weitere Artikel

Glücklich das Land, das nicht ausreichend getestet wurde

Glücklich das Land, das nicht ausreichend getestet wurde


Kaum einer weiß besser als RKI-Chef Wieler oder Professor Drosten, wie man auf eine durch erhöhte diagnostische Aktivitäten geschaffene Epidemie hereinfallen könnte. Und doch tappten sie in die Falle.

Glücklich das Land, das nicht ausreichend getestet wurde

Von Thomas Maul

„Ohne PCR-Tests wäre die Pandemie niemandem aufgefallen.“ (Franz Allerberger, 19.06.2021, Leiter des „österreichischen RKI“)

Kaum einer weiß besser als RKI-Chef Wieler oder Professor Drosten, wie man auf eine „Pseudoepidemie“ hereinfallen könnte, die nach Definition des RKI-Lexikon auf „erhöhte diagnostische Aktivitäten“ zurückgeht und nicht durch eine echte Zunahme von Infektionen bedingt ist. In dieser Hinsicht gibt es ein aufschlussreiches Interview, das Christian Drosten der Wirtschaftswoche 2014 zur „Mers-Pandemie“ gegeben hat und schon mehrfach viral gegangen ist; meistens jedoch beschränkt auf einzelne Auszüge, die im Licht aktueller Entwicklungen besonders skandalös erschienen.

Wer Drostens damalige Kritik am Wahrnehmen und -machen der „Mers-Pandemie“ durch Behörden in Saudi-Arabien mit der Corona-Politik hiesiger Apparate seit Frühjahr 2020 nüchtern abgleicht, kommt nicht umhin festzustellen, dass RKI-Chef Wieler und Drosten als die Hauptarchitekten der „nationalen Teststrategie“ nicht nur wiederholt haben, was damals Saudi-Arabien zu recht als Fehler angekreidet wurde. Sie haben es sogar verschärft. Jetzt, da kritische Erkenntnisse vermehrt mainstreamfähig werden, lohnt eine ausführlichere Beschäftigung mit Drostens damaligem medizinisch-epidemiologischen Wissensstand...

Das Interview beginnt mit einer zunächst unscheinbaren Bemerkung. Auf die Frage nach den „regionalen Schwerpunkten der Erkrankung“ antwortet Drosten:

„Auch die Fälle in Europa oder USA lassen sich alle auf Infektionen in der arabischen Region zurückführen. Allerdings [!] muss man auch [!] ganz klar [!] feststellen: In dieser Region und vor allem in Saudi-Arabien wird momentan am intensivsten getestet.“

Damit zieht Drosten „ganz klar“ in Betracht, dass der Eindruck in Sachen Heftigkeit (oder Hotspot) eines Infektions- und Erkrankungsgeschehens auch von der Testintensität abhängt. Die Banalität, man habe beim Beobachten von (objektiver) Realität auch immer kritisch aufs (subjektive) Beobachtungsinstrument zu reflektieren, will der Interviewer nicht so richtig wahrhaben und insistiert, dass intensives Testen „ja an sich kein Fehler“ sei, „oder?“ Darauf Drosten:

„Nun ja. Es ist eben so, dass es bisher eine klare Fall-Definition gab, also ein striktes Schema, das festlegte, welcher Patient als Mers-Fall gemeldet wurde. Dazu gehörte zum Beispiel, dass der Patient eine Lungenentzündung hat, bei der beide Lungenflügel betroffen sind. Als in Dschidda Ende März dieses Jahres…“

Neue Falldefinitionen

Unterbrechen wir kurz und erinnern uns, dass SARS-2 bzw. Covid-19 anfangs wie SARS-1 und MERS eine schwere virale Lungenentzündung sein sollte. Man hätte daher erwarten können, nur Patienten mit entzündeten Lungenflügeln als „Covid-19-(Verdachts-)Fälle“ in Erwägung zu ziehen, diese auf den entsprechenden Erreger zu testen und gegebenenfalls zu bestätigen. Stattdessen zählt das RKI jeden Menschen mit einem positiven PCR-Test – und zwar („In Einklang mit den internationalen Standards der WHO und des ECDC“): „unabhängig [!] vom Vorhandensein [!] oder der Ausprägung [!] einer klinischen Symptomatik“ als „Covid-19-Fall“. Hören wir – dies im Hinterkopf – wie der Gedanke Drostens weitergeht:

„Als in Dschidda Ende März diesen Jahres aber plötzlich eine ganze Reihe von Mers-Fällen auftauchten, entschieden die dortigen Ärzte, alle Patienten und das komplette Krankenhauspersonal auf den Erreger zu testen. Und dazu wählten sie eine hochempfindliche Methode aus, die Polymerase-Kettenreaktion (PCR).“

Drosten problematisiert hier erstens die (anlasslose und verdachtsunabhängige) Ausweitung der Testpopulation von Erkrankten mit zwei entzündeten Lungenflügeln auf Krankenhauspersonal und -patienten schlechthin sowie zweitens die dafür ausgewählte und zum Einsatz kommende „hochempfindliche“ Testmethode, nämlich PCR. 

PCR und vorüberhuschende Viren

Während der Interviewer meint, dass dies doch „modern und zeitgemäß“ klinge, erläutert Drosten:

„Ja, aber die Methode ist so empfindlich, dass sie ein einzelnes Erbmolekül dieses Virus nachweisen kann. Wenn ein solcher Erreger zum Beispiel bei einer Krankenschwester mal eben einen Tag lang über die Nasenschleimhaut huscht, ohne dass sie erkrankt oder sonst irgendetwas davon bemerkt, dann ist sie plötzlich ein Mers-Fall. Wo zuvor Todkranke gemeldet wurden, sind nun plötzlich milde Fälle und Menschen, die eigentlich kerngesund sind, in der Meldestatistik enthalten. Auch so ließe sich die Explosion der Fallzahlen in Saudi-Arabien erklären. Dazu kommt, …“

Drosten stellt hier also fest, dass die „Explosion der Fallzahlen“ nicht für ein reales medizinisches Problem steht, sondern durch Fehler in der „Beobachtung“ bzw. Registrierung zustande kommt: nämlich a) die Anwendung der hochsensiblen PCR, b) ihren Missbrauch (= Testung von Symptomlosen) und c) eine neue Falldefinition, die mild Erkrankte und Kerngesunde in die Meldestatistik (zur Abbildung der epidemischen Lage) einfließen lässt. Also genau die medizinisch, epidemiologisch, gesundheitspolitisch widersinnige Zählweise, die Wielers RKI mit Berufung auf WHO und ECDC für Covid-19 im Jahr 2020 historisch erstmalig eingeführt hat. Und noch etwas kommt für Drosten hinzu:

„Dazu kommt, dass die Medien vor Ort die Sache unglaublich hoch gekocht haben. […] In der Region gibt es kaum noch ein anders Thema in den TV-Nachrichten oder Tageszeitungen. Und auch Ärzte in Krankenhäusern sind Konsumenten dieser Nachrichten. Die überlegen sich dann ebenfalls, dass sie mal ein Auge auf diese bisher auch in Saudi-Arabien sehr seltene Erkrankung werfen müssten. Die Medizin ist nicht frei von Modewellen. […] Ich befürchte, dass der jetzige Anstieg eher der erhöhten Aufmerksamkeit geschuldet ist. Das ist hierzulande nicht anders. Berichten „Bild“ oder die Abendnachrichten über einen Ausbruch eines bestimmten Virus, steigt die Zahl der Laboruntersuchungen deutlich an. Einfach, weil auch Ärzte dann sensibilisiert sind und gezielt Ausschau halten nach den Erregern, über die berichtet wird. […]“

Unterschied von „wissenschaftlich interessant“ und „medizinisch relevant“

Drosten deutet hier nicht nur an, wie die Medien eine Sache hochkochen können, etwa indem die Berichterstattung falsch ermittelte Zahlen alltäglich kontextlos, dramatisierend ausgeschmückt und monothematisch weitergibt, sondern dass dies auch auf den Blick der Ärzte, auf Laboruntersuchungen selber rückwirken kann. Einander hochschaukelnd, könnten Wissenschaft und Presse eine Aufmerksamkeitsökonomie eskalieren, die dem realen Geschehen eine Bedeutung verleiht, die ihm objektiv (z.B. medizinisch, bevölkerungsstatistisch) gar nicht entspricht. (Vorstellbar damit, dass Politiker und Konzerne auf diesen Zug aufspringen und auch eine Bevölkerung zumindest anfangs aus Angstlust am Thrill genau diese Dynamik herbeisehnt und per social media gehörig mittut…)

Der Journalist will dann von Drosten wissen, was seiner Meinung nach stattdessen zu tun wäre. Und an der Antwort des „Experten“ ist unter anderem bemerkenswert, wie eindringlich Drosten auf dem Unterschied zwischen „wissenschaftlich interessant“ und „medizinisch relevant“ beharrt: 

„Es wäre sehr hilfreich, wenn die Behörden in Saudi-Arabien wieder dazu übergehen würden, die bisherige Definitionen der Krankheit (!) einzuhalten (!). Denn was zunächst interessiert, sind die echten (!) Fälle. Ob symptomlose oder mild infizierte Krankenhausmitarbeiter wirklich (!) Virusträger sind, halte ich für fraglich. Noch (!) fraglicher ist, ob sie das Virus an andere weitergeben können. Das Beraterteam des neuen Gesundheitsministers sollte stärker zwischen medizinisch notwendiger Diagnostik und wissenschaftlichem Interesse unterscheiden. […] Die WHO kann nur Empfehlungen zur Fallmeldung geben, aber die sind nicht rechtsverbindlich. Im Falle von Sars hatte sie damals zum Beispiel nur solche Fälle zur Meldung empfohlen, in denen ein Antikörpertest (!) positiv war. […] Unser Körper wird ja ständig von Viren und Bakterien angegriffen. Sie scheitern aber oftmals schon an Barrieren wie der Haut oder den Schleimhäuten in Nase und Rachen. Dort werden sie erfolgreich abgewehrt, bevor sie Unheil anrichten können. Nur gegen solche Krankheitserreger, die unseren Körper ernsthaft (!) befallen, entwickelt die Immunabwehr auch Antikörper. Wenn (!) Antikörper da sind, bedeutet das, der Mensch hat tatsächlich (!) eine Infektion gehabt. Ein solcher Antikörpertest würde die Unterscheidung zwischen wissenschaftlich interessanten und medizinisch relevanten Fällen sehr erleichtern.“

Wer also Drostens damalige Kritik am Wahrnehmen und -machen der „Mers-Pandemie“ durch Behörden mit der Corona-Politik hiesiger Apparate seit Frühjahr 2020 nüchtern abgleicht, kommt nicht umhin, festzustellen, dass RKI-Chef Wieler und Drosten als die „wissenschaftlichen“ Hauptarchitekten der „nationalen Teststrategie“ nicht nur wiederholt haben, was Saudi-Arabien zu recht als Fehler angekreidet wurde. 

Sie haben es sogar verschärft. Statt mit Antikörpertests „echte Fälle“ von Infektionen bei Patienten mit entzündeten Lungenflügeln (einer definierten Erkrankung) aufzuspüren, wurden PCR-Test-Positive – unabhängig von Symptomen, Patientenanamnese und Differenzialdiagnostik – gezählt, wobei der PCR-Test als hinreichende Grundlage galt für Zwangsquarantänisierungen und zur Errechnung von R-Zahlen und Inzidenzwerten, welche das Infektionsgeschehen abbilden und grundrechteeinschränkende Maßnahmen rechtfertigen sollten. Waren für Drosten 2014 bereits die PCR-Test-Intensität und die Ausweitung der Testpopulation auf Krankenhauspersonal und -patienten problematisch (wiewohl hier wenigstens noch von einer gewissen Prävalenz bzw. Vortestwahrscheinlichkeit ausgegangen werden kann), wurden 2020 über eine Million Tests pro Woche zunehmend an Symptomlosen und dabei immer anlassloser und verdachtsunabhängiger vorgenommen (Fleischarbeiter, Reiserückkehrer, Schüler, Lehrer, Arbeitnehmer…). Man tat dies, obwohl (oder weil?) man wusste – und seitens des RKI auch Entsprechendes publizierte –, dass man mit der PCR-Technik bei abnehmender Vortestwahrscheinlichkeit (sinkendem realen Infektionsgeschehen und/oder Testung von Symptomlosen) mehr falsch-positive als richtig-positive Ergebnisse erzielen würde. 

In der Folge sind „unechte Fälle“ (mild Erkrankte und Kerngesunde) nicht (wie zu Mers-Zeiten in Saudi-Arabien) „auch“, sondern gleichanteilig bis überwiegend in den Meldestatistiken, in der Darstellung des angeblichen Infektions- und Erkrankungsgeschehens enthalten. Damit wurde ein allenfalls „wissenschaftlich interessantes“ Geschehen als medizinisch und gesellschaftlich relevant ausgegeben.

Doch damit nicht genug. Drosten und Wieler haben nicht nur die „Fehler“ der saudi-arabischen Behörden wiederholt und auf die Spitze getrieben, sondern sich auch noch eine Reihe ganz eigentümlicher „Verfehlungen“ erlaubt, die den Zahlen jeden Realitätsbezug nehmen, von denen hier nur zwei hervorgehoben seien. (Zum Folgenden und für weitere Details siehe meine Serie „Skandale der PCR-Massentestung“, die hauptsächlich Wieler und das RKI betrifft, sowie die Artikel „Professor Drosten in der PCR-Test-Zwickmühle“ und „Zum Geburtstag von Drostens ‚Sars-CoV-2‘“, die sich mit dem spezifischen Engagement des Hofvirologen beschäftigen.) 

Erstens: Mängel des PCR-Test-Designs

Inzwischen dürfte sich herumgesprochen haben, dass selbst der beste PCR-Test allein keine Infektion im Sinne des Infektionsschutzgesetzes §2 feststellen kann, weil er – abgesehen von unter bestimmten Bedingungen sehr viel falsch-positiven Ausschlägen – auch auf „Erbmoleküle“ von Viren anspringt, die längst „vorübergehuscht“ sind (die Leute sind entweder längst genesen oder waren nicht krank und werden es auch nicht mehr). Ein guter PCR-Test könnte im Zusammenhang mit Symptomen, Patientenanamnese und Differenzialdiagnostik den Verdacht auf eine bestimmte Infektion erhärten. Zwei Momente machen einen PCR-Test gut. Diese hängen mit der Auswahl der gesuchten Zielfragmente und mit dem Ct-Wert zusammen, beide verweisen auch darauf, wie Ergebnisse zu interpretieren sind.

Ein guter PCR Test sucht nach (mindestens) 3 spezifischen (!) Genabschnitten des Virusstrangs, die sich an dessen Anfang, Mitte und Ende befinden sollten, um plausibel zu machen, dass vor der das Ausgangsmaterial schreddernden Verwandlung von RNA in DNA auch ein vollständiges, intaktes Virus in der Probe zugegen war. Dafür ist zwingend, dass eine Probe erst dann als positiv gilt, wenn alle drei Testziele detektieren (und nicht nur eines). An dieser Stelle war Drosten durch seine Mitarbeit an entsprechenden „WHO-Leitfäden für Labore“ an einer Entwicklung beteiligt, in deren Folge Labore entweder nur auf ein und dazu auch noch unspezifisches Zielfragment (E-Gen-Screening) testeten oder bei zwar zwei Zielen (Dual-Target-Tests), das Gesamttestergebnis aber auch dann positiv meldeten, wenn allein das E-Gen detektierte. 

Das zweite Moment, das ein PCR-Test-Design gut macht und im Unterschied zum ersten inzwischen seinen Weg in den Mainstream findet, ist der Ct-Wert, der auf eine hinreichende Viruslast, Virusmenge verweist, um überhaupt von einer Infektion bzw. von Infektiosität sprechen zu können. Denn das PCR-Verfahren muss das Ausgangsmaterial durch viele Verdoppelungszyklen vermehren, um Virenbruchstücke überhaupt sichtbar machen zu können. Je mehr Verdoppelungszyklen dafür nötig sind, umso weniger „Virus“ war in der Probe ursprünglich vorhanden und umgekehrt. Insofern ist ein sinnvoller Schwellenwert der Verdoppelungszyklen festzulegen (eben der Ct-Wert), ab dem eine Positiv-Meldung keine Positiv-Meldung im Sinne von Infektion/Infektiosität mehr ist. Das weiß nun auch Angela Merkel, die dem Bundestag am 23.06.2021 [!] (laut Stenografischer Bericht, der die tatsächliche Verwechslung von „unter“ und "über“ (siehe: hier) stillschweigend korrigiert) folgendes mitteilt:

„Dieser Ct-Wert kann über oder unter 25 liegen. Ist er unter 25, ist der Mensch ansteckend, ist er über 25, ist er nicht ansteckend.“

Sie meint: Der Ct-Wert sind die 25 Verdoppelungszyklen; darüber oder darunter liegen die Verdoppelungszyklen, die tatsächlich gefahren werden mussten, bis es ein positives Signal gab. Es scheint damit also jetzt Standardwissen zu sein, dass ein positiv Getesteter, bei dem mehr als 25 Zyklen nötig waren, nicht ansteckend war, also allein auf Basis dieses Testergebnisses rechtmäßig hätte weder als „Ansteckender“ quarantänisiert werden noch medizinisch wie epidemiologisch als „Covid-19-Fall“ (Lungenentzündung) oder „akut Neuinfizierter“ in einer Meldestatistik auftauchen dürfen. 

Für eine historische (auch juristische) Aufarbeitung der Corona-Politik ist daher brisant, dass das von Drosten und Konsorten im Januar 2020 veröffentlichte und von der WHO international zur Nachahmung empfohlene PCR-Test-Workflow-Protokoll zum einen gar keinen Ct-Wert bestimmte und zum anderen mit 45 [!] Verdoppelungszyklen versicherte, „Infektionen“ (und Infektiosität) nachzuweisen. Zudem: Die unter Drostens Mitwirkung entstandenen WHO-Leitfäden für Labore vom März etwa enthielten immer noch keine Hinweise auf Ct-Werte. Erst Anfang September 2020, wenn auch folgenlos und nur auf Druck eines Artikel der New York Times von Ende August, haben RKI und Drosten öffentlich eingestanden, dass die Bestimmung von Ct-Werten bedeutsam wäre (wobei es da noch um Ct-Werte von 27 bis 30 ging). 

Dennoch: Auf der Regierungspressekonferenz vom 23. Oktober 2020 wird auf entsprechende Nachfrage hin mitgeteilt, dass man (immer noch) nicht wisse, ob es für die Labore eine einheitliche Regelung hinsichtlich des Ct-Werts gebe und bei welchem Betrag dieser denn nun liege. Als die WHO dann in einem Leitfaden von Januar 2021 wiederholt betonte, dass vernünftige Ct-Werte bestimmt werden sollten und den Gesundheitsämtern jedenfalls unbedingt mitzuteilen ist, wie viele Verdoppelungszyklen der Positiv-Meldung jeweils tatsächlich zugrunde liegen, wiegelte Drosten die Frage Reitschusters nach den praktischen Konsequenzen dieser WHO-Erinnerung damit ab, dass sich diese Selbstverständlichkeiten ausschließlich an Dritte-Welt-Labore richten würden.

Selbstverständlichkeiten? Am 11. Juni 2021 war Prof. Dr. Christian Drosten als Sachverständiger vor den Corona-Untersuchungsausschuss des Brandenburger Landtags geladen. Auf die Frage, wie er es mit dem Thema Ct-Wert halte, antwortet Drosten im Wesentlichen, dass er (er sagt „wir“ und meint Labor Berlin als Tochterunternehmen der Charité) mit einem Ct-Wert von 24 bis 25 arbeite, der sich ergäbe, wenn man eine bestimmte Viruslast (einen bestimmten Probenvolumenanteil) auf die bestimmte eingesetzte Maschinen-Technik (in dem Fall Roche) beziehe. Er glaube, jedes Labor verfahre dabei anders und er wisse nicht, wie die anderen Labore dies genau handhaben würden. Leider wird Drosten anschließend nicht darauf festgenagelt, seit wann es das so macht, wo sein – bis heute nicht nachjustiertes – WHO-Workflow-Protokoll vom Januar 2020 ja noch keinen Ct-Wert festlegte und mit 45 Zyklen operierte. Er wird aber immerhin gefragt: „Reine Spekulation – wäre es sinnvoll, das verpflichtend zu machen für die Labore für die Virusdiagnostik für SARS-CoV-2?“ Seine Antwort: 

„Also nach meiner Ansicht ist es sinnvoll, das zu machen. […] … ganz prinzipiell medizinisch epidemiologisch gedacht, ja, natürlich ist das sinnvoll.“

Zweitens: Mängel der PCR-Test-Praxis

Es müsste sich damit jedem die Frage stellen, warum Wieler bzw. das RKI und Drosten als die entscheidenden Regierungsberater und Hauptarchitekten der nationalen Teststrategie den einzusetzenden PCR-Test monatelang nicht kalibriert haben (wie viele und welche Zielgenfragmente sind zu suchen und hätten für ein positives Gesamtergebnis nach wie vielen Zyklen – Ct-Wert-Festlegung – zu detektieren, um einen Infektionsverdacht zu melden?), geschweige denn eine solche Kalibrierung dann auch irgendwann zur für alle Labore verbindlichen Norm erklärten, um eine bundesweit einheitliche Testung und damit sinnvolle und vergleichbare Zahlen zu gewährleisten. 

Nebst diesem „Versäumnis“ traf man weitere Entscheidungen, die wissentlich nur nichtssagenden Zahlensalat produzieren können: Die Testpopulation wurde beständig neudefiniert, weshalb Kurvenverläufe, die ein objektives und allgemeines die Bevölkerung betreffendes Infektionsgeschehen über die Zeit abbilden sollen, reinster Unsinn sind. R-Zahlen und Inzidenzwerte wurden auf Basis der absoluten Zahlen von „Neuinfektionen“ (= positiv Getesteten) errechnet, wiewohl man diese Zahlen, wie jeder Schüler weiß, durch Erhöhen und Senken der Gesamtzahl der Tests selbst beeinflusst und steuert. Mit zu wenigen und/oder unspezifischen Zielen, zu vielen Verdoppelungszyklen und der verdachtsunabhängigen Massentestung von Symptomlosen, gar während sinkendem Infektionsgeschehen, wird man – zumindest phasenweise – mehr als 97% falsch-positive Ergebnisse erzielt haben. Das alles als „wissenschaftliche Grundlegung“ von über ein Jahr lang andauernden grundrechteeinschränkenden Maßnahmen verschiedener Intensität.

Damit sollte deutlich geworden sein, dass und in welchem Ausmaß Drosten und RKI (Wieler) wiederholt und sogar schlimmer gemacht haben, was Drosten seinerzeit den saudi-arabischen Behörden in Sachen MERS zu recht vorgeworfen hatte: eine noch größere Ausdehnung der Testpopulation bei krasser Steigerung der Testintensität sowie der Einsatz mangelhafter Tests bei Verzicht auf eine einheitliche Testpraxis.

Sofern Drosten sich dazu herablässt, auf Widerspruch zu reagieren, argumentiert er fadenscheinig: Was die Beurteilung der PCR-Technik selbst und ihre praktische Anwendung angeht, gäbe es zwischen seiner Kritik von 2014 und den heutigen Behauptungen von „wasserdichter Diagnostik“ (Drosten) und „Goldstandard“ (RKI) gar keinen Sinneswandel, die Technik sei in den letzten Jahren einfach besser geworden. Nicht nur, dass er erwiesenermaßen entscheidenden Anteil daran hatte, die PCR-Technik in der Anwendungspraxis noch schlechter zu machen, als sie sein müsste: Die mit der Anzahl und Spezifität der Ziele, dem Ct-Wert und der hohen Falsch-Positiven-Rate bei anlassloser Massentestung von Symptomlosen zusammenhängenden Probleme sind prinzipieller Natur und werden von etwaigen Verbesserungen der Technik seit MERS oder gar seit der Kritik ihres Erfinders – Kary Mullis – an ihrem praktischen Missbrauch zum Krankheitsnachweis schlicht gar nicht tangiert. Warum der PCR-Test nie für alle Labore einheitlich verbindlich und vorschriftsweise kalibriert wurde? Drosten:

„Also nach meiner Ansicht ist es sinnvoll, das zu machen. Das verpflichtend zu machen, äh, das ist nach meiner Ansicht unter den Kautelen einer Pandemie mit überlasteten Laboren immer die Frage, ob man da nicht noch mehr Arbeitslast verursacht. Aber ganz prinzipiell medizinisch epidemiologisch gedacht, ja, natürlich ist das sinnvoll.“

Schwurbeleien und Neurosen

Die Schwurbelei („Kautelen“) meint zu Deutsch wohl, dass die Prioritäten angesichts einer gefährlichen Pandemie andere waren, als die Gefahr auf sinnvolle Weise zu messen und zu belegen, weil dies die Labore überlasten könnte. Ähnlich „argumentierte“ auch die Fachzeitschrift Eurosurveillance auf die Kritik an der Publikation des in vielen Details mangelhaften Drosten-PCR-Workflow-Protokolls: Es sei so gut gewesen, wie es zum damaligen Stand (Januar 2020) eben hätte sein können, und prioritär war, angesichts der drohenden Gefahr überhaupt einen Test so schnell wie möglich zur Anwendung zu bringen. Plausibel ist das nicht, bedenkt man, dass Drosten vor dem Brandenburgischen Untersuchungsausschuss im Juni 2021 seine Auffassung von Anfang März 2020 wiederholte, derzufolge Corona „in den allermeisten Fällen eine milde Erkrankung“ sei. 

Daher wird eher genau umgekehrt ein Schuh draus: schlechte PCR-Test-Designs, eine schlechte PCR-Test Anwendung und ein jeder Tradition und Medizin spottendes Umdefinieren von (jeder ernsthaften Erkrankung entkoppelten) „Fällen“ haben unter tatkräftiger Beteiligung von Politik und Medien den Eindruck einer Bedrohung der Bevölkerung erst erzeugt: wie bei MERS, nur noch weitreichender und dabei globaler – und darum mit gravierenderen Folgen (Lockdowns, Maskenpflicht, Isolationshaft der Pflegebedürftigen, Ausgangssperre für alle anderen, Nötigung zur Impfung mit riskanten Vakzinen). Gesundheitliche Notlage und Pandemie wurden von der WHO erst auf Basis der vom Drosten-Test gefundenen „Fälle“ ausgerufen.

Andererseits – und um fair zu bleiben – muss die massenhafte Lust, sich zu neurotisieren, ebenso wie die Überdrüssigkeit in Hinblick auf bürgerliche Freiheitsrechte, bereits ausgeprägt verbreitet gewesen sein. Denn beispielsweise 300.000 akut Infizierte – unterstellen wir einmal, PCR-Test-Designs und Testpraxis wären in dieser Frage jedem Zweifel enthoben aussagekräftig –, das sind um die 0,4 Prozent der deutschen Bevölkerung. Selbst bei Anerkennung der vorgeblichen Corona-Todes-„Fälle“ kommt Ioannidis nur auf eine grippeähnliche Infektionssterblichkeit von 0,15 Prozent. Wie kann man da ernsthaft annehmen, dass dies eine Gesellschaft in den Zustand krisenhafter Fragilität versetzt? Oder: Die Corona-Erkrankung wird (samt der eingestanden noch harmloseren Beta- und Delta-Plus-Varianten) zunehmend offiziell (etwa vom Bundesgesundheitsministerium) als hochinfektiöser Schnupfen bzw. schnöde Erkältung (ohne nennenswerte Auswirkung aufs Gesundheitssystem) kommuniziert, trotzdem hält sich zugleich das Narrativ einer unbedingten, Freiheitsrechte opfernden Mobilmachung zur Eindämmung, reproduziert sich die allgemeine Aufmerksamkeit, als würde die Welt nichts wirklich Interessantes und Sinnvolles mehr für die Menschen bereithalten… 

 

Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten


Autor: AchGut
Bild Quelle: 番記者, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons


Dienstag, 06 Juli 2021

Umfrage

Würden Sie 10€ mtl. zahlen um haOlam.de WERBERFREI zu lesen?




Vielen Dank für die Teilnahme

Unterstützen Sie die Journalistische Arbeit von haOlam.de!

**********

Spenden an den gemeinnützigen Trägerverein von haOlam.de können von der Steuer abgesetzt werden.

Wir bedanken uns bei allen Spendern für die Unterstützung!

Spenden via PayPal

Spenden via Bitcoin

Wallet:bc1qe4kn348vfhrxdgvlfchgprtdd8h3vg60uhhdct



Folgen Sie und auf:


flag Whatsapp Whatsapp

Talk auf dem Klappstuhl als Podcast:

Vorfall Melden
Nie vergessen, was unvergessen bleibt - Offenes Buch
Nie vergessen, was unvergessen bleibt - Offenes Buch
Antisemitismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Graubereich mdr

Download

als pdf     als epub