Nicht nur in Israel: Big Data gegen Corona

Nicht nur in Israel: Big Data gegen Corona


In die Sorgen über die Corona-Pandemie mischt sich jene um den Verlust von Bürgerrechten. Intellektuelle legen ihre Stirn in Sorgenfalten und warnen vor Notstandsverordnungen und Big Data. Doch das Grauen schlechthin wäre ein anderes.

Nicht nur in Israel: Big Data gegen Corona

Von Thomas Eppinger

Wachsamkeit gegenüber Notstandsmaßnahmen ist berechtigt, denn „temporäre Maßnahmen haben die Eigenheit, den Notstand zu überdauern, weil ja stets ein neuer Notstand am Horizont droht“, wie der Bestsellerautor Yuval Harari in einem viel zitierten Essay in der Financial Times schreibt, den die Neue Zürcher Zeitung auf Deutsch veröffentlicht hat. Wortgewaltig plädiert er dafür, in der Corona-Krise den Totalitarismus zu bekämpfen und den Bürgersinn zu stärken und nennt, wie könnte es auch anders sein, Israel als abschreckendes Beispiel:

„Mein Heimatland Israel rief den Notstand während seines Unabhängigkeitskriegs von 1948 aus. Er rechtfertigte eine ganze Reihe von temporären Maßnahmen, von der Pressezensur und der Landkonfiskation bis hin zu speziellen Prozeduren beim Puddingmachen (kein Witz). Der Unabhängigkeitskrieg ist schon lange gewonnen, der Notstand aber nie aufgehoben worden. Und Israel hat viele der ‚temporären‘ Maßnahmen von 1948 nicht zurückgenommen (immerhin gnädigerweise 2011 das Dekret zum Notstands-Pudding).“

Da Harari außer beim Pudding im Ungefähren bleibt: Die Presse in Israel ist frei. Nur wenn eine „unmittelbare Wahrscheinlichkeit für eine echte Beschädigung der Sicherheit des Staates“ besteht, kann eine Behörde, die beim Militär angesiedelt ist, die Veröffentlichung untersagen. Nur „für den Fall, dass ein direkter Konflikt zwischen der Pressefreiheit und der staatlichen Sicherheit existiert, steht laut dem Obersten Gerichtshof die Sicherheit über der Pressefreiheit“, wie die damalige Leiterin der Behörde dem SPIEGEL erklärte. Oberste Instanz ist nicht die Regierung, sondern der Oberste Gerichtshof. Dies nur als Anmerkung. 

Als zweite Anmerkung sei festgehalten, dass es durchaus verständlich ist, wenn die israelische Regierung statt des Totalitarismus zuerst einmal die Corona-Seuche bekämpft und dabei auf bestehende Möglichkeiten zurückgreift. Schon in den ersten zwei Wochen konnten 500 infizierte Menschen durch die Auswertung von Handydaten identifiziert und damit tausende Neuinfektionen verhindert werden. Eile hat in diesen Tagen einen guten Grund: Zeit ist Leben. 

Dessen ungeachtet sind Institutionen und Zivilgesellschaft gefordert, die Rückkehr zur demokratischen Normalität zu überwachen und kritisch zu begleiten. Doch Notstandsverordnungen sind eine Sache, Big Data ist eine völlig andere. 

Big Data: der wertvollste Rohstoff des 21. Jahrhunderts

Heute denken wir bei Big Data an Bereiche wie Marketing, Logistik, Prozesssteuerung und Gentechnik, vielleicht auch noch an Verbrechensbekämpfung und Gewaltprävention, zum Beispiel um Missbrauch und Vernachlässigung von Kindern vorzubeugen. 

Der eigentliche Nutzen von Big Data liegt jedoch in der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI, Artificial Intelligence oder AI). Dabei stehen Big Data und KI in einer Wechselbeziehung: KI lebt von Daten und kann sich nur mit Unmengen an Daten entwickeln, die ihrerseits wiederum nur mit Hilfe von KI sinnvoll ausgewertet werden können. 

Künstliche Intelligenz wird die Welt so einschneidend verändern wie die Erfindung von Dampfmaschine, Computer oder Internet. Diese Veränderung wird sich in einem atemberaubenden Tempo vollziehen und jeden Bereich unseres Alltags durchdringen. 

Am Beispiel Mobilität lässt sich das anhand zweier Unternehmen veranschaulichen. Tesla schafft seit Jahren die weltweit größte Datenbasis für Autonomes Fahren, weil jedes Fahrzeug permanent mit dem Konzern verbunden ist. Und Uber gewinnt jeden Tag eine Unmenge Daten, um individuelle Mobilität bedarfsgerecht und effizient bereitzustellen.

Mit jedem Tag wächst ihr Vorsprung auf Unternehmen, die nur Autos bauen oder Taxi fahren. Erst die Verknüpfung offenbart das wahre Potenzial: Heute entfallen 80% der Kosten eines Taxiunternehmens auf das Personal, das noch dazu einen nicht unwesentlichen Teil seiner Arbeitszeit unproduktiv auf Standplätzen verbringt. Der Tag wird kommen, an dem der Anblick eines Taxifahrers ähnlich nostalgische Gefühle auslöst wie heute der einer Telefonzelle. Die Frage ist nicht, ob dieser Tag kommt, sondern wann. 

Das iPhone wurde übrigens 2007 vorgestellt. Meinen ersten Internet-Anschluss hatte ich 1994, und für die Installation auf meinem Mac brauchte es eine sündhaft teure Software und zwei volle Tage Arbeit des Providers. 25 Jahre Internet, 12 Jahre iPhone. Wer heuer maturiert, wird mit 45 in einer Welt leben, die er sich jetzt nicht vorstellen kann. 

Das Grauen schlechthin

Doch Bürgerrechte und Big Data, zum Beispiel für „Corona-Apps“, sind kein Widerspruch, wenn man die gesammelten Daten verschlüsselt und anonymisiert. Wie der Tagesspiegel berichtet, arbeiten 180 europäische Forscher und Softwareentwickler an einer App, die die Verbreitung der Pandemie einschränkt, „ohne die Leute auszuspionieren“ (Pan-European Privacy Preserving Proximity Tracing, PEPP-PT). Standortdaten, Bewegungsprofile, Kontaktinformationen oder andere identifizierbare Merkmale der Endgeräte werden nicht erhoben. Dennoch werden jene Personen gewarnt, die in den letzten 20 Tagen längeren Kontakt zu Covid-19-Kranken hatten.  

Die App soll in der zweiten Aprilhälfte zur Verfügung stehen. Effizient ist sie natürlich erst, wenn sie flächendeckend geladen und angewendet wird – was dafürspricht, den Umfang der persönlichen Bewegungsfreiheit an die Verwendung der App zu knüpfen. Für die erste Welle der Pandemie kommt die App zu spät, aber sie kommt rechtzeitig, um die schrittweise Rücknahme der Einschränkungen zu ermöglichen und die Rückkehr zur Normalität zu beschleunigen: Wenn die Ausbreitung des Virus individuell und lokal kontrolliert werden kann, braucht man nicht das ganze Land stilllegen. 

Israel hat nicht auf die Entwicklung einer solchen App gewartet, sondern auf Geschwindigkeit gesetzt. Der Grund liegt auf der Hand: Das Land hat mit 2,99 Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner nicht einmal halb so viele wie Deutschland (8) oder Österreich (7,37). In der Ausnahmesituation einer Pandemie wird sich keine Regierung die Frage stellen, ob und wie viele Leben sie für den Datenschutz opfert. 

Zum Glück, wenn man Alain Finkielkraut folgt. Der französische Philosoph hat keinerlei Verständnis für die „hasserfüllte“ Kritik von Intellektuellen an den Regierungen, „denen sie vorwerfen, entweder zu spät gehandelt zu haben oder mit übertriebenen Maßnahmen zu reagieren“, wie die FAZ berichtet:

„Man stelle sich eine Schrecksekunde lang vor, die allwissenden Intellektuellen würden an die Stelle der Regierenden treten: Dann hätten wir zusätzlich zum Albtraum der Epidemie das Grauen schlechthin.“

 


Autor: Thomas Eppinger
Bild Quelle: Pixabay / CC0 via Wikimedia


Montag, 06 April 2020

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