Katastrophen-Gedröhne zum Klimagipfel – eine Gebrauchsanleitung

Katastrophen-Gedröhne zum Klimagipfel – eine Gebrauchsanleitung


Der alljährliche Klimagipfel findet ab Sonntag in Glasgow statt. Er wird wie immer (Foto Bild-Cover von 2007) begleitet werden von einer medialen Jahresendrallye in Sachen Weltuntergang: Wer bietet die schärfsten Katastrophen? Hier ein Führer durch die allfälligen Verdrehungen.

Katastrophen-Gedröhne zum Klimagipfel – eine Gebrauchsanleitung

von Ulli Kulke

Ab Sonntag ist es wieder so weit: Der alljährliche Klimagipfel der Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention UNFCCC findet dieses Mal in Glasgow statt, vom 31. Oktober bis 12. November. Nach aller Erfahrung wird die Konferenz begleitet werden von eine medialen Jahresendrallye in Sachen Weltuntergang: Wer bietet die schärfsten Katastrophen? Garantierte Klickraten, gute Einschaltquoten, fast geschenkte Aufmerksamkeit. Geschlagene zwei Wochen lang. Wir sollten uns warm anziehen.

Ich will keineswegs bestreiten, dass es den Klimawandel gibt, nicht einmal, dass da auch der Mensch seine Finger im Spiel haben könnte. Es lohnt aber allemal, genau hinzuschauen und hinzuhören, denn allzu gern liefern uns Presse, Funk und Fernsehen, und erst recht die Sozialen Medien haarsträubende Übertreibungen, unterschlagen hier die Hälfte, stocken da einfach auf. Teils absichtlich, plump, teils aus Überforderung, teils aus Schlitzohrigkeit.

Hier eine kleine Gebrauchsanweisung für die absehbar auf uns einstürmenden Katastrophenbilder, ein Führer durch die allfälligen Verdrehungen.

Der Zeitenschwindel

Allzugern werden Projektionen von Entwicklungen, die sich bisher allein in den Rechnern wissenschaftlicher Institute abspielen, Computersimulationen, errechnete Szenarien, in den Medien mal eben als bereits aktuelles Geschehen „verkauft“. Insbesondere in den Überschriften der Zeitungen wird hier gern geschummelt. Etwa wenn es dort heißt: „Nordpol ohne Eis“, oder „Millionen Klimaflüchtlinge kommen nach Europa“, oder, auch mal im Detail: „Forschungsinstitut: Brandenburg trocknet aus“. Sollte jemand durch solche Überschriften beunruhigt werden, so empfiehlt es sich, den Beitrag bis zum Ende zu lesen, denn dort liest er dann, dass es sich um Zukunftsvisionen handelt, erwartet 2030, oder 2050 oder 2100. Auszuschließen ist es freilich nicht, dass solche Hinweise auch mal „vergessen“ werden. Eine ganz andere Frage bleibt so oder so: Ob aus den Prognosen überhaupt einmal Fakten werden.

Jedenfalls gibt es heute am Nordpol noch viel Eis. Es gibt bisher keinerlei wissenschaftlich belastbare Zusammenhänge zwischen dem Klimawandel und der Migration auch nur Einzelner. Und in Brandenburg hat – auch wenn durch eben solche Überschriften im Stakkato längst ein falscher Eindruck herrscht – die durchschnittliche jährliche Regenmenge laut Landesumweltamt überhaupt nicht abgenommen. Solche zeitlichen Vermanschungen dienen oft dem „Cetero Censeo“ der Berichterstattung: „Seht ihr, wir sind also schon mitten drin im Klimawandel“.

Der Beschleunigungsfaktor

Kein gedruckter oder gesendeter Beitrag über 150 Zeilen oder fünf Minuten, in dem es nicht heißt: Die Erderwärmung beschleunigt sich immer stärker. Würde dies stimmen, so hätten wir nach aller Logik schon länger ein Rekordjahr nach dem anderen erleben müssen. Das ist aber nicht der Fall, und als Ausweichargument verfällt man dann auf solche Argumente: Neun der zehn wärmsten Jahre lägen im vergangenen Jahrzehnt. Dies drückt jedoch nur ein hohes Plateau aus, keine Dynamik. Tatsächlich geht das US-amerikanische NOAA-Institut davon aus, dass 2016 das wärmste Jahr war, 2020 lag knapp dahinter, 2019 schon deutlicher und der Rest des Jahrzehnts lag bei den Temperaturen recht deutlich unter dem Rekordjahr 2016. Das laufende Jahr wird als eines der durchschnittlich kälteren der letzten zehn Jahre in die Statistik eingehen. Das zeigen die Temperaturen der Monate bis September deutlich. Hoffnungen auf einen „Spitzenjahrgang“ werden sich nicht erfüllen.

Was stimmt: Das Jahr 2015 markiert eine Zäsur, in den Jahren davor lag das Plateau deutlich niedriger, seither verläuft die Kurve auf höherem Niveau. Der Grund dürfte ein sehr starker „El Niño“ 2015/16 gewesen sein, eine Anomalie in den Meeresströmungen des Pazifik, die die Temperaturen rund um den Globus deutlich anheben und globale Wetterturbulenzen verursachen. Derzeit läuft im Pazifik – seit vielen Monaten – der gegenteilige Effekt: „La Nina“, der sich wie El Niño auch auf die Temperaturen in den nächsten Jahren auswirken dürfte, in gegenläufiger Richtung.

Etikettenschwindel des Deutschen Wetterdienstes

Die Klima- bzw. Wetterbeobachtung vergleicht nicht nur die Temperaturen heute mit denen vor 150 Jahren. Um kurzfristige Dynamiken aufzuspüren, Ausreißer-Jahre nach oben oder unten festzustellen, legt man die aktuellen Daten darüber hinaus auch neben diejenigen aus den umgebenden Jahren. Dafür wurde das „langjährige Mittel“ erdacht. Natürlich kann der Vergleich nur mit zurückliegenden Jahren vorgenommen werden, zukünftige Wetter- und Klimadaten feststellen zu können, behauptet – derzeit noch – niemand. Also zieht man jeweils die letzten 30 Jahre heran. Damit nicht jedes Jahr zum Vergleich ein neuer Durchschnitt aus 30 Jahren errechnet werden muss, behält man diesen 30-Jahres-Zeitraum jeweils 30 Jahre bei, und lässt ihn in diesem Rhythmus verzögert nachlaufen. Natürlich weichen bei einer allgemeinen Temperaturerhöhung die Daten der einzelnen Jahre immer stärker von den Vergleichsjahren ab, je weiter diese zurück liegen. Bis zum vergangenen Jahr lag er extrem weit zurück (1961–1990).

Im Rahmen der „World Meterological Organization“ (WMO) wurde zu Beginn des Jahres dieser Referenzzeitraum, wie allgemein vereinbart, weltweit wieder mal einen den neuen ersetzt: 1991–2020. Der Deutsche Wetterdienst allerdings weigert sich, den jetzt offiziellen anzuerkennen und erklärt einfach den alten nach wie vor zu dem entscheidenden, und schreibt so zum Beispiel über die Werte vom September 2021: „Das Temperaturmittel lag im September 2021 mit 15,2 Grad Celsius (°C) um 1,9 Grad über dem Wert der international gültigen Referenzperiode 1961 bis 1990. Im Vergleich zur aktuellen und wärmeren Periode 1991 bis 2020 betrug die Abweichung +1,4 Grad.“ Den Grund darf man sich denken: So wird auch in den kurzfristigen Vergleichen eine deutlich größere Temperaturdynamik nach oben „erzielt“, als dies bei den offiziellen Zahlen der Fall wäre. Zwar weist der DWD auch auf den neuen Zeitraum hin, betrachtet ihn aber nachrangig. So dass in der täglichen Kommunikation der höhere, falsche Vergleichswert verwendet werden kann. Eine langfristige Tendenz wird so einfach in eine kurzfristige Dynamik umgemünzt, in einzelne Jahre, die scheinbar alle statistische Ausreißerjahre nach oben sind. So kann man die Beschleunigung auch „herstellen“. 

Bisweilen erklären Wetterdienste ganz offen, dass sie die Statistik in den Dienst der Katastrophen-Berichterstattung gestellt haben wollen, der schließlich ihr Geschäftsmodell ist. So beklagt der Wetterdienst „wetter.com“: „Die ‚neue Klima-Zeitrechnung‘ setzt ein ganz falsches Zeichen im Kampf gegen den Klimawandel.“ Die Kollegen von „daswetter.com“ sind noch ehrlicher: „Mit dem neuen Klimamittel haben es die Monate schlagartig deutlich schwerer, als ‚zu warm‘ eingestuft zu werden.“ Letztlich ist dies, wie gesehen, auch die Denke des offiziellen staatlichen DWD. Es fällt ja nicht auf. Wer schaut schon so genau hin?

Alarm, Alarm: „Immer mehr Treibhausgase!“

Das laufende Jahr wird, wie beschrieben, kein Rekordjahr bei den globalen Temperaturen, also musste im Vorfeld des Klimagipfels ein anderer Rekord her. Auch wenn man nur heiße Luft bieten kann. Überall lasen wir jetzt: Alarm, Alarm, Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre so hoch wie noch nie zuvor! Mal ehrlich: Hat sich irgendjemand, der auch nur fünf Sekunden nachdachte, darüber gewundert? Seit Jahr und Tag wird uns eingetrichtert: Die Treibhausgase haben eine sehr lange Halbwertzeit, sie verschwinden so schnell nicht – es sei denn eine großtechnische Innovation (die durchaus denkbar ist) holt sie wieder zurück, bindet sie oder lässt sie verschwinden. Jeder weiß aber auch: So weit sind wir noch nicht. Und jeder weiß auch dieses: Täglich werden zusätzliche Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen. In den allermeisten Ländern mit steigender Tendenz. Natürlich ist jedes Jahr ein neues Rekordjahr in Sachen CO2-Gehalt. Was sollte eine solche nichtssagende Alarmmeldung also? Dampf machen.

Die Ahr-Flut

Natürlich werden wir anlässlich der Konferenz in Glasgow in den Sondersendungen die in Deutschland sich überschlagenden Naturereignisse vorgeführt bekommen, etwa aufgesprungene trockene Schollen aus Brandenburg (s.o.), aber natürlich allem voran die Flut in Nordrhein-Westfalen. Auch hier erklingt dazu dann wieder, parallel zu den dramatischen Bildern weggespülter Häuser und Autos, die Stimme aus dem Off: „Wir sind mittendrin im Klimawandel“.

Ob jemand die Stimme aus der Wissenschaft dazu bemüht? Schließlich stellte sogar der Deutsche Wetterdienst fest, dass es in Deutschland keine Entwicklung zu mehr oder stärkeren Sturzfluten gibt: In seinem aktuellen „Nationalen Klimareport. Klima – gestern, heute und in der Zukunft“ schreibt er: „Für den Sommer lassen sich derzeit mit den vorhandenen Beobachtungen und den bekannten Methoden keine Trends der Anzahl von Tagen mit hohen Niederschlägen identifizieren. Hier dominiert eine kurz- und mittelfristige zyklische Variablität“.

Schon in den Tagen der Flut hat diese Äußerung des DWD bei der Berichterstattung niemand zitiert. Sie passte nicht ins gewünschte Bild („…sind mitendrin…“). Und sie wird auch bei den zu erwartenden Rückblenden dieser Tage nicht zur Sprache kommen, das sagt alle Erfahrung. Dafür mit aller Wahrscheinlichkeit ein anderes Papier. Ein sehr junges Forschungsinstitut, die „World-Weather-Attribution-Initiative“ aus Oxford, hat es noch geschafft, rechtzeitig zur Klimakonferenz für das deutsche Publikum eine Expertise zu erstellen, in der festgestellt wird, dass sich die Wahrscheinlichkeit für solche Ereignisse aufgrund des Klimawandels um den Faktor 1,2 bis 9 erhöhe. Die Initiative, deren Geschäftsmodell das Aufspüren von Zusammenhängen zwischen menschengemachtem Klimawandel und Extremereignissen ist, hat in den sechs Jahren ihres Bestehens bereits rund 450 solcher Studien erstellt, bei fast allen wird der Zusammenhang Klima-Katastrophe konstatiert. Überraschend? Im Übrigen gilt auch für diese Studie der Faktor Zeitensprung (s.o.): Sie beschäftigt sich hautsächlich mit lediglich erwarteten Fluten, nicht mit den vergangenen.

Festzuhalten bleibt: Die Regenmenge an den zwei, drei Tagen auf dem Höhepunkt der Katastrophe hatte verheerende Folgen, Todesopfer, Milliardenschäden. Doch sie war, in Litern gemessen, nicht einmal exorbitant hoch. Allerdings hatte es in den Tagen zuvor auch bereits heftig geregnet. Im Hinterkopf sollte man jetzt bei der zu erwartenden Einbettung der „Jahrhundertflut“ in die Berichterstattung aus Glasgow jene Diskussion behalten, die etwa eine Woche nach dem Ahr-Desaster begann: Darüber nämlich, dass die Folgen der Flut in allererster Linie den zahlreichen Sünden bei Hoch- und Tiefbau in dem engen Tal, den falschen Siedlungsorten und vor allem den fatalen organisatorischen Mängeln im Katastrophen-Management geschuldet waren.

Kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen

All die geschilderten Fehlinterpretationen, Auslassungen, Übertreibungen sind kein Grund, jede Klimapolitik abzulehnen. Sparsamer mit den Ressourcen umzugehen, weniger in die Luft zu pusten ist so oder so sinnvoll. Es ist aber geradezu verstörend, für einen Journalisten-Kollegen zumal, zuzuschauen, wie sich ein ganzer Berufsstand nur wetteifernd, vorauseilend auf Rekordjagd begibt: in einer Einbahnstraße in Richtung noch heißer, noch katastrophaler, mit selbstgesetzten Scheuklappen, die alle Zweifel ausblenden. Und so lohnt es immer, einmal nachzuschauen, wenigstens nachzudenken, wenn die Widersprüche allzu deutlich auf dem Tisch liegen.

Zum schnellen, oberflächlichen Nachblättern, was die globalen und auch deutschen Entwicklungen angeht, eignet sich dieser Link.

Wir werden in den nächsten zwei Wochen fast ausschließlich von Klimaforschern hören, die zu den – angeblich – 97 Prozent gehören, die sich – noch „angeblicher“ – über alles einig sind. Deshalb hier, im Sinne der ausgleichenden Gerechtigkeit, auch mal ein Hinweis auf einen, der sich sicherlich nicht zu diesen 97 Prozent zählen dürfte: Roy Spencer, Klimaforscher an der Universität von Huntsville in Alabama, der unter anderem ein eigenes Satellitensystem zur Ermittlung der globalen Temperaturen betreibt. Spencer ist, wie könnte es anders sein, in der Branche umstritten. Jeder kann sich ein eigenes Bild machen.

Die hier angeführten Punkte mögen zu der Erkenntnis beitragen, dass es keinen Sinn macht, das Thema Klimawandel als einzige politische Dimension zu betrachten, wie dies heute vielfach ultimativ eingefordert wird. Egal wie dringend es ist, es bleibt uns gar nichts übrig, als das Thema einzubeziehen in den generellen politischen Abwägungsprozess. Dies übrigens auch im Interesse derjenigen, die in Sachen Klimapolitik dauerhaft handlungsfähig bleiben wollen. Was immer in den nächsten zwei Wochen hören, sehen und lesen werden: Bleiben wir kritisch!

erschienen auf Achgut


Autor: Redaktion
Bild Quelle: Screenshot


Samstag, 30 Oktober 2021

Wir benötigen Ihre Spende
für den Betrieb von haOlam.de

für 2022 fallen kosten von 12.900€ an, davon haben wir bereits von Ihnen als Spende 16% erhalten.

16%

Stärken Sie eine Stimme der Wahrheit – Unterstützen Sie die Journalistische Arbeit von haOlam.de!

**********

Spenden an den gemeinnützigen Trägerverein von haOlam.de können von der Steuer abgesetzt werden.

Wir bedanken uns bei allen Spendern für die Unterstützung!

Spenden via PayPal

Für Fragen und Spendenquittungen: spenden@haolam.de


Betrag Unterstützung via Paypal
haOlam.de mit beliebigem Betrag unterstützen
 
Kleines Förderabo für 5 Euro monatlich
 
Normales Förderabo für 15 Euro monatlich
 
Jährliches Förderabo für 70 Euro im Jahr

empfohlene Artikel

Folgen Sie und auf:

Talk auf dem Klappstuhl als Podcast:

haOlam werbefrei
Mit Generalvollmacht zum Generalverdacht
Mit Generalvollmacht zum Generalverdacht
Ließ Juristin ,mdr Intendantin Karola Wille, Personal bespitzeln?

Downloadals pdf 


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage