Kabul, Afghanistan: Happy 9/11 Mr Biden

Kabul, Afghanistan: Happy 9/11 Mr Biden


Angesichts des absoluten Desasters, den der Rückzug der USA aus Afghanistan anrichtet, möchte ich Joe Biden an dieser Stelle alles Gute zum 20. Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center wünschen: „Happy Anniversary, Mr President!“

Kabul, Afghanistan: Happy 9/11 Mr Biden

Von Ramiro Fulano

Meine Damen und Herren, erst am vergangenen Donnerstag stellte sich John Kirby in seiner Funktion als Sprechperson des US-Verteidigungsministeriums vor die staatstragende Presse und versuchte ihr weißzumachen, Kabul sei in keinerlei „unmittelbaren“ Gefahr. Zwei Tage später waren die Taliban nur noch 40 (vielleicht auch nur zehn) Kilometer von der afghanischen Hauptstadt entfernt. Da wunderten sich Mr Kirby und andere Frauen jederlei Geschlechts. Wie konnte das sein? Ihnen, den hauptberuflichen Besser- und Bescheidwissern, lagen doch immerhin Geheimdienstberichte vor, wonach die afghanische Regierung mindestens drei Monate durchhalten würde - und nun pfiff sie bereits aus dem letzten Loch?

Die Regierungsmühlen wurden übers Wochenende angeworfen und der amerikanische Prädikament, äh: Präsident, meldete sich aus Camp David, wo Dr. Jill, seine Frau, eine Stichwunde am Fuß auskurieren wollte (hatte Joe seine Lego-Steine irgendwo vergessen, wo sie nicht hingehörten?). Biden, dem Sinn nach zitiert: „Liebe Talibane. Bitte lasst doch unsere schöne Botschaft ganz, wenn Ihr nach Kabul marschiert.“ Wieder wunderten sich die Top-Funktionäre seines Regimes, dass irgendwas nicht richtig zu funktionieren schien.

Innerhalb von 48 Stunden (und eben nicht drei Monaten) hat sich die Lage in Afghanistan dramatisch zugespitzt. Eine knappe halbe Million Menschen sind auf der Flucht, viele von ihnen in Kabul, wo sie - ohne nennenswerte humanitäre oder sanitäre Versorgung - in öffentlichen Grünanlagen campieren. Andere versuchen Afghanistan auf dem Land- oder Luftweg zu verlassen - darunter auch die rund 20.000 afghanischen Übersetzer, die mit den Koalitions-Truppen zusammengearbeitet haben. Wenn es einen Fall politischer Verfolgung gibt, für den das Asylgesetz geschrieben wurde, dann ist es dieser.

In den drei Vierteln des Landes unter Taliban-Herrschaft werden derweil bereits Kinder ab 12 Jahren zur Prostitution mit der radikalislamischen Terror-Miliz gezwungen - während Feministinnen jederlei Geschlechts sich hierzulande über Mikroaggressionen beklagen, wenn Männer die Beine nicht eng genug übereinanderschlagen. Die Machtübernahme durch die Taliban verläuft für die Menschen vor Ort brutal. Aber sie wird auch in der Region und im Rest der Welt spürbare Folge haben. Der relative Rückgang von islamistisch motivierten Terroranschlägen in Europa war sicher nicht ausschließlich, aber eben auch auf den Truppeneinsatz in Afghanistan zurückzuführen. Insofern war eben nicht alles für die Katz.

Und nun hat die Steinzeit in Afghanistan mal wieder gewonnen. Alle, die etwas anderes erwartet hätten, sollten sich überlegen, warum bei ihnen - trotz oder wegen - teilweise hoher akademischer Qualifikation der gesunde Menschenverstand nicht ganz funktioniert. Dieses Drama nahm seinen Lauf, als sich die US-Regierung von George Bush auf dem Bonner Petersberg von Joschka Dachlatten-Fischer ihre außenpolitischen Ziele aufoktroyieren ließ: Auf besonderen Wunsch aus Krautland - diesem Friedensweltmeister - wurde aus dem amerikanischen Rachefeldzug gegen Osama Bin-Laden und Al-Qaida der Auftrag zum Aufbau eines modernen Rechtsstaats gemacht. Das politische Ziel des Afghanistan-Einsatzes war in etwa so realistisch als wollte man auf dem Mond Rosen züchten. Immerhin hatte es fast zwei Generationen gebraucht, um Nazi-Deutschland in einen halbwegs demokratischen Rechtsstaat zu verwandeln - aber Afghanistan?

Es lässt sich darüber spekulieren, ob Dachlatten-Fischer (Grüne) wusste, dass er von den USA das Unmögliche verlangte, um sie scheitern zu sehen - zuzutrauen wäre es ihm. Hoffentlich hat er jetzt seinen Spaß - auf Kosten etlicher Millionen Menschen.

Indes überschätzt man eine Fußnote wie Joschka Fischer, wenn man keine anderen Ursachen für das amerikanische Desaster in der Region in Betracht zieht. Die militärische Intervention der Koalition ist eben nicht nur an den realexistierenden Umständen vor Ort, sondern auch an ihrer fehlerhaften Einsatzbestimmung gescheitert. Die USA gingen bei ihrem Kampf gegen die Taliban davon aus, sie würde eine Art Guerilla-Krieg führen und einen nationalen Volksaufstand bekämpfen. Dem war durchaus nicht so. Tatsächlich handelt es sich - wie bei so vielen Terrorgruppen in Westasien - um die Erfüllungsgehilfen ausländischer Regime, die von der Destabilisierung einer ohnehin prekären Situation profitieren möchten. Voilà: die Islamische Republik Pakistan - der wichtigste Partner der VR China in der Region.

Pakistan empfahl sich bereits vor Beginn des amerikanisch geführten Militäreinsatzes als strategisches Rückzugsgebiet für diverse Warlords. Die Winter in den afghanischen Bergen sind sehr kalt und unbequem - ganz anders als in Islamabad, der Hauptstadt Pakistans. Letzteres galt - vor allem unter Nobelpreis-Obama - als treuer Freund und zuverlässiger Verbündeter der USA in der Region. Nicht, dass die US-Regierung nicht regelmäßig gewarnt wurde, dass ihre Wahrnehmung auf Unkenntnis, zumindest aber einer schwerwiegenden Fehleinschätzung der Fakten basiert. Die Regierung in Islamabad war aus verschiedenen Gründen daran interessiert, Afghanistan zu destabilisieren: a) um sich den radikalislamischen Terror vom Hals zu halten - sonst hätten die Taliban nämlich im eigenen Land randaliert. Und b) um ihre strategische Reichweite in der Region auszudehnen - vis-à-vis Indien, via dem pakistanisch besetzten Kaschmir. Aber auch hinsichtlich einer Annäherung an die VR China, deren Belt-and-Road-Initiative nun der Zugang zum Indischen Ozean bzw. zur Arabischen See gelingen könnte, via Afghanistan und Pakistan. Von diesem Hafen am Weltmeer würden natürlich auch die zentralasiatischen Republiken und Teile Russlands profitieren. Es geht also nicht allein um Waffenhandel, Drogenschmuggel und Prostitution.

New Delhi sieht diese Entwicklung mit großer Sorge. Nicht nur versteht die Regierung der Indischen Republik sich zunehmend von der VR China außenpolitisch bedrängt und umzingelt - sie befürchtet auch eine deutliche Verschlechterung der Sicherheitslage im Inland. Akute Grenzstreitigkeiten mit der VR China konnten zuletzt beigelegt werden, bevor sie weiter eskalierten. Aber in Jammu und Kaschmir muss leider jederzeit mit dem Wiederaufflammen des radikalislamischen Terrors gerechnet werden - und in der Regel bleiben davon auch die indischen Metropolen nicht verschont.

Soweit zu den unmittelbaren Folgen des US-Rückzugs. Es ist richtig, dass dieser bereits von Mr Bidens Vorgänger mit den Taliban besprochen wurde. Es steht dennoch zu vermuten, dass man diesen Plan nicht inkompetenter und mit destruktiveren Folgen für das Ansehen der USA und ihrer Verbündeten hätte umsetzen können als es dem Biden-Regime nunmehr gelungen ist: Aus einem geordneten Rückzug wurde eine panische Flucht zu den Ausgängen. Knapp 10.000 Soldatinnen und Soldaten müssen nun rund 4.000 Botschaftsmitarbeiter (m/w/d) und weiteres Personal (sowie teilweise auch deren Angehörige) evakuieren. Möglichst ohne, dass aufmerksamkeitsstarke Bilder in den Nachrichten landen. Keine Hubschrauber, die Menschen vom Dach einer US-Botschaft retten. Keine Leichen von US-Soldaten, die von einem Lynch-Mob durch staubige Straßen irgendeines Shit-hole-countries geschleift werden. Und dann ist da die sich kontinuierlich verschlechternde humanitäre Lage von bereits jetzt knapp einer halben Million Flüchtlingen.

Dies alles ist schlimmer als der Rückzug aus Saigon 1975. Nach Vietnam haben die USA den Krieg gebracht - nach Afghanistan wollten sie (zumindest ihrem Anspruch nach) den Frieden bringen. Vietnam ist heute - zwei Generationen nach einer gescheiterten US-Intervention - ein leidlich funktionsfähiger Staat, der seiner Bevölkerung ein halbwegs menschenwürdiges Dasein bietet. Das wird Afghanistan wahrscheinlich niemals sein. Ohne äußere Not hat das Biden-Regime dem Ansehen der USA einen langanhaltenden, schweren Schaden zugefügt: Wer wird sich jetzt noch als Partner der USA inszenieren, wenn er von dieser vermeintlichen Weltmacht fallengelassen wird, wie eine heiße Kartoffel? Welchen Zweck hat eine angebliche Schutzmacht, die sich nicht mal gegen ein paar Tausend analphabetische Ziegenhüter durchsetzen kann?

Es ist schlimmer als Dünkirchen, denn dieser Wendepunkt führte immerhin zu einer Intensivierung des Kampfes für Freiheit und Demokratie. Davon sind wir Lichtjahre entfernt. Aber Hauptsache, Mr Biden kann einen schönen 9/11 feiern.

 


Autor: Ramiro Fulano
Bild Quelle: Gage Skidmore from Surprise, AZ, United States of America, CC BY-SA 2.0 , via Wikimedia Commons


Sonntag, 15 August 2021

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