Trump ersetzt multilaterale Regeln durch amerikanische MachtpolitikTrump ersetzt multilaterale Regeln durch amerikanische Machtpolitik
Der amerikanische Präsident benutzt Sprache wie ein geopolitisches Skalpell. Hinter den Beleidigungen und Drohungen steckt eine kalkulierte Strategie zur Neuordnung der Welt.
Donald Trump redet nicht nur anders als seine Vorgänger. Er regiert anders, denkt anders und formt die internationale Politik mit einem Instrument, das lange unterschätzt wurde: mit Worten. In seiner zweiten Amtszeit ist deutlicher denn je geworden, dass Trumps verbale Attacken, seine Provokationen und seine demonstrative Missachtung diplomatischer Höflichkeitsregeln keine Ausrutscher sind. Sie sind Teil einer systematischen Doktrin.
Jahrzehntelang folgte die westliche Diplomatie einem festen Kodex. Politiker sprachen in wohltemperierten Formulierungen, wählten bewusst vage Begriffe und vermieden persönliche Angriffe. Politische Korrektheit galt als Zeichen zivilisierter Außenpolitik. Konflikte wurden in indirekter Sprache ausgetragen, Kompromisse als höchste Tugend gefeiert. Dieser Stil hatte ein klares Ziel: Spannungen abzubauen und Konflikte nicht eskalieren zu lassen.
Doch diese Art der Diplomatie brachte auch Nebenwirkungen mit sich. Kritiker warfen ihr vor, Realitäten zu verschleiern, klare Grenzen zu verwischen und Gegnern falsche Signale zu senden. Wer aus Angst vor scharfen Worten jede Konfrontation meidet, riskiert am Ende, dass niemand mehr an seine Entschlossenheit glaubt.
Mit dem Einzug Donald Trumps ins Weiße Haus im Jahr 2017 begann der Bruch mit dieser Tradition. Schon in seiner ersten Amtszeit schockierte er Verbündete wie Gegner mit direkter Sprache, groben Beleidigungen und einer beispiellosen Missachtung etablierter diplomatischer Rituale. In seiner zweiten Amtszeit hat er diese Linie nicht nur fortgesetzt, sondern radikalisiert.
Trumps Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen im September 2025 war ein markantes Beispiel. Ohne Umschweife erklärte er, Europa steuere auf den Abgrund zu. Offene Grenzen, so der Präsident, würden den Kontinent zerstören. Noch deutlicher wurde sein Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2026. Dort griff er Staats- und Regierungschefs persönlich an, drohte mit wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen und präsentierte Behauptungen, deren Wahrheitsgehalt zweifelhaft war.
Für viele traditionelle Diplomaten war dies ein Schock. Für Trump war es ein Triumph. Er zeigt keinerlei Interesse daran, die alte Ordnung zu bewahren. Im Gegenteil: Er will sie zerlegen.
Sein Kommunikationsstil besteht aus vier klar erkennbaren Elementen. Erstens aus gezielten persönlichen Beleidigungen, die politische Gegner öffentlich demütigen sollen. Zweitens aus Drohungen, formuliert in einer Sprache, die eher an Westernfilme als an diplomatische Noten erinnert. Drittens aus einer bewussten Ablehnung politischer Korrektheit, die er als ideologisches Werkzeug liberaler Eliten betrachtet. Und viertens aus einem lockeren Umgang mit Fakten, der ihm erlaubt, eigene Realitäten zu schaffen.
Viele erklären dieses Verhalten mit Trumps Persönlichkeit. Ohne Zweifel spielt sein Charakter eine Rolle. Doch wer darin nur psychologische Eigenheiten sieht, verkennt das Wesentliche. Hinter der Rhetorik steht ein strategisches Konzept. Trump ist kein Zufallsakteur. Er ist ein politischer Revisionist, der die internationale Ordnung grundlegend verändern will.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs basierte das westliche Bündnissystem auf gemeinsamen Regeln, multilateralen Institutionen und einem Wertekanon, der liberale Demokratie und internationale Zusammenarbeit betonte. Genau dieses System betrachtet Trump als gescheitert. Aus seiner Sicht hat es die Vereinigten Staaten geschwächt, Konkurrenten gestärkt und amerikanische Interessen vernachlässigt.
Seine Antwort darauf ist eine Rückkehr zur reinen Machtpolitik. Amerika zuerst ist für ihn kein Wahlkampfslogan, sondern ein strategisches Programm. In dieser Logik sind internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen eher Hindernisse als Lösungen. Abkommen zählen nur, wenn sie den Vereinigten Staaten unmittelbar nutzen.
Diese Denkweise zeigt sich in allen Bereichen seiner Außenpolitik. Sein aggressives Vorgehen gegen das Regime in Venezuela, seine unverhohlene Drohung gegenüber dem iranischen Regime, seine Forderungen nach Kontrolle über Grönland und seine kompromisslose Haltung gegenüber Kanada und Mexiko folgen derselben Linie. Trump betrachtet die westliche Hemisphäre offen als amerikanischen Einflussraum und erweitert dieses Denken auf den Nahen Osten.
Gerade aus israelischer Perspektive ist dieser Ansatz von enormer Bedeutung. Trump erkennt klar, dass die Stabilität des Nahen Ostens eine zentrale Voraussetzung für amerikanische Sicherheit ist. Seine Unterstützung für die Abraham-Abkommen, sein harter Kurs gegenüber Teheran und seine Bereitschaft, radikale Veränderungen in Gaza zu diskutieren, entspringen demselben strategischen Verständnis: Frieden entsteht aus Stärke, nicht aus Beschwichtigung.
Mit der von ihm ins Leben gerufenen sogenannten Friedensgemeinschaft geht Trump noch einen Schritt weiter. Diese Struktur, der sich bereits zahlreiche Staaten angeschlossen haben, versteht er als Alternative zu den Vereinten Nationen. Während viele europäische Länder diesen Kurs ablehnen, erkennen andere Regierungen die neue Realität und passen sich an.
Die Folgen dieser Entwicklung sind weitreichend. Trump verschiebt das Zentrum der internationalen Ordnung wieder eindeutig nach Washington. Er ist bereit, Einflusszonen mit Russland und China zu akzeptieren, solange die amerikanische Dominanz unangetastet bleibt. Damit stellt er die Grundannahmen der letzten Jahrzehnte infrage.
Europa reagiert darauf gespalten. Länder wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien versuchen, am alten multilateralen System festzuhalten. Doch ihr Widerstand wirkt zunehmend kraftlos. Viele Staaten außerhalb Europas erkennen, dass die Zeit der moralischen Diplomatie vorbei ist und sich die Spielregeln geändert haben.
Ob diese Neuordnung dauerhaft Bestand haben wird, ist offen. Viel hängt davon ab, wie sich die Vereinigten Staaten nach Trump positionieren werden. Doch im Moment deutet alles darauf hin, dass der Präsident mit seiner brachialen Rhetorik eine tiefgreifende Transformation eingeleitet hat.
Für Israel ist diese Entwicklung ambivalent, aber überwiegend positiv. Ein Amerika, das klar und unmissverständlich spricht, das seine Gegner benennt und bereit ist, Macht einzusetzen, entspricht den strategischen Interessen Jerusalems weit mehr als eine zögerliche Supermacht, die sich hinter diplomatischen Floskeln versteckt.
Trumps Worte mögen grob klingen. Doch sie erfüllen einen Zweck. Sie schaffen neue Realitäten, setzen Grenzen und zwingen die Welt, sich neu zu positionieren. In diesem Sinne sind sie tatsächlich seine präziseste Waffe.
Autor: Samuel Benning
Bild Quelle: By The White House - https://www.flickr.com/photos/202101414@N05/55081551169/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=183322435
Samstag, 07 Februar 2026