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Warum der türkische Mafiaboss Sedat Peker das Schweigegelübde bricht

Warum der türkische Mafiaboss Sedat Peker das Schweigegelübde bricht


Wenn es um die Ehre geht, versteht ein Mafioso keinen Spaß

Warum der türkische Mafiaboss Sedat Peker das Schweigegelübde bricht

Von Murat Yörük

Und Sedat Peker, ein türkischer Mafiaboss, der seit Anfang Mai auf YouTube bislang sieben Enthüllungsvideos veröffentlicht hat und inzwischen mit über 60 Millionen Aufrufen zum aktuell beliebtesten YouTube-Star in der Türkei aufgestiegen ist, ist nach eigenem Verständnis ein Ehrenmann.

Er weiß, was er tut; und er kennt auch den in seinen Kreisen üblichen Ehrenkodex des Schweigegebotes. Dass er das Schweigegelübde der Mafia dennoch bricht und zugleich zeigt, dass er die Ehrenregel kennt, beweist er im ersten seiner Enthüllungsvideos: Auf dem Tisch vor ihm liegt eine türkische Ausgabe des Romans „Omertà“ von Mario Puzo.

Ein Mann der Ehre also – so will Peker seine Botschaft verstanden wissen, um nicht missverstanden zu werden. Und ein Ehrenmann kann die Regel der Regeln umgehen oder neu schreiben, wenn es dazu einen ganz besonderen Anlass gibt.

Ein Regime in Bedrängnis

Tatsächlich gab es diesen Anlass, denn was Peker in seinen Enthüllungsvideos preisgibt, ist bis auf einige Ausnahmen nicht sonderlich neu: Es geht um Erpressung im Staatsauftrag; um Korruption; um vertuschte und nie aufgeklärte Morde; um Heroin- und Kokaingeschäfte und vieles mehr.

Wer das politische Geschehen in der Türkei regelmäßig verfolgt, dürfte sich über die meisten Enthüllungen kaum wundern. Seit Jahren gibt es solche und ähnliche Vorwürfe gegen die Regierung, Konsequenzen bleiben im Regelfall aus.

Neu ist allerdings, dass ausgerechnet Peker diesen Weg geht, und damit das Erdoğan-Regime in große Verlegenheit bringt. Denn der Pate ist nicht irgendjemand: er dominiert seit den frühen 1990er Jahren die türkische Unterwelt, war mehrfach inhaftiert, wurde als einer der Hauptangeklagten gegen die angeblichen Verschwörer, die sich unter dem Namen Ergenekon gegen die Regierung verschworen hätten, zum Staatsfeind deklariert, wurde deswegen verurteilt und nach Revision der Urteile wieder freigelassen.

Nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 stellte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan eine neue politische Allianz auf. Und zu dieser Allianz gehörte bis dato auch informell Sedat Peker. Insofern ist Peker ein brisanter Fall für das Erdoğan-Regime, denn er ist ein Insider.

Peker ist seit Ende 2019 aufgrund eines Ermittlungsverfahrens gegen ihn auf der Flucht. Doch bis Anfang Mai schwieg er, obwohl sich abzeichnete, dass er unter den konkurrierenden Gangs und im Buhlen um die Hand des Staates zwischenzeitlich den Kürzeren gezogen hat. So ließ Präsident Erdoğan im April 2020 nach einem Amnestiebeschluss auf Drängen seines Bündnispartners Devlet Bahceli, dem Führer der nationalistischen Bewegung MHP, den Mafiaboss Alaattin Cakici frei, ein Konkurrent Pekers.

Bereits in den 1990er Jahren waren Peker und Cakici in einen Mafiakrieg verwickelt, und obwohl sie die gleiche politische Gesinnung teilen, herrscht in Sachen Verteilungskampf unversöhnliche Konkurrenz. Die Amnestie für Cakici war insofern ein deutliches Zeichen dafür, dass im altbekannten Dreieck aus Politik-Staat-Mafia nunmehr Cakici der Vorzug gegeben wird.

Im April dieses Jahres wurde die Istanbuler Villa des flüchtigen Paten durchsucht – und das dürfte den entscheidenden Anlass dafür gegeben haben, warum Peker gerade jetzt das Schweigen bricht. Ausführlich schildert er im ersten seiner Videos, wie Truppen mit geladenen Waffen und Drogenspürhunden nachts in die Villa eingedrungen sind und seine Ehefrau und Kinder verschreckt haben. Im Ehrenkodex des Paten war dieses Eindringen in die Privaträume während seiner Abwesenheit ein Affront gegen ihn. Und so etwas kann Peker, der sich martialisch und selbstbewusst gibt, nicht gefallen lassen.

Enthüllungsvideos im Serienformat

Seit Anfang Mai schwört der geschasste Pate in seinen Enthüllungsvideos auf Rache, und teilt insbesondere gegen den türkischen Innenminister Süleyman Soylu und dessen Ziehvater Mehmet Agar aus, der ein weiterer einflussreicher Pate ist. Die Videos gehen inzwischen viral, und in der politischen Öffentlichkeit wird seit Tagen über nichts anderes geredet.

Peker will ein Massenpublikum erreichen; entsprechend sind die Videos gestaltet; sie sprechen unterschiedliche politische Spektren an, die an Serien gewohnt sind. Es ist kein Zufall, dass vieles tatsächlich an ein Serienformat erinnert, nur eben nicht auf Netflix, sondern YouTube.

Türkische Serienproduktionen haben selten ein abgeschlossenes Drehbuch; zu Beginn ist nie klar, wie viele Folgen es letztendlich geben wird – und auch Peker scheint nicht ansatzweise eine Ahnung davon zu haben, was sein Ziel ist. Gedreht werden von Peker immer zwei Folgen seiner Videos, Publikumsreaktionen und -erwartungen werden berücksichtigt, sogar auf Nachfragen geht er gelegentlich ein.

Peker baut in seinen Filmen Spannung auf, philosophiert über religiöse wie moralische Fragen, analysiert etwa das taktische Geschick von Atatürk oder Ali, dem Schwiegersohn Mohammeds. Er arbeitet sich mit rhetorischem Geschick tastend vor; referiert ausführlich etwa über Atatürk, und legt dar, wieso es klug sei, pragmatisch statt ideologisch zu denken und zu handeln; erzählt seine Fluchtgeschichte, reiht Anekdote an Anekdote aus dem Gangsterleben; wägt ab, ob es Sinn mache, ihn zu töten; und redet sich in Rage, wenn er auf seine Gegner zielt.

Die gelegentlichen Auslassungen und Andeutungen erwecken den Eindruck, als spielte er mit dem Publikum, um zwischen den Folgen das Enträtseln seiner versteckten Botschaften anzufeuern. Peker wird laut, wenn es gegen die „Ehrlosen“ geht; und dann wieder leise, wenn er einen Schluck Wasser getrunken hat, um sich zu beruhigen. Mal will er dem Innenminister ein Hundehalsband anlegen, und es wird bizarr; dann beweist er Witz und Selbstironie.

Er legt viel Wert darauf, verstanden zu werden, mischt Straßentürkisch mit Zitaten aus dem Koran; zitiert Mustafa Kemal Atatürk, Sunzi, Stefan Zweig oder Erasmus aus dem Gedächtnis. Immer sind Bücher auf dem Tisch vor ihm platziert: etwa eine Trotzki-Biografie von Isaac Deutscher, Bücher von Mario Puzo oder Dostojewski.

Die Enthüllungen selbst, auf die es ankommen soll, wirken montiert, zerstreut und selten werden sie auch tatsächlich belegt. Und dennoch ist Pekers Auftreten durch sein Sendungsbewusstsein, sein Charisma und seine Mafia-Attitüde fesselnd. So kennen türkische Zuschauer schließlich einen Paten, und die Beliebtheit von türkischen Mafia-Filmen wie „Tal der Wölfe“ oder „Cukur“ gereichen Peker zum Vorteil.

Erdoğan bricht das Schweigen

Bislang ist auffällig, dass Peker den türkischen Präsidenten Erdoğan noch durchaus respkethaft als großen Bruder anspricht und nicht direkt angeht. Dennoch dürfte seine Botschaft an den Präsidenten angekommen sein; dass er nämlich noch weitere Enthüllungen anzubieten hat – kaum zu zweifeln ist daran, dass auch Erdoğan selbst zum Angriffsobjekt werden könnte.

Der nahm zunächst jedoch einmal auf der Tribüne Platz, schwieg, und sah dem Hahnenkampf zwischen Peker und Soylu zu. Am Dienstag stellte sich Soylus Bündnispartner Devlet Bahceli an dessen Seite; tags darauf zog Erdoğan nach, positionierte sich nun doch und machte deutlich, dass er hinter seinem Innenminister stehe. „Wir stehen mit unserem Innenminister in seinem Kampf gegen kriminelle Banden sowie gegen terroristische Organisationen“, sagte Erdoğan.

Mit Spannung wird nun die das weitere Vorgehen von Peker erwartet. Er werde weitermachen, und für Sonntag kündigte der Pate per Twitter bereits das nächste Video an. 

 

Erstveröffentlicht bei MENA Watch


Autor: MENA Watch
Bild Quelle: kremlin.ru, CC BY 4.0 , via Wikimedia Commons


Mittwoch, 02 Juni 2021

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