Skandal bei Polizei in New Jersey: Jüdischer Beamter wird nach Meldung von Antisemitismus bestraftSkandal bei Polizei in New Jersey: Jüdischer Beamter wird nach Meldung von Antisemitismus bestraft
Ein amerikanischer Polizist meldet offen judenfeindliche Beleidigungen in seiner Dienststelle und wird dafür systematisch schikaniert. Statt Schutz erfährt er Ausgrenzung, Disziplinarverfahren und den Verlust beruflicher Chancen. Der Fall wirft ein düsteres Licht auf strukturellen Antisemitismus in staatlichen Behörden.
Was in Livingston im US-Bundesstaat New Jersey geschah, klingt wie ein Lehrstück darüber, wie Antisemitismus funktioniert. Nicht in dunklen Hinterzimmern extremistischer Gruppen, sondern mitten im Alltag einer Polizeibehörde. Dort, wo Recht und Gesetz durchgesetzt werden sollen, wurde ausgerechnet ein jüdischer Beamter zum Ziel offener Demütigungen und am Ende selbst zum Angeklagten.
Officer Christopher Wagner dient seit 2005 bei der Polizei von Livingston. Fast zwanzig Jahre lang verrichtete er seinen Dienst ohne größere Probleme. Doch in den vergangenen Monaten wandelte sich sein Arbeitsplatz zu einem Umfeld, das er in einer Klage als feindselig, diskriminierend und offen judenfeindlich beschreibt. Wagner hat nun vor einem Gericht in Essex County Klage gegen die Gemeinde und die Polizeibehörde eingereicht.
Laut den eingereichten Unterlagen kam es wiederholt zu antisemitischen Bemerkungen durch Kollegen. Besonders deutlich traten diese Vorfälle im Jahr 2025 auf, als es in Livingston wie in vielen Teilen der Vereinigten Staaten zu proisraelischen und propalästinensischen Demonstrationen kam. Während Wagner im Einsatz war, sollen Kollegen ihm zugerufen haben: „Deine Leute sind da draußen“, wenn Unterstützer Israels auf der Straße standen. Eine Bemerkung, die deutlich macht, wie tief die Abgrenzung zwischen „wir“ und „ihr“ in den Köpfen mancher Beamter verankert war.
Doch dabei blieb es nicht. Als Polizisten zum Verkehrsmanagement vor einer örtlichen Synagoge eingeteilt wurden, nannten einige den Einsatz spöttisch den „Hebrew 500“ eine geschmacklose Anspielung auf das berühmte Autorennen Daytona 500. Ein Kollege, der selbst nicht jüdisch ist, soll sich wiederholt in Wagners Gegenwart als „cheap Jew“, als billiger Jude, bezeichnet haben. Für Außenstehende mögen solche Sprüche als angeblicher Humor erscheinen. Für Betroffene sind sie Ausdruck einer feindlichen Atmosphäre, die das Berufsleben vergiftet.
Der vielleicht schockierendste Vorfall ereignete sich am 25. November 2025. Wagner fand auf seinem Spind ein Buch mit dem Titel „The Jew“. Wer es dort platziert hatte, blieb unklar. Doch die Botschaft war unmissverständlich. Wagner meldete den Fund einem Vorgesetzten. Statt einer ernsthaften Untersuchung folgte Schweigen. Laut der Klageschrift wurden weder von der Polizeiführung noch von den kommunalen Verantwortlichen nennenswerte Schritte unternommen.
Wagner war jedoch nicht der Einzige, der Probleme in der Dienststelle wahrnahm. Bereits 2023 hatte ein anderer Beamter eine Diskriminierungsklage gegen die Behörde eingereicht. Im Rahmen dieser Untersuchung wurde Wagner befragt. Er bestätigte die Vorwürfe seines Kollegen und bezahlte dafür einen hohen Preis.
Von diesem Moment an, so schildert es die Klage, begann eine systematische Vergeltungskampagne gegen ihn. Plötzlich wurde jede Kleinigkeit gegen ihn verwendet. Ein 18-jähriger Drogendealer beschwerte sich über Wagners Auftreten. Obwohl der zuständige Sergeant die Beschwerde als unbegründet einstufte, leitete die interne Ermittlungsabteilung bereits am nächsten Tag ein Verfahren ein. Monate später erhielt Wagner Disziplinarvorwürfe und sollte mit zwei Tagen unbezahlter Suspendierung bestraft werden.
Doch die Repressalien gingen weiter. Wagner bewarb sich um eine Beförderung zum Sergeant. Obwohl er den schriftlichen Test erfolgreich bestand und als qualifiziert galt, wurde er übergangen. Andere Beamte mit geringeren Leistungen erhielten die Beförderung. Auch eine Versetzung in die Verkehrseinheit, für die Wagner bestens geeignet gewesen wäre, wurde ihm verwehrt.
Das Muster ist deutlich: Wer Antisemitismus meldet, wird zum Problem erklärt. Nicht die Täter werden sanktioniert, sondern derjenige, der Missstände offenlegt. In ihrer Klage werfen Wagners Anwälte der Polizeibehörde vor, bewusst ein Klima der Einschüchterung geschaffen zu haben. Er habe unter einem feindseligen Arbeitsumfeld gelitten, sei diskriminiert und für seine Zivilcourage bestraft worden.
Die Verantwortlichen der Gemeinde Livingston schweigen bisher. Auf Medienanfragen reagierten weder die Stadtverwaltung noch die Polizeiführung. Dieses Schweigen spricht Bände. Es zeigt, wie schwer sich Institutionen damit tun, Antisemitismus im eigenen Haus anzuerkennen.
Der Fall ist mehr als ein lokaler Streit. Er steht beispielhaft für ein wachsendes Problem in westlichen Gesellschaften. Antisemitismus äußert sich nicht nur in Hassparolen auf der Straße oder in Extremistengruppen. Er zeigt sich auch im Alltag von Behörden, Universitäten und Unternehmen oft getarnt als Witz, Anspielung oder politische Meinung.
Dass ausgerechnet ein jüdischer Polizist in den Vereinigten Staaten den Mut haben muss, gegen Diskriminierung in seiner eigenen Behörde zu kämpfen, ist ein alarmierendes Signal. Es zeigt, wie brüchig die Versprechen von Gleichberechtigung und Respekt geworden sind.
Für Wagner geht es um mehr als nur um seine Karriere. Es geht um die grundsätzliche Frage, ob jüdische Bürger in öffentlichen Institutionen noch sicher sein können. Seine Klage fordert Schadensersatz, Anerkennung der Diskriminierung und ein Ende der Vergeltungsmaßnahmen. Doch unabhängig vom Ausgang des Verfahrens hat der Fall bereits jetzt eines bewiesen: Antisemitismus verschwindet nicht von allein. Man muss ihn benennen, bekämpfen und diejenigen schützen, die den Mut dazu haben.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Famartin - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39699868
Freitag, 06 Februar 2026