x

haOlam.de benötigt Ihre Spende für den Betrieb!

  Wir bitten Sie, uns mit ihrer Spende zu unterstützen –
Spenden an das ADC Bildungswerk sind steuerlich absetzbar,
da der Verein als gemeinnützig anerkannt ist. Und: Jeder Cent fließt in die Arbeit von haOlamde

Spenden via PayPal


Die Beziehungen zu Polen: Israel muss ständig wachsam sein

Die Beziehungen zu Polen: Israel muss ständig wachsam sein


Die polnisch-israelischen Beziehungen sind angesichts der Vergangenheit Polens sehr komplex.

Von Dr. Manfred Gerstenfeld

Somit muss Israel ständig sehr wachsam sein, um die Fälschung furchtbarer historischer Verbrechen zu vermeiden. Ein großes Thema, bei dem das hervortritt, war das polnische Holocaust-Gesetz, das 2018 noch einmal ergänzt wurde. Es hat international viele Reaktionen ausgelöst. Die folgende Publizität hat einmal mehr die massive Teilnahme von Polen an den Morden an Juden während des Holocaust sowie den heftigen Vorkriegs- und Nachkriegsantisemitismus ins Rampenlicht gerückt.

In den Medien tauchten viele Einzelheiten wieder auf. Der Historiker Jan Gross wurde weithin zitiert. Er dokumentierte in seinem Buch Nachbarn, wie die Juden des Dorfes Jedwabne während des Holocaust von polnischen Einwohnern des Ortes in einer Scheune bei lebendigem Leib verbrannt wurden.[1] Die Arbeit des Historikers Jan Grabowski, der an der Universität Ottawa in Kanada lehrt, erhielt ebenfalls weit mehr Aufmerksamkeit als in der Vergangenheit. Er und seine Forscherkollegen haben die Morde an 200.000 Juden durch Polen während des Holocaust ausführlich beschrieben. Sie bestätigten diese Zahl, die bereits durch den polnisch-jüdischen Historiker Szymon Datner vor etwa fünfzig Jahren bewiesen wurde.[2]

Das Simon Wiesenthal Center (SWC) hat erstmals ein freigegebenes Dokument des US-Außenministeriums von 1946 veröffentlicht, das den polnischen Umgang mit Juden mit dem der deutschen Nazis gleichsetzte. Darin hieß es nach dem Krieg, dass viele Juden es vorzogen nach Deutschland zu fliehen statt nach Polen zurückzukehren.[3]

Am bekanntesten unter den antisemitischen polnischen Verbrechen in den unmittelbaren Nachkriegsjahren ist das Pogrom in der Stadt Kielce 1946, bei den 37 Juden ermordet wurden. Im Sommer 2018 war es fünfzig Jahre her, dass 13.000 Menschen jüdischer Herkunft ihre polnische Staatsbürgerschaft aberkannt und sie aus dem Land vertrieben wurden. Bei diesem Jahrestag bot der polnische Präsident Andrzej Duda eine komplexe Entschuldigung an. Die Washington Post überschrieb den dem gewidmeten Artikel mit: „Polens Präsident bietet eine Nicht-Entschuldigung für die antisemitische Säuberung von 1968 an.“[4]

Vor mehr als fünfzehn Jahren interviewte ich den damaligen Leiter des Internationalen Instituts für Holocaust-Forschung in Yad Vashem, den verstorbenen David Bankier. Er sagte: „Die meisten polnischen Untergrundorganisationen glauben, das Polen nach Hitler werde ein Land ohne Juden sein … die Verbliebenen würden Polen nach dem Krieg verlassen müssen. Diese Ansicht wurde sogar in der Organisation Zegota zum Ausdruck gebracht, dem Rat für die Hilfe für Juden, der vom polnischen Widerstand eingerichtet wurde. Dazu gehörten Leute, die ihr eigenes Leben in Gefahr gebracht hatten.“ Bankier merkte an, dass der Glaube, Polen sei kein Land, in dem Juden leben sollten, höchst bezeichnend für die Akkuratesse polnischer Gefühle zur damaligen Zeit war.[5]

Eine Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2011 stellte fest, dass 63% der Polen der Aussage zustimmen: „Was der Staat Israel heute den Palästinensern antut, ist im Prinzip nichts anderes als das, was die Nazis den Juden im Dritten Reich antaten.“[6] Dieser Anteil war sogar beträchtlich höher als in den anderen europäischen Ländern, in denen diese Umfrage durchgeführt wurde.

Der polnische Diplomat Jan Dziedzicazak, stellvertretender Direktor des polnischen Außenministeriums, beschwerte sich über einen Text des Museums Yad Vashem. Darin heißt es, dass die meisten polnischen Polizeibeamten nach 1939 unter den deutschen Besatzern in den Dienst zurückkehrten. Er besagt zudem, dass 1943 16.000 polnische Polizeibeamte, manche davon bewaffnet, unter den Deutschen dienten.

Yad Vashem erklärte über die polnische Polizei, dass diese „auf großer Bandbreite gegen die jüdische Bevölkerung“ eingesetzt wurde und „eine aktive Rolle bei der Überwachung von Ghettos im besetzten Polen inne hatte und nach Juden suchte, die Zuflucht bei der örtlichen Bevölkerung suchten, nachdem sie aus Ghettos und Lagern entkamen“. Gemäß Yad Vashem demonstrierte die polnische Polizei „absolute Hingabe“ gegenüber der Nazi-Obrigkeit, „obwohl ES auch eine Hand voll Fälle von Hilfe für Juden durch einige Beamte gab“.[7]

Solange die israelische Obrigkeit ihre Äußerungen justiert und sich an die Fakten hält, wird sie in der polnische-israelischen Beziehung die moralische Überlegenheit haben. Fehlende Erfahrung, Professionalismus und Justierung kann das zerstören. Israel Katz demonstrierte das KURZ  nachdem er amtierender israelischer Außenminister wurde. Er zitierte den ehemaligen israelischen Premierminister Yitzhak Shamir, als er sagte, dass Polen Antisemitismus mit der Muttermilch aufsaugen.[8]

Die Äußerung war bereits falsch, als Shamir das sagte. Niemand wird antisemitisch geboren oder saugt Antisemitismus mit der Muttermilch auf. Katz ruinierte, was ein wichtiger israelischer diplomatischer Erfolg hätte sein können – ein offizielles Treffen der vier Visegrad-Staaten (Tschechische Republik, Ungarn, Polen und die Slowakei) in Israel. Polen sagte seine Teilnahme ab, was zur Streichung des Treffens führte.[9] Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu hat geduldig daran gearbeitet die Beziehungen zu diesen Ländern zu verbessern.

Katz‘ Worte zogen sogar eine Verurteilung durch den pro-israelischen US-Außenminister Mike Pompeo nach sich.[10] Der israelische Minister hätte den Interessen seines Landes gut gedient, wenn er sich für seine unwahre und schädigende Aussage entschuldigt hätte.

Ein weiterer Israeli, der offensichtlich nicht weiß, was Justierung bedeutete, ist der umstrittene Historiker Daniel Blatman von der Hebräischen Universität. Er hat das Angebot der polnischen Regierung angenommen Chefhistoriker des problematischen Ghetto-Museums zu werden, das 2023 in Warschau eröffnet werden soll. Blatman hat Yad Vashem in einem Artikel mit dem Titel Yad Vashem teaches the Holocaust like totalitarian countries teach history[11] Was in dem Museum dargestellt werden wird und wie das getan wird, hat das Potenzial in der Zukunft zu beträchtlichen Konflikten zu führen.

Israels führender Holocaust-Forscher Yehuda Bauer hat gesagt, dass Blatmans Rolle offenbar die ist, für dieses neue Museum als jüdisch-israelisches Feigenblatt zu dienen, das von der nationalistischen polnischen Führung gefördert wird.[12]

Der stärkste Wunsch vieler Polen die Vergangenheit ihres Landes auszuschmücken führt zur Notwendigkeit, dass Israel zukünftige Probleme vorausahnt. Ein aktuelles Beispiel ist die deutsche Diskussion um die Gründung eines Denkmals in Berlin, das den während der deutschen Besatzung ermordeten Polen gewidmet ist. Deutscher Gräueltaten sollte gedacht werden, jetzt umso mehr angesichts der aktuellen Entwicklungen im Land. Juden sollten gegenüber an anderen begangenen extremen Gräueln sensibel sein, umso mehr, wenn sie von der Nation begangen wurden, die zur Zeit des Geschehens Juden auslöschte.

Dem Anschein nach hat dieses Denkmal nichts mit den Juden zu tun, doch man ist vorgewarnt. 1979 besuchte der „polnische“ Papst Johannes Paul II. Auschwitz. Er sagte dort: „Sechs Millionen Polen verloren im Zweiten Weltkrieg ihr Leben, ein Fünftel der Nation.“ Das war eine semantische Verschmelzung. Drei Millionen Polen wurden von den Deutschen bei rassistischen Morden ermordet, zehn Prozent des polnischen Volkes. Die Deutschen betrachteten die Polen als minderwertiges Volk. Drei Millionen polnische Juden wurden in ausrottendem Antisemitismus ermordet, mehr als 90% der polnischen Juden. Die Deutschen betrachteten die Juden Untermenschen, Bakterien und Ungeziefer.

Das Thema eines Denkmals für polnische Opfer in Berlin schien bis jetzt weitgehend theoretischer Natur zu sein. Doch ziemlich plötzlich, während seines Besuchs in Polen vor ein paar Wochen, sprach sich der deutsche Außenminister Heiko Maas für eine solche deutsche Gedenkstätte für die polnischen Opfer der Naziherrschaft aus. Er sagte: „Eine solche Gedenkstätte wäre nicht nur eine Versöhnungsgeste an Polen. Sie wäre bedeutend auch für uns Deutsche selbst.“[13]

Wenn das Denkmal für polnische Opfer in Berlin realisiert wird, müssen Juden und Israel deutlich vorher sicherstellen, dass keine der dort erscheinenden Texte die Geschichte entstellen.

[1] http://www.cbsnews.com/news/new-book-on-killing-of-jews-in-poland-exposes-raw-nerve/

[2] http://www.timesofisrael.com/complicity-of-poles-in-the-deaths-of-jews-is-highly-underestimated-scholars-say/

[3] http://www.jpost.com/Diaspora/1946-US-document-reveals-Poles-treated-Jews-as-badly-as-Germans-did-543940

[4] http://www.washingtonpost.com/news/worldviews/wp/2018/03/09/polands-president-offers-a-nonapology-apology-for-68-anti-semitic-purge-the-holocaust-bill-is-still-on-the-books/?utm_term=.a7b13efab78e

[5] https://heplev.wordpres.com/2012/01/16/polnische-einstellungen-zur-zukunft-der-juden-wahrend-des-zweiten-weltkriegs/

[6] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf

[7] http://www.timesofisrael.com/poland-up-in-arms-at-yad-vashem-reference-to-polish-police-guarding-ghetto/

[8] http://www.timesofisrael.com/poland-said-mulling-cancellation-of-israel-visit-over-fm-anti-semitism-comments/

[9] www.dw.com/en/visegrad-group-cancels-israel-summit-after-poland-row/a-47563872

[10] www.timesofisrael.com/poland-says-us-secretary-of-state-supports-its-stance-in-spat-with-israel/

[11] Yad Vashem lehrt den Holocaust wie totalitäre Länder Geschichte lehren. www.haaretz.com/opinion/.premium-what-happened-to-yad-vashem-1.6759139

[12] www.haaretz.com/world-news/europe/.premium-daniel-blatman-s-anti-semitic-attack-1.7613216

[13] www.welt.de/politik/ausland/article197792551/Bei-Polen-Besuch-Schaeme-mich-Maas-bittet-um-Vergebung-fuer-Nazi-Verbrechen.html

 

Heplev - Dr. Manfred Gerstenfeld ist Journalist und Publizist, er war mehrere Jahre Direktor des Jerusalemer Centers for Public Affairs (JCPA).


Autor: Dr. Manfred Gerstenf
Bild Quelle:


Mittwoch, 11 September 2019