Die Schrift und der Antisemitismus

Die Schrift und der Antisemitismus


Die Schwäche der bis um 1500 v. Chr. bekannten Schriftsysteme war deren enorme Kompliziertheit. Aufgrund der großen Zahl verschiedener Symbole waren solche Schriften schwer zu erlernen. So umfasste die Keilschrift bis zu 600 Zeichen, wovon die Hälfte als Silbenzeichen diente. Die Ägypter hingegen verwendeten zeitweise mehrere tausend verschiedene Hieroglyphen.

Die Schrift und der Antisemitismus

Von Dr. Boris Altschüler

Wahrscheinlich im 13.-11. Jahrhunderten v.d.Zt. entwickelte man im östlichen Mittelmeerraum eine Schrift, die unberechtigt als phönizische Buchstabenschrift bezeichnet wurde, und von der fast alle späteren Alphabetschriften abstammen, - darunter sämtliche moderne europäische Alphabete einschließlich des griechischen, lateinischen und des kyrillischen. Das aramäische althebräische Alphabet (auch paläohebräisches Alphabet genannt) ist das älteste bekannte Buchstabenalphabet der althebräischen Sprache und der Sprachen der Welt.

Die älteste Erwähnung der Buchstabenschrift der Welt findet man bei der Beschreibung des viereckigen Brustschildes des Hohepriesters Hoshen (ивр. חושן, archaisch percy), das jeweils aus vier Reihen von drei Steinen bestand, auf denen die Namen der zwölf Stämme Israels eingraviert wurden. Das Brustschild wurde mit goldenen Ketten und einer blauen Schnur (Ex. 28:13-29; 39:13-30) am Gewand des Hohepriesters befestigt. Es wird angenommen, dass die althebräische Schrift vermutlich von einer protosemitischen sinaitischen Schrift abstammt, das seinerseits um etwa 1650 v. d. Zt. zu den Zeiten der Eroberung Ägyptens durch die semitischen Hyksos und unter dem Einfluss der ägyptischen Hieroglyphen und der hieratischen Schrift der ägyptischen Sprache auf der Sinai-Halbinsel entwickelt. Dies unterstreicht ein Ostrakon, das der Ägyptologe und Papyrologe Ben Haring von der holländischen Universität Leiden auf einem Kalkstein mit der ältesten alphabetisch geordneten Wortliste der Welt entdeckte. Die Wörter dort sind nach den Lauten geordnet, mit denen sie anfangen. Der Befund stützt auch die These, dass die semitischen Konsonantenschriften, tatsächlich in Ägypten für semitische Sklaven oder Arbeiter, die wahrscheinlich mit dem Bau der Pyramiden beschäftigt waren, entwickelt worden waren.

Interessant ist die Entzifferung der hieroglyphischen Inschriften in einer spezifischen altsemisch-kanaanitischen Sprache, die vom amerikanischen Archäologen Professor Reuven Steiner an der Seite der ägyptischen Pyramide von Yunis gefunden wurde. Die Hieroglyphen wurden etwa im 24. Jahrhundert v. d. Zt.  auf die Pyramide aufgetragen. R. Steiner glaubt, dass die Inschriften in ihrem Charakter sogar viel älter als die Pyramide selber sein könnten. Bei den Versuchen, diese ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern, stellte sich Abrakadabra heraus, bis Steiner die Fotokopie der Inschrift an Kollegen in der Hebräischen Universität Jerusalem sendete. Dort wurde ziemlich schnell herausgefunden, dass die hieroglyphische Inschrift in altsemisch-kanaanitischen Sprache geschrieben wurde, zu der Zeit eine der wichtigsten internationalen Sprachen, und einen Zauberspruch gegen Schlangen darstellte.

Man spricht daher heute vom „nordsemitischen“ Buchstabenalphabet, das seinerseits die Hieroglyphen und Keilschrift ablöste. Das Neue an dieser Schrift war die Reduktion der Bedeutung der Schriftzeichen auf kleinste bedeutungsunterscheidende Einheiten. Dadurch kam man mit einem vergleichsweise begrenzten Satz von nur 22 Zeichen aus. Zunächst wurden nur die Konsonanten geschrieben (Konsonantenschrift), - diese Tradition setzte sich in Althebräischen und später in der Quadratschrift durch. Die Alphabet Zeichen sind eigentlich vereinfachte Abbildungen der mit den Buchstabennamen bezeichneten Gegenstände (nach dem Vorbild der Hieroglyphen). Das judeo-phönizische Alphabet unterscheidet sich nur sehr wenig vom Althebräischen durch die leicht modifizierten Buchstabenformen.

Das theologische Konzept von Israel ist nicht nur ein Staat, sondern auch eine große Vereinigung von Stämmen (Völker) Israels. Ohne sich in besondere Details zu vertiefen, wird betont, dass sich die Bevölkerung von Eretz Israel vor etwa dreitausend Jahren in drei Reiche sich aufteilte: im Süden Juda (Judäa), im Norden Israel. Außerdem gehörten als Drittes auch die phönizischen Staat-Städte Südlibanons, eigentlich „das Land Kabul“ im vereinten Reich des König Salomos mit den reichen Städten Tyrus und Sidon dazu. Diese wurden wg. der Schulden beim Bau des Ersten Jerusalemer Tempel von König Salomo an die Phönizier abgetreten. Die Phönizier bilden eine wichtige Komponente der Proto-Ethnogenese der späteren Juden und Libanesen. In den archaischen Zeiten lebten sie in dem gesamten Eretz Israel, einschließlich Jerusalem. Nach der genetischen Analyse bilden ihre Nachkommen noch heute etwa 6-7 % der Bevölkerung des Mittelmeers. Am Rande der neuen Ära verschwanden sie zunehmend aus der Geschichte, aber es blieben große Kollektiven der Juden, z. B. in Nordafrika und in der Iberischen Halbinsel.

Alle drei staatliche Gebilden der Ost-Mittelmeeres verwendeten die gleiche Sprache: Proto-Hebräisch oder Judeo-Phönizisch, die zusammen mit der ältesten Varianten der runischen Buchstabenschrift (Ivry, Libonaah, Datz, Ratz, etc.) das wichtigste psycholinguistische Merkmal der Zehn Stämme bildete. Die Phönizier haben das älteste buchstabenähnliche Runenalphabet der Geschichte nicht erfunden, sondern einfach die von den Juden erfundene Schrift weiter nach Norden getragen. Alle drei Staaten praktizierten gemeinsame psychosoziale Merkmale: gemeinsame Sprache und Schrift, die Männerbeschneidung und die Verwendung von „sauberer“ koscherer Nahrung.

Es waren die Israeliten, die zahlenmäßig mindestens zehnmal größer waren als die Bewohner Judas, durch Synkrasie auch als Pan- und Polytheisten, die u.a. heidnische Götter verehrten. Der Prophet Hoshea (12: 8) nennt die Bewohner des Königreichs Israel "Kanaaniter". Die Jüdische Religion war im Nordreich Israel in der Antike noch entfernt von dem späteren abstrakten Monotheismus, den das Volk Israel besonders nach der Babylonischen Gefangenschaft und gruseligen Niederlagen in beiden Jüdischen Kriegen (66-77 u. Zt. und 132-135 u. Zt.) und am Ende der Antike erlangte.

Der Transfer der Zivilisation nach Europa kam laut der populären Narrative aus dem östlichen Mittelmeer. Im Gewand einer schönen Europa aus der Europa-Saga, der Tochter eines Semiten aus Palästina namens Agenor aus Sidon (oder Tyrus?) und Telephasia aus Tyrus, der Frau von Asterios von Kreta, beschreiben griechische Sagen eine Geliebte des Zeus und die Mutter von Minos, Rhadamant und Sarpedon. Eine junge Frau auf einem mächtigen Stier ist seit Jahrtausenden ein Symbol männlicher Macht und ein beliebtes Motiv sumerischer und anderer mesopotamischer Artefakte. Nach griechischer Sage schickte Agenor seine Söhne um nach Europa zu suchen: Phoenix reiste in das östliche Mittelmeer und wurde zum Urvater der Ethnie der Phönizier und nordafrikanischen Karthager, Zilix ging nach Kilikien, Tassos schenkte einer Insel seinem Namen und Cadmos – ging auf das Festland nach Griechenland, wo er die Stadt Theben gründete. Nicht zufällig sagte Hegel, dass die Geburt Europas eng mit der Wüste am Fuße des Berges Sinai beim Empfang der Zehn Gebote verbunden ist. Die alten Griechen übernahmen die althebräische Schrift als Medium und modifizierten sie dabei durch die Erfindung der Vokalenbuchstaben.

2.

Hebräische Bezeichnungen der Gegenstände und der Bedeutungen des runischen Uralphabets geben Antworten auf viele Fragen wieder. Der Vorläufer unseres modernen Buchstaben-ABC war damals noch ein Aleph-Beth-Gimel, der offenbar während des Exodus der Juden aus Ägypten und deren 40-järiger Wanderung durch die Wüste entstand.

Zweimal wird In der Bibel die israelische Königin Isebel, die in Israel mitherrschte, erwähnt: einmal in 1.Könige Kap. 16-20 und in den ersten Kapiteln von 2.Könige. Isebel war eine sidonische Prinzessin und die Tochter des Königs Etbaal. Ihr Gatte, König Ahab von Israel, wurde von ihr zum Verlassen des Glaubens an Jahwe und zum Glauben an den heidnischen Gott Baal verführt. Der Name Isebel bedeutet "Baal erhebt und befördert" oder "Baal ist mein Gemahl". Von der Autoren der Bibel wurde sie als eine „böse“ Königin bezeichnet. Ihr war vorgeworfen, für die Ermordung zahlreicher JHWH-Propheten verantwortlich zu sein, sodass sie zur Feindin des Prophet Elijas wurde. Nach dem Tod König Ahabs verfügte sie weiterhin über starken Einfluss im Königreich, da ihre Söhne Ahasja und Joram Könige in Israel wurden. Ebenso wie ihre Söhne kam allerdings auch Isebel gewaltsam ums Leben.

 Der israelische Archäologe Nachman Avigad erwarb 1964 ein Siegel, in das die Buchstaben JZBL – der Name Isebel – in althebräischer Schrift eingraviert waren. Eine 2007 durch Marjo Korpel von der Universität Utrecht durchgeführte Untersuchung ergab, dass das Siegel, das jahrelang im Reservat des Israelischen Museum aufbewahrt war, tatsächlich der mörderischen Monarchin gehört hatte. Die besondere Größe des Siegels wies auf die Wichtigkeit seiner Besitzerin hin, ebenso die Tatsache, dass es aus einem Opal, einem Halbedelstein geschnitzt worden ist. „Es ist doppelt so groß wie ein normales Siegel. Die Ikonographie ist auch sehr schön eingraviert“, betonte Dr. Korpel.

Mit der Zeit der Antike, nach der endgültigen Niederlage im Dritten Punischen Krieg (149–146 v. d. Zt.) um Karthago schienen die Phönizier von der historischen Weltbühne verschwunden zu sein, obwohl später vor allem zu Beginn des Mittelalters plötzlich "aus dem Nichts" große Kollektiven von Juden in Italien, Spanien, Portugal, Balearen, Sizilien, Sardinien, Zypern und der Maghreb auftauchten. Der deutsche Soziologe und Klassiker der Geschichte des Kapitalismus Werner Sombart hat dies ausführlich beschrieben. Daher ist die Schlussfolgerung, dass diese Kollektive die Nachkommen der Kolonisten, der Juden und der Phönizier, waren recht naheliegend. Die Phönizier haben sich zum größten Teil offensichtlich in den damaligen jüdischen Gemeinden aufgelöst.

Die Schaffung der ersten universalen hebräischen kursiven Buchstabenschrift läutete neben dem Monotheismus der Zwölf Stämme Israels die erste grandiose Medienrevolution der Welt ein, was eine demokratische Fixierung und Verbreitung der Gedanken durch das ersten Buchstabenalphabet erlaubte. Der allgegenwärtige Antijudaismus und der spätere Antisemitismus widersetzen sich bis heute einer klaren Aussage über historische jüdische Prioritätsfragen im wissenschaftlichen Diskurs.

 

Aschkenasim, 2019, Nr.8


Autor: Dr. Boris Altschler
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Dienstag, 19 November 2019