Marokko will jüdische Geschichte in Lehrplan aufnehmen

Marokko will jüdische Geschichte in Lehrplan aufnehmen


Marokko sendet Signale, dass die kürzlich verkündete Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Israel tatsächlich mit herzlicheren Beziehungen zwischen beiden Ländern einhergehen könnte.

Marokko will jüdische Geschichte in Lehrplan aufnehmen

Von Stefan Frank

Wie israelische und arabische Medien unter Berufung auf die französische Nachrichtenagentur AFP berichten, wird die jüdische Geschichte und Kultur Marokkos bald Teil des Schullehrplans sein – so etwa gibt es in keinem anderen arabischen Land. Die Entscheidung „hat die Auswirkungen eines Tsunamis“, sagte Serge Berdugo, Generalsekretär des Rates der jüdischen Gemeinden Marokkos in Casablanca gegenüber AFP – und das meinte er in einem guten Sinn.

Obwohl Marokko seit 2000 keine offiziellen Beziehungen zu Israel hatte, besuchten weiterhin jedes Jahr Tausende von Juden marokkanischer Herkunft – auch aus Israel – das Land ihrer Vorfahren, um religiöse Feiertage zu feiern oder Pilgerreisen zu unternehmen.

Anfang Dezember wurde Marokko das vierte arabische Land, das in den letzten vier Monaten seine Feindseligkeiten mit Israel beilegte und die Aufnahme (in Marokkos Fall: Wiederaufnahme) diplomatischer Beziehungen ankündigte. Die Nachricht war zuerst von US-Präsident Donald Trump und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu verkündet worden, der marokkanische Königspalast bestätigte sie kurz darauf.

In einer Mitteilung hieß es, König Mohammed VI. habe zugestimmt, mit „minimaler Verzögerung“ volle diplomatische Beziehungen zu Israel herzustellen. Zuvor hatten die Vereinigten Staaten Marokkos Souveränität über die Westsahara anerkannt.

Seit Monaten vorbereitet

Wie AFP berichtet, wurde die Aufnahme der jüdischen Geschichte in die Lehrbücher seit Monaten vorbereitet, im Geheimen, was darauf schließen lässt, dass auch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel schon seit Monaten feststand. Noch im August hatte Marokkos islamistische Regierung einen solchen Schritt abgelehnt. Sehr wahrscheinlich war selbst sie vom König nicht in dessen Pläne eingeweiht worden.

Jüdische Geschichte soll „ab dem nächsten Halbjahr“ Teil des Lehrplans werden, schreibt AFP unter Berufung auf das marokkanische Bildungsministerium – und zwar im letzten Grundschuljahr, für Kinder von elf Jahren. Der Schritt ziele darauf ab, „die vielfältige Identität Marokkos hervorzuheben“, so Fouad Chafiqi, Leiter der akademischen Programme des Ministeriums.

Marokko habe „sein jüdisches Gedächtnis nie gelöscht“, sagte Zhor Rehihil, Kurator des marokkanischen jüdischen Museums in Casablanca – des einzigen seiner Art in der Region – gegenüber AFP. Der Geschichtslehrer Mohammed Hatimi sagte der Nachrichtenagentur, die „Einführung der jüdischen Identität“ in das marokkanische Curriculum werde dazu beitragen, „zukünftige Bürger zu fördern, die sich ihres vielfältigen Erbes bewusst sind“.

Marokko hat seit Jahren eine Sonderrolle in der islamischen Welt. 2009, als der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Holocaust leugnete, nannte König Mohammed VI. die Schoah „eines der tragischsten Kapitel in der modernen Geschichte“. Im September 2018 ließ er vor der UN-Generalversammlung eine Rede verlesen, in der er sagte:

„Rassismus im Allgemeinen – und Antisemitismus im Besonderen – sind keinesfalls nur eine Denkungsart. Antisemitismus ist die Antithese zur Meinungsfreiheit. Sie enthält eine Verneinung des Anderen und ist ein Eingeständnis des Scheiterns, ein Armutszeugnis und eine Unfähigkeit zur Koexistenz. Er impliziert eine anachronistische Rückkehr in eine mystisch verklärte Vergangenheit.“

„Alles ist möglich“

Eine weitere Überraschung gab es letzten Donnerstag, als Marokkos UN-Botschafter Omar Hilale in New York an einer von der israelischen UN-Mission veranstalteten Channukah-Zeremonie teilnahm. Dabei hob Hilale „die engen Beziehungen seiner Regierung zur marokkanischen jüdischen Minderheit“ hervor, insbesondere während des Holocaust. „Wir freuen uns sehr, ein weiteres Signal für das Engagement Marokkos für das zu senden, was Chanukka darstellt – das Ende der Dunkelheit… den Beginn des Lichts“, fügte Hilale hinzu.

Israels UN-Botschafter Gilad Erdan, der gemeinsam mit Hilale einen Chanukka-Leuchter anzündete, sagte bei der Zeremonie, dass das jüngste Normalisierungsabkommen „den Traum vieler Israelis marokkanischen Erbes“ erfülle, die „stolz auf ihre Wurzeln“ blieben und eine „große Liebe für das Land“ hätten:

„Indem wir unsere Unterschiede aufgreifen, anstatt sie als Bedrohung zu betrachten, haben wir neue unglaubliche Möglichkeiten für die Zukunft geschaffen. Wenn Sie mir vor ein paar Monaten gesagt hätten, dass ich mit meinen Freunden aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Marokko Chanukka-Kerzen anzünden werde, hätte ich gesagt: ‚Unmöglich‘. Aber hier senden wir eine Botschaft der Hoffnung an die jungen Menschen in unserer Region, dass alles möglich ist.“

 

Erstveröffentlicht bei MENA Watch


Autor: Stefan Frank
Bild Quelle:


Montag, 21 Dezember 2020

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