Ist der Nationalismus zu unrecht in Verruf?

Ist der Nationalismus zu unrecht in Verruf?


Noch bis vor Kurzem war das Eintreten für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Nationen ein Zeichen fortschrittlicher Politik und einer edelmütigen Gesinnung.

Ist der Nationalismus zu unrecht in Verruf?

Von Yoram Hazony Präsident des Herzl-Institute Jerusalem

Nicht nur feiern die Amerikaner jedes Jahr am 4. Juli ihre eigene Unabhängigkeit mit Feuerwerken, Konzerten, Umzügen, Grillparties und dem Läuten der Kirchenglocken. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Unabhängigkeit anderer nationaler Staaten von Griechenland, Italien und Polen bis hin zu Israel, Indien und Äthiopien als Ausdruck historischer Gerechtigkeit und Verheißung der Heraufkunft einer besseren Zeit angesehen.

Doch zur gleichen Zeit ereignete sich ein Gezeitenwechsel in den Einstellungen gegenüber Ausdrucksweisen des nationalen und religiösen Partikularismus. Die beiden Weltkriege hatten eine kaum vorstellbare Katastrophe über Europa gebracht, deren Bösartigkeit von den ungeheuerlichen Verbrechen gekrönt wurde, die im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen verübt wurden. Und als die Nationen darum rangen, zu verstehen, was geschehen war, gab es – sowohl unter den Marxisten als auch bei den Liberalen – Zeitgenossen, die eifrig erklärten, dass die Ordnung nationaler Staaten selbst die Ursache der Katastrophe gewesen sei. Diese Argumentation war nach dem Ersten Weltkrieg, der weitgehend als Resultat der imperialen Bestrebungen der beteiligten Mächte betrachtet wurde, kaum vom Fleck gekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber hatte sie ihren Platz gefunden.

Und ebenso wie Fotografien der deutschen Todeslager in Umlauf waren, war es auch die Behauptung, dass Deutschland wegen nichts anderem ausgezogen sei, um alle Juden auf der Welt zu ermorden, als aufgrund des „Nationalismus“ der Deutschen. In den 1960er Jahren hatte die Abscheu vor der Nazi-Judenvernichtung, mit der die rassistische Politik im amerikanischen Süden und in Südafrika zeitweilig gleichgesetzt wurde, es vollbracht, die Bildungseliten dazu zu bewegen, nationalen und religiösen Partikularismus jedweder Art mit Nazismus und Rassismus gleichzusetzen.

Der nationalen Unabhängigkeit der Völker entgegengesetzt

Dieser Gedankengang war nie gänzlich schlüssig. Ungeachtet des Vorkommens des Wortes „national“ im Namen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei war Hitler kein Fürsprecher des Nationalismus. Er war ein scharfer Kritiker der protestantischen Struktur insgesamt, aber beschäftigte sich besonders ausführlich mit der Institution des nationalen Staates, den er als verweichlichte Erfindung der Engländer und Franzosen und als dem imperialen Erbe des deutschen Reiches weit unterlegen ansah. Anstelle der Ordnung nationaler Staaten wollte er ein Drittes Reich errichten, das seine Inspiration ausdrücklich vom „Ersten Reich“ bezog – also vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation mit seiner tausendjährigen Herrschaft und imperialen Bestrebung (wie es der Wahlspruch Kaiser Friedrichs III. besagte: Austria est imperare orbi universo – „Österreich ist es bestimmt, die Welt zu beherrschen“).

Hitler war längst nicht der erste, der diesem Vermächtnis Ausdruck verlieh, dessen sich noch der norddeutsche Kaiser Wilhelm II. bedient hatte, um seine Truppen anzuspornen, als Hitler im Ersten Weltkrieg in seinem Heer diente. Wie der Kaiser seiner kämpfenden Truppe 1915 schrieb: „Der Triumph Großdeutschlands, das dazu bestimmt ist, eines Tages über ganz Europa zu herrschen, ist das einzige Ziel des Kampfes, in dem wir stehen.“ In beinahe dem gleichen Ton verbreitete Hitler offen seine Ansicht, Deutschland „muß eines Tages zum Herrn der Erde werden“. Tatsächlich war Nazideutschland ein in jeglicher Hinsicht imperialer Staat, der danach trachtete, dem Prinzip der nationalen Unabhängigkeit und der Selbstbestimmung der Völker ein für allemal ein Ende zu setzen.

Es ist auch völlig unmöglich, die deutsche Anstrengung, die Juden auszulöschen, als Folge des Westfälischen Prinzips der nationalen Selbstbestimmung zu interpretieren. Die Vernichtung der Juden in Polen, Russland, dem übrigen Europa sowie in Nordafrika durch die Nazis war keine nationale, sondern eine globale politische Maßnahme, deren Einfluss sich bis hin zum jüdischen Ghetto von Schanghai erstreckte, welches die Japaner auf Drängen der Nazis einrichteten. Diese Maßnahme wäre außerhalb der Bemühungen Hitlers, die seit langem bestehenden deutschen Ansprüche auf ein universales Imperium neu zu beleben und zu vollenden, weder denkbar noch durchführbar gewesen.

Konrad Adenauer war leidenschaftlicher Antinationalist

All diese Tatsachen waren bereits während des Krieges klar erkennbar. In ihren Rundfunkübertragungen betonten die Vereinigten Staaten und Großbritannien unentwegt, dass es ihr Ziel als Bündnis unabhängiger Nationen sei, die Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit der nationalen Staaten in ganz Europa wiederherzustellen. Und am Ende war es der amerikanische, britische und russische Nationalismus – selbst Stalin hatte das marxistische Geschwätz von der „Weltrevolution“ hinter sich gelassen, um stattdessen offen an die russische Vaterlandsliebe zu appellieren –, der den deutschen Griff nach dem universalen Imperium aus dem Rennen schlug.

Doch nichts davon schien den westlichen Liberalen von Bedeutung zu sein, die sich nach dem Krieg schnell zu der Ansicht verstiegen, dass angesichts der deutschen Verbrechen die nationale Unabhängigkeit nicht länger als Grundlage der internationalen Ordnung akzeptiert werden könne. Unter den neuen Antinationalisten war der westdeutsche Kanzler Konrad Adenauer einer der leidenschaftlichsten, der wiederholt die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa forderte und behauptete, dass nur die Abschaffung des nationalen Staates eine Wiederholung der Schrecken des Krieges verhindern könne. In seiner Redensammlung World Indivisible, With Liberty and Justice For All heißt es:

„Das Zeitalter der Nationalstaaten gehört der Vergangenheit an – einer eifersüchtigen, blutgetränkten Vergangenheit –, die Zukunft soll und muss anders gestaltet werden! […] Wir müssen in Europa loskommen von dem Denken im nationalstaatlichen Begriff. […] erst durch den Zusammenschluss der europäischen Staaten zu einer Gemeinschaft wird das geschichtliche Gegeneinander der Nationalstaaten überwunden und damit Krieg auf dem Kontinent in der Zukunft unmöglich gemacht.“

Die Vorstellung, Deutschland „bändigen“ zu können

Dieser Denkweise zufolge war es die angemessene Antwort auf das überwältigende Böse des Deutschlands der Nazizeit, jenes System der unabhängigen nationalen Staaten nieder zu reißen, das Deutschland das Recht auf eigene Entscheidungen verliehen hatte, und es durch einen allumfassenden europäischen Zusammenschluss zu ersetzen, der in der Lage sein sollte, Deutschland zu bändigen. Mit anderen Worten: Nehmt den Deutschen ihre Selbstbestimmung weg, und ihr verschafft Europa Wohlstand und Frieden.

Die Vorstellung, Deutschland „bändigen“ zu können, indem man die nationalen Staaten Europas abschafft, wird in Europa heutzutage unablässig wiederholt. Sie ist allerdings eher ein guter Witz als eine qualifizierte politische Analyse. Die deutschsprachigen Völker Mitteleuropas waren ihrerseits niemals als nationaler Staat konstituiert. Sie verfügen über keine geschichtliche Erfahrung mit nationaler Einheit und Unabhängigkeit, die mit jener Großbritanniens, Frankreichs oder der Niederlande vergleichbar wäre. Darüber hinaus haben diese westeuropäischen Nationen die Deutschen nicht wegen ihres Nationalismus gefürchtet, sondern wegen ihres Universalismus und Imperialismus – wegen ihres Zieles, Europa unter einem deutschen Kaiser zu einen und ihm so den Frieden zu bringen.

Es war diese tief verwurzelte universalistische und imperialistische deutsche Tradition, die es dem herausragendsten deutschen Philosophen der Aufklärung, Immanuel Kant, so leicht gemacht hat, in seinem Traktat Zum ewigen Frieden die Behauptung aufzustellen, dass die einzig vernünftige Form der Herrschaft eine solche sei, in der die nationalen Staaten Europas zugunsten einer einzigen Regierung aufgelöst würden und sich letztere schließlich auf die ganze Welt ausdehnte. Indem er diese Theorie wiederholt vorbrachte, bot Kant nicht viel mehr an als lediglich eine weitere Abwandlung des Heiligen Römischen Reiches unter deutscher Führung.

Frieden zum Nulltarif

Aus diesem Grund zielten Adenauers wiederholte Forderungen, Deutschland durch die Abschaffung des Westfälischen Prinzips nationaler Staaten zu zähmen, nicht darauf ab, dass die Deutschen allzu viel aufgeben sollten, das für sie historisch bedeutsam gewesen wäre. Tatsächlich bekräftigte der Kanzler lediglich eine altehrwürdige Tradition deutschen Denkens darüber, wie die politischen Verhältnisse in Europa aussehen sollten. Nationen wiederum, die drei oder vier Jahrhunderte zuvor einen immensen Preis für ihre Unabhängigkeit von den deutschen Kaisern gezahlt hatten, wurde für den versprochenen Frieden und Wohlstand ein ziemlich beachtliches Opfer abverlangt.

Sowohl die Briten als auch die Amerikaner unterstützten die Idee einer Einigung des europäischen Kontinents, weil sie annahmen, dass ihre eigene nationale Unabhängigkeit davon nicht betroffen sein würde. Doch sie hatten sich verrechnet. Das kantische Plädoyer für die moralische Überlegenheit einer internationalen Regierung kann unmöglich neben dem Prinzip der nationalen Unabhängigkeit innerhalb einer einzigen politischen Ordnung existieren. Nachdem diese Argumentation im Nachkriegseuropa erst einmal losgelassen worden war, zerstörte sie sehr schnell die Hingabe an die protestantische Struktur, welcher sich ein Großteil der Bildungseliten in Großbritannien und selbst in Amerika zuvor befleißigt hatte. Und dieser Zusammenbruch war nur folgerichtig. Denn warum sollte noch jemand für das Ideal der nationalen Unabhängigkeit einstehen wollen, wenn es doch die nationale Unabhängigkeit gewesen war, die zu Weltkrieg und Holocaust geführt hatte?

Zudem hat die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, ihre Armeen mehr als ein halbes Jahrhundert lang in Europa zu stationieren, dazu geführt, dass die europäischen Nationen in den Genuss von Frieden und Sicherheit kamen, ohne dass sie in Fähigkeiten militärischer ebenso wie konzeptioneller Natur investieren mussten, die den tatsächlichen Sicherheitsbedürfnissen von an Russland und die muslimische Welt angrenzenden Ländern angemessen gewesen wären. Dieser seltsame Umstand – dass Amerikaner weiter und weiter die finanziellen und militärischen Ressourcen bereitstellen, die es braucht, um zu einem verhältnismäßig geringen Preis für Deutschland oder Frankreich den Frieden in Europa zu wahren – ist einer der eigentlichen Gründe dafür, dass Europäer derart besessen von ihrer Liebe zum liberalen Imperium sind.

Frieden dank Verzicht auf Unabhängigkeit

Denn warum sollte schon jemand für Prinzipien der nationalen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung einstehen wollen, wenn Amerika diesen Ländern ihre Sicherheit verschafft, ohne dass sie dafür arbeiten müssten, ungefähr so, wie das aus dem Boden quellende Öl den Saudis Wohlstand bringt, ohne dass diese dafür arbeiten müssen? Die Europäer sind in den Status bloßer Abhängigkeit herabgesunken und existieren auf Grundlage der amerikanischen Großzügigkeit. Dies hält sie in einem Stadium der immerwährenden Kindheit, in der sie fröhlich die Behauptung Adenauers nachbeten, dass sie mit der Abschaffung des unabhängigen nationalen Staates den Schlüssel zum Frieden auf Erden gefunden hätten.

In Wahrheit haben sie nichts dergleichen getan. Wenn es keine Europäische Union gegeben hätte, kein politisches Zusammengehen Frankreichs oder der Niederlande mit Deutschland, so hätten die Militärpräsenz und der Schutz Amerikas trotzdem in jedem Fall den Frieden in Europa garantiert. So funktionieren Imperien eben. Sie bieten Frieden im Gegenzug für den Verzicht einer Nation auf ihre Unabhängigkeit – einschließlich ihrer Fähigkeit, als unabhängige Nation zu denken sowie mündige politische Strategien zu entwickeln und umzusetzen, die an die Existenz einer unabhängigen Nation angepasst wären.

Das Ergebnis ist die politische Landschaft, die wir um uns herum beobachten können. Von Europa bis Amerika ist die protestantische Struktur, die dem Westen seine außergewöhnliche Stärke und Vitalität verliehen hat, von weltgewandten, gebildeten Menschen verworfen worden. Wer dazu aufruft, die Institution des nationalen Staates wiederherzustellen, wird nicht länger als Fürsprecher einer Stärkung der Grundlagen jener politischen Ordnung, auf der unsere Freiheiten aufbauen, wahrgenommen. Stattdessen gilt jeder derartige Vorschlag als Forderung nach der Rückkehr zur Barbarei und in die furchtbare alte Welt, die 1945 hätte sterben sollen.

Auszug aus „Nationalismus als Tugend“, von Yoram Hazony, ARES Verlag, Graz 2020. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Nils Wegner. Hier bestellbar. Eine Besprechung finden Sie unter anderem hier im Handelsblatt.

 

Yoram Hazony ist Bibelwissenschaftler, Philosoph und politischer Publizist. Er ist Präsident des Herzl Institute (Jerusalem) und Vorsitzender der Edmund Burke Foundation. Sein Werk „Nationalismus als Tugend“ wurde in den USA als „Conservative Book of the Year 2019“ ausgezeichnet. Folgen Sie ihm hier auf Twitter: @yhazony. Übersetzt von der Achse des Guten.

 

Foto: Yoram Hazony


Autor: AchGut
Bild Quelle: : Yoram Hazony/Twitter


Sonntag, 27 Dezember 2020

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