsidenten mit der Frage nach angeblich geteilter Loyalität konfrontiert wird, ist kein Ausrutscher. Es ist ein alarmierendes Signal dafür, wie tief alte antisemitische Denkmuster selbst in westlichen Demokratien verankert sind.

„Doppelagent für Israel?“ Wie ein antisemitisches Klischee den US-Wahlkampf erreichte

Die Enthüllung wirkt auf den ersten Blick kaum glaubhaft. Und doch steht sie nun schwarz auf weiß. Josh Shapiro, Gouverneur von Pennsylvania, wurde im Zuge des Auswahlverfahrens für die demokratische Vizepräsidentschaftskandidatur 2024 gefragt, ob er ein „Doppelagent für Israel“ sei. Nicht in einer Talkshow, nicht auf Social Media, sondern im offiziellen Vetting Prozess einer Präsidentschaftskampagne.

Die Information stammt aus Shapiros neuem Buch „Where We Keep the Light“, in dem er die intensive Prüfung schildert, der er als möglicher Running Mate von Kamala Harris ausgesetzt war. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Besonders scharf äußerte sich Aaron Keyak, ehemaliger stellvertretender Sondergesandter der US Regierung zur Bekämpfung von Antisemitismus.

Keyak bezeichnete die Frage als „erschütternd“ und als eindeutige Anwendung eines doppelten Maßstabs. Es handele sich nicht um politische Neugier, sondern um ein uraltes antisemitisches Narrativ. Die Vorstellung, Juden seien innerlich zerrissen zwischen ihrem Heimatland und Israel, ist eines der langlebigsten Vorurteile der Geschichte. In diesem Fall wurde es nicht einmal verschleiert.

Die Absurdität liegt offen zutage. Niemand hätte den damaligen Kandidaten Tim Walz gefragt, ob er ein Agent eines anderen Staates sei. Kein irischstämmiger Politiker muss erklären, ob seine Loyalität Dublin gilt. Kein katholischer Kandidat wird auf geheime Bindungen an den Vatikan überprüft. Nur bei Juden scheint diese Frage für manche legitim.

Keyak weist zu Recht darauf hin, dass die Frage nicht nur diskriminierend, sondern auch sachlich sinnlos ist. Sollte jemand tatsächlich für einen ausländischen Geheimdienst arbeiten, würde eine solche Frage keinerlei Erkenntnis bringen. Die Motivation liegt daher woanders. Einschüchterung. Signalsetzung. Oder das unbewusste Ausleben eines Vorurteils, das in sicherheitsrelevanten Strukturen offenbar noch immer präsent ist.

Besonders brisant ist, dass Keyak ähnliche Erfahrungen aus eigener Laufbahn schildert. Auch er sei bei Sicherheitsüberprüfungen anders behandelt worden als nicht jüdische Kollegen. Fragen, die ausschließlich Juden gestellt würden. Ein unausgesprochener Loyalitätstest, der mit professioneller Prüfung nichts mehr zu tun hat.

Der Zeitpunkt macht den Vorfall noch schwerwiegender. Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober ist der Antisemitismus weltweit deutlich angestiegen. In diesem Klima entfalten Worte eine andere Wirkung. Wer jüdische Politiker unter Generalverdacht stellt, legitimiert ein Denken, das Juden kollektiv für die Politik Israels verantwortlich macht. Genau dieses Muster zeigt sich derzeit auf Universitätscampus, in Protestbewegungen und zunehmend auch in politischen Institutionen.

Dabei geht es nicht um Israelkritik. Es geht um Gleichbehandlung. Keyak formuliert es klar. Juden verlangen keine Sonderrechte. Sie verlangen, nicht mit Maßstäben beurteilt zu werden, die für niemanden sonst gelten. Weder im Wahlkampf, noch im Staatsdienst, noch im öffentlichen Diskurs.

Dass die Frage nicht von Harris persönlich gestellt wurde, ändert nichts am strukturellen Problem. Sie zeigt, dass antisemitische Denkmuster nicht nur an den politischen Rändern existieren. Sie wirken auch dort, wo Macht organisiert, geprüft und verteilt wird.

Der Fall Shapiro ist deshalb mehr als eine Fußnote aus einem Wahljahr. Er ist ein Warnsignal. Wenn selbst ein Gouverneur eines großen US Bundesstaates erklären soll, wem er „wirklich“ loyal ist, dann ist klar, wie fragil die Selbstverständlichkeit jüdischer Zugehörigkeit noch immer ist.

Antisemitismus tritt selten offen auf. Oft tarnt er sich als Sicherheitsbedenken, als moralische Sorge oder als legitime Nachfrage. Genau deshalb ist es notwendig, ihn klar zu benennen, wenn er sichtbar wird. Nicht aus Empörung, sondern aus Verantwortung.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Governor Tom Wolf - https://www.flickr.com/photos/governortomwolf/52102723372/, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=118578306


Dienstag, 20 Januar 2026

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