Monotheistische Religionen und die Coronavirus-Krise

Monotheistische Religionen und die Coronavirus-Krise


Die Coronavirus-Pandemie hat einen tiefgehenden Einfluss auf die Welt der Religion gehabt. Das ist sowohl ein komplexes als auch ein facettenreiches Thema.

Monotheistische Religionen und die Coronavirus-Krise

Von Dr. Manfred Gerstenfeld

Als ersten Versuch der Analyse dieses Themas ist es nützlich sich auf drei Hauptthemen zu konzentrieren: die Einstellungen religiöser Leiter, der Einfluss auf die Gläubigen und ihre Rituale und Bemühungen, der Pandemie eine theologische Bedeutung zu geben.

Die größte Zahl von Coronatoten in Westeuropa sind in Italien, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Belgien und den Niederlanden aufgetreten. Das sind Länder, die in den letzten Jahrzehnten eine starke Zunahme an Säkularisierung erlebt haben.

Ist es eine zu kühne Idee zu glauben, dass die Corona-Pandemie religiösen Leitern eine einzigartige Gelegenheit geschaffen hat, alle ihre Gläubigen aufzufordern, eine Pioniergruppe bei der Unterstützung von Gesundheitspersonal, der Organisation von Wohltätigkeitsorganisationen, der Hilfe für Alleinstehende usw. zu werden? Dies mag zwar auf lokaler Ebene geschehen sein, war jedoch keine internationale Bewegung, die von religiösen Führern gefördert wurde. Ist diese Gelegenheit den Platz der Religion in der Gesellschaft zu stärken verspielt worden?

Der Säkularisierung ist von der weit verbreiteten Überzeugung enorm geholfen worden, dass der Einzelne seine Zukunft selbst bestimmt. Trotzdem hat der Coronavirus gewaltige Ungewissheiten geschaffen. Wie wird die Krankheit von einer Person an eine andere weitergegeben? Selbst diejenigen, die keine Symptome zeigen, können andere infizieren. Warum gibt es einen Unterschied im Grad der Krankheit, die die unterschiedlichen Opfer befällt? Wann wird es einen Impfstoff geben und wann wird die Pandemie enden?

Ein säkularer Mensch ist oft weitgehend spirituell allein, wenn er mit dem Tod konfrontiert wird. In monotheistischen Religionen ist in unterschiedlichem Grad Gemeinschaft wichtig. In einer Zeit solcher Ungewissheit hat Religion, zumindest theoretisch, eine neue Chance. Der amerikanische Theologieprofessor Marcellino D’Ambrosio verglich die aktuelle Seuche mit der, die im dritten Jahrhundert Rom verheerte. Er war davon inspiriert, wie die christliche Gemeinschaft sich in ein Bataillon an Krankenpfleger verwandelt hatte.[1]

Vielleicht ist die Antwort auf die Unfähigkeit christlicher Leiter die Gesellschaft zu führen, dass es lange her ist, dass religiöse Führer in Europa Meinungsführer waren. Sie haben sich seitdem auf die Rolle von Meinungsfolgenden reduziert. Als die Gelegenheit für ein Comeback entstand, waren sie nicht in der Lage einen schnellen Paradigmenwechsel vorzunehmen. Sie steckten in allgemeinen sozialen Debatten wie dem Klimawandel und Immigration fest.

Der Katholizismus ist die hierarchischste Religion Europas. Bei der Analyse der höchsten religiösen Persönlichkeiten macht es Sinn mit den Äußerungen des aktuellen Führers, Papst Frankziskus, zu beginnen. Er hielt seine Osterbotschaft in einem leeren Petersdom.[2] Er rief zu globaler Solidarität bei der Bekämpfung des Virus auf. Der Papst warnte, die Europäische Union riskiere den Zusammenbruch, drängte auf Schuldenerlass für arme Staaten und verlangte die Lockerung internationaler Sanktionen. Seine Autorität in diesen Bereichen ist bestenfalls schwach. Keines dieser Themen berührt religiöse Fragen.

UNO-Generalsekretär António Guterres forderte Ende März einen globalen Waffenstillstand.[3] Der Papst unterstützte diesen Aufruf in einem wöchentlichen Segen. Das war ein typisches Beispiel eines Meinungsfolgenden statt eines Meinungsführers. Es gab jedoch ein Anzeichen für ein besonderes Handeln. Der Papst gründete einen Notfallfonds der Päpstlichen Missionsgesellschaften. Dieser Fonds soll die Präsenz der Kirche in Missionsgebieten unterstützen. Diese Missionsgebiete befinden sich allerdings weit weg von den Ländern, die am härtesten vom Virus betroffen sind.[4] Der Papst schuf zudem ein Sondergebet.[5]

Die Äußerung des Papstes zur Sache der Pandemie war nicht theologisch, sondern vielmehr ökologisch. Er sprach von Katastrophen und sagte: „Ich weiß nicht, ob das Naturereignisse sind, aber sie sind sicherlich die Antworten der Natur.“[6] Er hätte aber betonen können, dass die Natur theologisch gesprochen eine Schöpfung Gottes ist.

Königin Elizabeth von England ist keine religiöse Führerin, auch wenn sie der symbolische Kopf der Church of England ist. Sie hielt zum ersten Mal überhaupt eine Rede aus Anlass der Osterfeiertage. Die Königin erwähnte, dass der wiederauferstandene Jesus Christus am Ostersonntag seinen Anhängern „neue Hoffnung und Zielsetzung gab und wir alle können daraus Mut schöpfen.“[7] Es war ein spiritueller Appell. Der Tenor Andrea Bocelli sang in der leeren Kathedrale von Mailand – als Symbol der Hoffnung – in einem Online-Konzert, dem weltweit Millionen zusahen.[8] Juden weltweit wurden aufgerufen beim Schreiben einer Einheits-Thorarolle mitzumachen.[9]

Das Weiße Haus rief die Glaubensgruppen und Kirchen auf sich mit dem Virus zu befassen.[10] Ein Großteil dieser Bemühungen bestand darin, den Gläubigen zu sagen, dass sie die Richtlinien befolgen sollen. Diese Anweisungen betreffen die Religionsfreiheit, darunter die ordnungsgemäße Durchführung von Ritualen. Es ist in der Tat wichtig, dass religiöse Führer ihren Gläubigen sagen, sie sollen die Richtlinien befolgen. Der weltweit führende sunnitische Geistliche Yusuf al-Qaradawi hat die Moscheen weltweit aufgefordert alle Gemeindetreffen auszusetzen, auch die wöchentlichen Freitagsgebete.[11]

Der amerikanische jüdisch-orthodoxe Soziologe Samuel Heilman wies darauf hin, dass das Judentum eine Religion ist, die so in das Gemeinschaftsleben eingebunden ist, dass physische Nähe zu anderen entscheidend ist, um eine spirituelle Verbindung zur Gemeinschaft und damit zu Gott zu spüren und dass die religiösen Gefahren der Quarantäne erheblich sind.[12] Es gibt sowohl in Israel wie auch außerhalb davon infolge ihrer Gewohnheiten und Bräuche einen überproportionalen Anteil ultraorthodoxer Opfer.[13] [14]

Man nimmt an, dass die Versammlung einer evangelikalen Megakirche in Frankreich der Ursprung des Großausbruchs der Pandemie im Land ist. In Bourtzwiller, einer Gemeinde der Stadt Mühlhausen, fand im Februar ein Treffen von mehr als 2.000 Gläubigen statt. Sie waren aus ganz Frankreich gekommen. Auch Deutsche nahmen teil. Diese Gläubigen trugen den Virus in alle Teile Frankreichs und nach Deutschland.[15]

Der Ausbruch des Coronavirus und die folgenden Regierungsmaßnahmen beeinflussen viele Gläubige auf sehr unterschiedliche Arten. Analysiert man den Einfluss des Virus auf den persönlichen Bereich, dann kann es für einen Teil von ihnen wichtig sein, wie ihre religiösen Aktivitäten beeinflusst werden. Muslime und Juden, selbst wenn sie nicht in ihre Moscheen oder Synagogen gehen, können ihre täglichen Gespräche Zuhause verrichten. Für gewisse Christen kann sonntags nicht in die Kirche gehen zu können problematischer sein. Kirchen, die hauptsächlich von der Sonntagskollekte der Gottesdienstbesucher abhängig sind, könnten sich finanziellen Schwierigkeiten gegenüber sehen. Doch es gibt noch viele andere Probleme, die von der Öffentlichkeit weit entfernt sind. Zum Beispiel erwarten viele nordafrikanischen Muslime in Frankreich, dass sie, wenn sie sterben, in ihrem Herkunftsland beerdigt werden. Ohne Flüge ist das extrem schwierig, wenn nicht unmöglich geworden.[16]

Es mag zu früh dafür sein, dass Persönlichkeiten des Mainstreams theologische Erklärungen abgeben. Stattdessen gab es einen Anstieg an Extremisten, die behaupten zu wissen, was Gott mit der Pandemie will. Ein muslimischer Prediger sagte im PA-Fernsehen, dass Corona einer der Soldaten des allmächtigen Allah sei und Allah die Sünder bestrafe. Das sind diejenigen, die seine Gläubigen angreifen.[17] Der israelische Gesundheitsminister Jaakow Litzman wurde von einer pakistanischen Internetseite fälschlich beschuldigt, den Ausbruch des Virus Homosexualität zugeschrieben zu haben.[18] Extremistische Pastoren und Rabbiner machen Homosexuelle für den Ausbruch des Virus verantwortlich.[19] Der Oberrabbiner der israelischen Stadt Safed sagte, die Pandemie finde statt, weil die Welt sich den Tagen des Messias nähere.[20]

Im Lauf der Zeit werden einige Gläubige anfangen den Medien zu berichten, wie der Lockdown und andere Maßnahmen ihre Spiritualität und ihre Beziehung zu Gott beeinflusst haben.

 

[1] www.crossroadsinitiative.com/blogs/cyprians-plague-and-the-insanity-of-christian-service/

[2] www.bbc.com/news/world-europe-52260241

[3] www.middleeastmonitor.com/20200329-pope-backs-un-chiefs-call-for-global-ceasefire-to-focus-on-coronavirus/

[4] www.vaticannews.va/en/pope/news/2020-04/coronavirus-pope-emergency-fund-pontifical-mission-societies.html

[5] www.sacredspace.ie/pope-francis-coronavirus-prayer

[6] https://edition.cnn.com/2020/04/08/europe/pope-francis-coronavirus-nature-response-intl/index.html

[7] www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-britain-queen/easter-isnt-cancelled-uks-queen-elizabeth-says-coronavirus-will-not-overcome-idUSKCN21T0RG

[8] bbc.com/news/av/world-52266084/coronavirus-italian-tenor-bocelli-sings-at-milan-s-empty-cathedral

[9] www.google.com/search?q=chaba+unity+torah+scroll&sa=X&rlz=1C1CHBD_enIL744IL744&biw=1167&bih=695&tbs=qdr:w&sxsrf=ALeKk00JHQqGoodKH4sDK8wyhl0aKY2P3w:1587046230482&tbm=isch&source=iu

[10] www.mcclatchydc.com/news/coronavirus/article241279411.html

[11] http://www.freemalaysiatoday.com/category/nation/2020/03/15/prominent-muslim-cleric-qaradawi-calls-for-worldwide-suspension-of-friday-prayers/

[12] www.jta.org/2020/03/20/opinion/im-an-orthodox-sociologist-social-distancing-will-take-a-toll-on-the-orthodox-community

[13] http://www.jpost.com/israel-news/haredi-neighborhoods-in-jerusalem-have-higher-infection-rate-than-bnei-brak-623631

[14] http://www.jpost.com/diaspora/belgian-jews-concerned-about-large-haredi-population-and-coronavirus-623754

[15] https://www.welt.de/politik/ausland/plus207051021/Corona-in-Frankreich-Kirchentag-als-Einfallstor-des-Virus.html

[16] www.lemonde.fr/afrique/article/2020/04/13/coronavirus-les-africains-de-france-ne-savent-plus-ou-enterrer-leurs-morts_6036472_3212.html

[17] www.jpost.com/International/Religious-leaders-Coronavirus-is-punishment-sign-of-the-messiahs-coming-621339

[18] https://honestreporting.com/hr-prompts-correction-to-false-charge-against-israeli-health-minister/

[19] www.metroweekly.com/2020/03/religious-conservatives-are-blaming-gay-people-for-coronavirus/

[20] www.jpost.com/International/Religious-leaders-Coronavirus-is-punishment-sign-of-the-messiahs-coming-621339

 

Heplev - Foto: Papst Franziskus


Autor: Dr. Manfred Gerstenf
Bild Quelle: Christoph Wagener / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)


Dienstag, 05 Mai 2020

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