Für „Human Rights Watch“-Chef sind Juden selbst schuld, wenn man sie hasst

Für „Human Rights Watch“-Chef sind Juden selbst schuld, wenn man sie hasst


Kenneth Roth, der seit 1993 amtierende Chef der Organisation Human Rights Watch, macht die israelische Regierung für die Existenz von Antisemitismus und antisemitische Angriffe auf britische Juden verantwortlich.

 Für „Human Rights Watch“-Chef sind Juden selbst schuld, wenn man sie hasst

Von Stefan Frank

Auf Twitter, wo er 511.000 Follower hat, schrieb Roth, Antisemitismus sei „immer falsch, und er ging der Gründung Israels lange voraus“. Dann kam das zu erwartende „ABER“:

„Aber die Zunahme antisemitischer Vorfälle in Großbritannien während des jüngsten Gaza-Konflikts straft diejenigen Lügen, die behaupten, das Verhalten der israelischen Regierung habe keinen Einfluss auf den Antisemitismus.“

Dazu fügte Roth den Link zu einem Artikel der israelischen Tageszeitung Haaretz, in dem darüber berichtet wird, dass der Verein Community Security Trust (CST), der seit 1984 im Auftrag der jüdischen Gemeinde antisemitische Vorfälle erfasst, noch nie zuvor in einem einzigen Monat so viele von diesen verzeichnet habe wie zwischen dem 8. Mai und dem 7. Juni 2021. In diesen Zeitraum fielen die Raketenangriffe der Hamas auf Israel und die israelischen Gegenangriffe.

Verfolgende Unschuld

Antisemitismus als Reaktion auf ein den Juden unterstelltes Handeln darzustellen, hat eine lange Geschichte. Fast jedes in Europa verübte Pogrom hatte eine von den Tätern verbreitete „Begründung“.

Im Mittelalter lautete sie oft, Juden hätten christliche Kinder entführt und ermordet, um mit ihrem Blut Matzen zu backen (Ritualmordlegende), hätten aus Kirchen Hostien gestohlen und geschändet oder hätten Brunnen vergiftet. Die Vorwürfe waren zwar wahnhaft, aber sehr konkret und ähnelten somit dem, was während der Jahrhunderte des Hexenwahns den vermeintlichen „Hexen“ unterstellt wurde (etwa, dass sie die Ernte verhext oder jemandem eine Krankheit angehext hätten).

Im 19. Jahrhundert wurden die Vorwürfe abstrakter. Antisemiten wie der Deutsche Wilhelm Marr bezichtigten die Juden, eine „Weltherrschaft“ errichtet zu haben. Die moderne Form des Antisemitismus ging einher mit der Vorstellung von den Juden, die die Banken, die Börse, die Parlamente, Regierungen und die Presse kontrollierten.

Der Antisemitismus stellte sich als Reaktion auf eine angebliche „Verjudung“ der Gesellschaft dar, worunter verstanden wurde, dass Juden angeblich die Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Politik, Rechtsprechung und Kultur besetzten und diese zum Vorteil einer angeblichen weltweiten jüdischen Verschwörung benutzten – was es ihnen etwa ermögliche, Kriege anzuzetteln und deren Ausgang zu bestimmen.

Die Nationalsozialisten stellten ihre – geplanten – antijüdischen Pogrome von November 1938 als „spontanen Volkszorn“ dar, eine angebliche Reaktion auf die Ermordung des deutschen Botschaftssekretärs in Paris, Ernst Eduard vom Rath, durch den jüdischen Attentäter Herschel Grynszpan.

Adolf Hitler selbst kündigte bei einer Reichstagsrede am 30. Januar 1939 den Holocaust an und machte die Handlungen eines imaginären „internationalen Finanzjudentums“ dafür verantwortlich:

„Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann würde das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“

Als Jassir Arafat im September 2000 den Befehl zu der von ihm geplanten Mordwelle („Zweite Intifada“, „Al-Aqsa-Intifada“) gab, stellte auch er es so dar, als wäre eine jüdische Provokation – Ariel Scharons touristischer Besuch auf dem Tempelberg – der Auslöser gewesen.

Judenhass als Reaktion auf Handeln von Juden?

Die Vorstellung, dass der Antisemitismus eine Reaktion auf ein den Juden unterstelltes Handeln sei, findet sich auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts, selbst in der Mitte der Gesellschaft. So warf der damalige deutsche Vizekanzler, Wirtschaftsminister und FDP-Vorsitzende Jürgen Möllemann im Jahr 2003 dem damaligen Talkshowmoderator und stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, vor, „mit seiner intoleranten und gehässigen Art“ Antisemitismus in Deutschland zu fördern.

Wie einst für Möllemann sind für HRW-Chef Kenneth Roth – der auch die Apartheidslüge gegen Israel verbreitet – Juden, in diesem Fall die israelische Regierung, am Antisemitismus Schuld. Als viele Twitter-Nutzer empört auf Roth‘ Tweet reagierten, fügte dieser hinzu:

„Interessant, wie viele Leute so tun, als würde dieser Tweet Antisemitismus rechtfertigen (das tut er nicht und ich tue das unter keinen Umständen), statt sich mit der Korrelation zwischen dem Betragen der israelischen Regierung in Gaza und dem Anstieg der antisemitischen Vorfälle in Großbritannien zu befassen, die in dem Haaretz-Artikel erwähnt wird.“

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Selbstverständlich rechtfertigt Kenneth Roth Antisemitismus – indem er ihn als eine zwangsläufige Reaktion auf das angebliche Handeln von Juden darstellt, welches der eigentliche, ursprünglichere Missstand sei und so zugleich die israelische Regierung indirekt bezichtigt, der wahre Schuldige am Antisemitismus zu sein.

Zudem verharmlost und entschuldigt Roth den Antisemitismus: Sind die antisemitischen Taten zur scheinbar natürlichen Reaktion auf das Handeln von Juden erklärt – und das sind sie in dem Tweet von Roth –, dann können sie ja wohl so irrational und abstoßend auch wieder nicht sein, und die Einzigen, die dafür sorgen können, dass es sie in Zukunft nicht mehr gibt, sind wiederum Juden.

Gegen die israelische Regierung muss man in der Denkungsart von Roth etwas unternehmen, nicht gegen die Antisemiten. Letzteren müsste man dann eigentlich sogar zugutehalten, dass sie ja auf ein Problem hingewiesen haben, nämlich das „Betragen der israelischen Regierung in Gaza“.

Festes antisemitisches Weltbild

Wie haben sie das getan? Der Haaretz-Artikel nennt mehrere Beispiele:

„In einem Fall hielt ein Mann jüdische Gymnasiasten in London an und drohte ihnen, sie zu schlagen, wenn sie nicht sagten, dass sie die Palästinenser unterstützten. Dann sagte er: ‚Sag deiner verdammten Mama und deinem Papa, dass sie Mörder sind und Babys töten.‘

In einem anderen Fall beschuldigte ein Redner bei einer Demonstration in Manchester Juden, die Medien zu kontrollieren, und erklärte, dass ‚die 13 wichtigsten Führungskräfte, die die von der BBC veröffentlichten Inhalte genehmigen, tatsächlich Juden sind. Das bedeutet also, dass die von den Mainstream-Medien veröffentlichten Informationen voreingenommen sind.‘

Am 21. Mai nahm die Polizei einen Mann fest, von dem Zeugen sagten, er habe die Tür des Autos eines orthodoxen Juden aufgerissen und habe begonnen, den Fahrer ohne Grund zu schlagen.“

Für das alles liegt die Begründung „in Gaza“, glaubt Roth. Ein Vorfall, der in dem Haaretz-Artikel nicht erwähnt wird, aber seinerzeit gefilmt und von der Londoner Polizei dokumentiert wurde, ereignete sich am Sonntag, den 16. Mai. Ein Convoy von PKW mit palästinensischen Flaggen fuhr durch Londoner Wohnviertel, in denen viele Juden leben. Dabei brüllten die Insassen: „Fickt ihre Mütter, vergewaltigt ihre Töchter.“

Laut dem Chef einer der führenden „Menschenrechtsorganisationen“, war dafür also die israelische Regierung verantwortlich. Hätte sie sich nicht gegen die Raketenangriffe der Hamas gewehrt, wäre das nicht passiert und alles wäre in bester Ordnung, scheint Roth zu glauben.

Man muss schon ein festes antisemitisches Weltbild haben, um überhaupt auf die Idee zu kommen, derartige antisemitische Angriffe in Großbritannien auf etwas zurückzuführen, was die israelische Regierung tut.

Natürlich gibt es einen Zusammenhang, aber der sieht anders aus: Die Antisemiten sind zwar immer Antisemiten, aber sie rotten sich nur zu bestimmten Anlässen zusammen, an bestimmten Jahrestagen („Al-Quds-Tag“) oder dann, wenn Israel in der Berichterstattung besonders präsent ist, wie das im Mai der Fall war.

Rüktrittsforderung

Hillel Neuer, der Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation UN Watch, forderte HRW auf Twitter auf, Roth abzusetzen.

„Wenn ihr Ken Roth nicht feuert, dann gibt Human Rights Watch grünes Licht dafür, nicht nur Angriffe auf Juden mit angeblichen israelischen Aktionen zu rechtfertigen, sondern auch dafür, Afro-Amerikaner anzugreifen für das, was in Afrika passiert, Muslime anzugreifen, für das, was in muslimischen Ländern passiert usw.“

Der 2019 verstorbene Robert Bernstein, der Human Rights Watch gegründet hat und von 1978 bis 1998 an der Spitze der Organisation stand, hat schon vor zwölf Jahren in einem Gastbeitrag für die New York Times heftige Kritik an dem Kurs geäußert, den sein Nachfolger Kenneth Roth eingeschlagen habe.

Gründungsziel sei es gewesen, den Dissidenten in diktatorischen Regimes zu helfen, so Bernstein. Das sei längst in Vergessenheit geraten. Stattdessen verwische Roth die Unterschiede zwischen Demokratien und Diktaturen und veröffentliche mehr Erklärungen gegen Israel „als gegen jedes andere Land in der Region“.

 

 

Erstveröffentlicht bei MENA Watch


Autor: Stefan Frank
Bild Quelle: Harald Dettenborn, CC BY 3.0 DE , via Wikimedia Commons


Dienstag, 20 Juli 2021

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