Fluchtgrund Kurzhaarschnitt: Saudische Frauen setzen sich ab

Fluchtgrund Kurzhaarschnitt: Saudische Frauen setzen sich ab


Am Dienstagabend vor der Osterwoche meldeten sich zwei junge saudische Schwestern, Maha und Wafaa al-Subaie, aus der georgischen Hauptstadt Tiflis mit einem Hilferuf per Twitter:

Sie seien aus Saudi Arabien geflohen, ihre Pässe für ungültig erklärt, und ihnen drohe zuhause die Tötung. Auch in Georgien seien sie nicht sicher. Nach einem Tag und einer ganzen Reihe weltweiter Pressemeldungen verstummte der Twitteracount plötzlich. Mittlerweile sind die beiden Schwestern wieder online, ihr ursprünglicher Account ist wohl gesperrt worden, die georgischen Behörden haben ihre Hilfe zugesagt. Als Grund für ihre Flucht nannten sie Gewalt in der Familie und die Unfreiheit in ihrem Land, tatsächlich hatten sie mit ihrem Aufenthalt in Georgien bereits gegen das saudische Vormundschaftsgesetz verstoßen, dass Frauen die Ausreise erst nach Zustimmung ihres Vormundes erlaubt – in der Regel der Ehemann oder der Vater. Ohne dessen Zustimmung kann keine Frau reisen, heiraten oder eine Arbeit aufnehmen. Und hierbei geht es wohlgemerkt um erwachsene Frauen, die beiden Schwestern sind 25 und 28 Jahre alt.

Es ist bereits der zweite solche Fall dieses Jahr, der international für Aufmerksamkeit sorgt. Anfang des Jahres gelang der mittlerweile 20-jährigen Rahaf Mohammed al-Qanun (die seitdem ihren Stammes- bzw. Familiennamen abgelegt hat) nach einer tagelangen nervenaufreibenden Auseinandersetzung in Bangkok die Flucht nach Kanada, das ihr Asyl gewährte. Ihr war auf dem thailändischen Flughafen durch saudische Intervention der Pass weggenommen worden. Auch Rahaf Mohammed hatte sich über Twitter an die Weltöffentlichkeit gewandt und die zunehmende Aufmerksamkeit sorgte nicht zuletzt für ein plötzlich erwachendes rechtsstaatliches Bewußtsein der thailändischen Behörden im Umgang mit dem lästigen Fall. Der saudische Geschäftsträger vor Ort meinte dazu nur lakonisch in einer Pressekonferenz, man hätte ihr wohl besser das Telefon statt den Pass wegnehmen sollen.

Das Internet mit seinem Potential der schnellen Verbreitung von Nachrichten und der umgehenden Möglichkeit sich mit einem Tweet zu solidarisieren, spielt bei diesen bekannt gewordenen Fluchten die zentrale Rolle; eines ist Entscheidend: eine globale Öffentlichkeit herzustellen, bevor saudische Diplomaten sowie unter Druck gesetzte und sowieso desinteressierte ausländische Regierungen die Frauen gegen ihren Willen wieder zurückbringen lassen. Um dann im Zweifel nie wieder etwas von ihnen zu hören.

So erging es etwa einer weiteren jungen saudischen Frau mit demselben Familiennamen wie die beiden Schwestern, die ebenfalls in Tiflis auf ihr Weiterkommen wartete, das ihr schließlich zugesagte französische Visum jedoch nie abholte, sondern einfach verschwand. Gut dokumentiert ist dagegen der Fall Dina Ali Laslooms, die 2017 im Transitbereich des Flughafens von Manila dem Druck, der auf sie ausgeübt wurde, schließlich nicht mehr standhielt. Passagiere filmten die verzweifelte Frau, bedrängt von saudischen Offiziellen, auch ihr Abtransport  in einer saudischen Maschine, an Händen und Beinen gefesselt und mit abgeklebten Mund ist dokumentiert. Ihre Nachfolgerinnen haben allerdings daraus gelernt, es geht vor allem darum, so schnell wie möglich Medienöffentlichkeit herzustellen, sich dabei dem direkten Zugriff zu entziehen, durchzuhalten und Zeit zu gewinnen.

Die Öffentlichkeit des Internets ist dabei die zugleich schärfste Waffe gegen islamische Familien- und Ehrbegriffe; aus traditioneller Sicht ist das quasi das Schlimmste, was überhaupt passieren kann. Die heile Fassade der Familie ist der Dreh- und Angelpunkt der familiären Obsessionen in islamisch geprägten Ländern. Egal, was dahinter passiert – solange nur die Fassade steht, ist alles in bester Ordnung, notfalls hilft auch Gewalt. Die wenigen jungen Frauen, die bei ihrer Flucht schließlich bewusst den Weg der Öffentlichkeit gewählt haben, oder sich vielmehr im Angesicht ihrer Verfolgung zu diesem fast äußersten Widerstand entschieden haben, brechen damit ein Tabu. Und für sie gibt es keinen Weg zurück.

Maha und Wafaa al-Subaie, von denen eine ihren kleinen Sohn zurücklassen musste, haben Tonaufnahmen und Bilder familiärer Gewalt im Internet veröffentlicht, sie haben sich zudem ebenso wie Raha Mohammed auf Fotos umgehend ohne islamischen Kopfbedeckung gezeigt; eine der beiden Schwestern trägt nun eine Kurzhaarfrisur, die sich auch Raha Mohammed noch in Saudi Arabien aus Protest zugelegt hatte, was ihr weitere Drangsalierungen durch die Familie einbrachte. Eine Frau, die selbst über sich entscheidet, sich nicht verschleiert, sich sogar die Haare kurz schneidet und öffentlich über Gewalterfahrungen in der Familie spricht: das ist nichts anderes als der fleischgewordene Albtraum der versammelten Väter, Brüder und Cousins des Patriarchats.

Alle drei Frauen haben den Namen ihrer Familie offen gelegt, und die beiden Schwestern dokumentieren sogar schriftliche Morddrohungen ihrer männlichen Verwandtschaft. Alle drei entstammen übrigens einflussreichen Familienverbänden, was die Sache für den saudischen Staat noch einmal komplizierter macht. Die jungen saudischen Frauen, die vor ihren Familie fliehen, und denen das berüchtigte „Guardian Law“ (Vormundschaftsgesetz) ihre Freiheit nimmt,  bringen so die verstörende Tatsache ins Bewusstsein, dass sich hinter den so auf rigide Moralvorschriften fixierten islamischen Gesellschaften ein Abgrund von häuslicher Gewalt und Missbrauch für die längste Zeit unbemerkt verborgen hat; mittlerweile wird das Ungeheure, das dort kauert, allerdings hier und da auch in Zahlen greifbar.

Es liegt auch in der Logik der offiziösen saudischen Versuche, diese Fluchten zu unterbinden, und dem potentiellen Verfolgungsdruck der Familien, die überhaupt erst zu spektakulären PR-Pannen und der Medienöffentlichkeit führen. Die beiden Schwestern in Georgien waren bereits seit Anfang April im Land und hatten sich ohne Erfolg um eine Weiterreise bemüht; zwei weitere saudische Schwestern, deren Schicksal nach einer fast halbjährigen Hängepartie in Hong Kong gerade positiv entschieden wurde, waren nach ihrer Flucht nur unter Pseudonym aufgetreten. Ein ebenfalls ungenanntes Land hat ihnen nun Asyl gewährt.

Wie viele Frauen tatsächlich aus Saudi-Arabien fliehen, weiß wohl niemand genau, die wenigen, sich nun aber doch summierenden Fälle, die internationale Aufmerksamkeit erregen, sind allerdings nur die Spitze eines Eisberges. Es gibt auch ein Netzwerk von Aktivisten, die saudischen Frauen zumindest nach der Flucht helfen und gegen das Vormundschaftsgesetz kämpfen. Das Netzwerk erinnert an die legendäre „Underground Railroad“, mit der in den USA vor dem Bürgerkrieg entflohene Sklaven aus dem Süden in den Norden gebracht wurde. Das sind Aktivistinnen wie Shahad Al Mohaimeed, die selbst aus Saudia Arabien geflohen ist, oder die saudische Künstlerin MsSaffa, die bereits 2012 eine ikonographische Arbeit mit „I am my own guardian“  („Ich bin mein eigener Vormund“) betitelte, und die seit langem im selbst gewählten Exil in Australien lebt. Sie koordiniert auch die Presseanfragen für die beiden „Georgischen Schwestern.

Wenn man nicht wüsste, dass es bei diesen Geschichten einmal mehr um den Nahen Osten geht, könnte man meinen, es handele sich bei den Fluchtversuche der jungen Frauen aus einem Land und einer Kultur, die ihnen Selbstständigkeit und den Status eines erwachsenen autonomen Menschen dauerhaft absprechen, um eine literarische oder filmische Dystopie. Da werden über Jahre Fluchtvorbereitungen im Schoß der Familie getroffen, Familienferien zum Absetzen genutzt, immer geht es darum, möglichst schnell an Bord eines Flugzeuges zu gelangen, um den langen Armen des saudischen Staates zu entkommen, dessen diplomatisches Personal im Zweifelsfall schon am Ort der ersten Zwischenlandung wartet. Man muss sich mitunter in Hotelzimmern verbarrikadieren, und seine Reiseerlaubnis zum Passieren der Grenze mithilfe des entwendeten Telefons des Vaters durch eine App freischalten, die den Vormündern die Kontrolle über ihre weiblichen Mündel erleichtern soll.

Die beiden saudischen Schwestern, die im September 2018 in Hongkong gestrandet waren, nachdem die saudische Regierungsvertreter vor Ort es geschafft hatten, ihren Weiterflug nach Australien zu stornieren, erlebten Einschüchterungen, unter Druck gesetzte Angestellte, kafkaeske Einflussnahmen hinter den Kulissen, sie mussten um die Pässe in ihren Händen förmlich kämpfen, bis es ihnen endlich gelang, aus dem Flughafengebäude selbst zu flüchten und in der Stadt unterzutauchen. Sie hatten zuvor den Familienurlaub auf Sri Lanka genutzt, um sich heimlich zum Flughafen in Colombo abzusetzen. Endgültig wie das Plot eines Filmthrillers lesen sich sowieso die Geschehnisse rund um Sheikha Latifa, eine Tochter des Herrschers von Dubai, die 2018 auf einer Yacht über den indischen Ozean in Richtung Indien geflohen war, bevor sie von den Schergen ihres Vaters zurückgebracht wurde. Die Prinzessin hatte für den Fall, dass ihre Flucht scheitert, in einer Videoaufnahme schon das Schlimmste für sich selbst vorausgesagt.

Die zunehmend für Aufmerksamkeit sorgenden Fluchtversuche junger Frauen aus Saudi-Arabien oder vom Golf sind natürlich verheerend für die internationale Reputation, aber weswegen hat man schließlich all das Ölgeld. Um die internationale Reputation ist es in Saudi Arabien zumal seit der grauenhaften Ermordung und Zerstückelung des Regimekritikers Jamal Khashoggi – offensichtlichen unter Anleitung des engsten Machtzirkels um den Kronprinzen Mohamed Bin Salman – sowieso nicht zum Besten bestellt. Aber auch intern haben diese Fluchtbewegungen für die saudische Regierung unangenehme Auswirkungen. Entgegen der beliebten Methode mit der Invariante „Islam“ im Nahen Osten praktisch alles erklären zu wollen (und dabei doch nur selbst dem Narrativ der Islamisten zu folgen), datiert das strikte Vormundschaftsgesetz in Saudi-Arabien nicht etwa seit altersher, sondern tatsächlich von Anfang der achtziger Jahre. Es war eine der Reaktionen auf die Moscheebesetzung in Mekka 1979 durch die ersten Protojihadisten und den Aufstieg des politischen Islam.

Insofern kann man den Äußerungen des Kronprinzen durchaus Glauben schenken, der in Interviews darauf hingewiesen hat, dass man das Vormundschaftsgesetz durchaus ändern könne, aber nur vorsichtig und ohne die konservativen Teile der Gesellschaft zu verstimmen. Zu dem vom Kronprinzen intendierten Reformwerk einer in ihrem Aussehen etwas offeneren Gesellschaft – selbstverständlich ohne jede Konzession an eine politische Liberalisierung –, würde das durchaus passen; es entspricht sicherlich auch der Stimmung in weiten Teilen der jüngeren Bevölkerung. Allerdings gibt es eben auch die konservativen und nicht zuletzt islamistischen Kreise, auf die die Herrscher Rücksicht nehmen müssen, denn sie unterliegen eben auch ihren Zwängen.

Letztlich geht es geht es bei all diesen nahöstlichen „Reformen“ immer um den einen unauflösbaren Widerspruch, mit einem Nachlassen des Drucks keinesfalls die Grundlagen autoritärer Herrschaft zu erschüttern. Und die Macht, die Saudi Arabien den Familien zugesteht, mit der vor allem die jungen Frauen unmündig gehalten werden, entspricht der autoritären Herrschaft im Staat, die die Bevölkerung wie ein Kind gängelt. Der Kronprinz hat das Autofahren für Frauen erlauben lassen, aber selbst das ging nicht, ohne die Aktivisten und Aktivistinnen die sich seit Jahren dafür eingesetzt hatten – und die ebenso für die Abschaffung des Vormundschaftsgesetzes kämpfen –  vor Gericht zu zerren. Seit 2018 sitzt über ein Dutzend zum Teil sehr prominenter Aktivistinnen im Gefängnis und ist dort auch demonstrativ gefoltert worden. Es darf genausowenig eine eigenständige gesellschaftliche Bewegung geben, wie es autonom entscheidende Frauen geben darf.

Und so setzen die jungen Frauen, die von diesem Leben in Unfreiheit genug haben, das saudische Establishment unter Druck, das einerseits den internationalen Skandal verhindern will, aber auch die konservativen Familienverbänden bei Laune halten muss, denn auf deren Kooperation basiert die autoritäre Herrschaft, gleichzeitig muss man die Aktivisten entmutigen und verfolgen und will doch darauf  hoffen, dass ein bisschen ins-Kino-Gehen und Autofahren die junge saudische Gesellschaft für eine Zukunft ohne sprudelndes Ölgeld fit machen könnte.

 Das sieht nicht wirklich erfolgversprechend aus. Versprechender für bedrängte junge Frauen mag sich da Rahaf Mohammeds anhören, die in einem Interview nach ihrer Flucht im Januar dazu aufrief aus dem Land zu flüchten, solange das Vormundschaftsgesetz nicht abgeschafft ist. Aber wer könnte diesen Deckel gefahrlos öffnen? Also warten wir auf die nächste Flughafenflucht. Das könnte endemisch werden. Offen bleibt die Frage, wer den saudischen Geschwistern diesmal Asyl gewähren wird. Eine heikle Angelegenheit, man möchte es sich mit den Herrschern am Golf ja auch nicht verscherzen. Wenden Sie sich mit dieser Frage doch mal an einen zuständigen Politiker. Und bleiben Sie derweil bei den „Georgian Sisters“ auf dem Laufenden.

 

Oliver M. Piecha, MENA Watch


Autor: MENA Watch
Bild Quelle:


Mittwoch, 24 April 2019






Kurzanleitung, wie der Ehemann seine Frau gemäß des Islam korrekt zu schlagen hat, denn es ist ja nicht alles erlaubt: https://youtu.be/m-jpwHPsHDQ (Qatari Sociologist Abad Al-Aziz Al-Khazraj Al-Ansari Demonstrates Correct Wife-Beating in Islam). Arabisch mit englischem Untertext. Mich wundert es jedenfalls nicht, dass die Frauen das Weite suchen. Und warum es mit der Integration so oft nicht klappen will, sollte eigentlich nach den 3,5 Minuten auch klar sein.




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