Ein Fortschritt, auf den man nicht rechnen durfte

Ein Fortschritt, auf den man nicht rechnen durfte


Gestern ging in Rom der G20-Gipfel zu Ende.

 Ein Fortschritt, auf den man nicht rechnen durfte

Von Henryk M. Broder

Bevor sich die Teilnehmer zu einem Gruppenfoto am Trevi-Brunnen trafen, gaben sie eine Stellungnahme ab, in der sie erklärten, dass sie am Pariser Klimaziel festhalten wollten, die Erderwärmung auf 1,5 bis 2 Grad zu begrenzen - bis zur Mitte des Jahrhunderts. Das war es dann. Er verlasse Rom „mit unerfüllten Hoffnungen, aber zumindest sind sie nicht begraben", gab der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Guterres, zu Protokoll. 

Das war selbst dem ZDF-Korrespondenten Elmar Theveßen zu wenig. Er sprach von einem „Nichtfortschritt gegenüber dem Pariser Abkommen", der dennoch „als Erfolg" verkauft werde. Um zu verdeutlichen, was und wen er damit meinte, spielte E.T. einen O-Ton von und mit Angela Merkel ein, in dem die Kanzlerin auf Abruf tröstende Worte für alle fand, die mehr erwartet hatten. In dem ihr eigenen Deutsch als Fremdsprache sagte sie: „Das Ziel 1,5 Grad muss in Reichweite sein", das sei „ein sehr, sehr gutes Ergebnis, dem sich alle auch angeschlossen haben". Ein perfekter Anschluss, wie aus dem „Lehrbuch der asymmetrischen Kriegsführung".

Olaf Scholz, den Merkel als Handgepäck nach Rom mitgenommen hatte, zeigte sich mit dem Ergebnis des G20-Gipfels ebenfalls sehr zufrieden. „Wenn gewissermaßen die Mitte dieses Jahrhunderts gemeinsam in den Blick genommen wird, dann ist das schon mal ein Fortschritt, auf den man vor ein paar Jahren nicht rechnen durfte, und insofern sollte man das auch nicht unterschätzen, aber auch die Aufgabe nicht unterschätzen, die damit verbunden ist, jetzt dafür zu sorgen, dass die Ziele nicht nur Ziele bleiben." 

Ja, so ist es. Das Wesen einer Überraschung liegt in ihrer Unplanbarkeit. Noch vor einem Jahr konnte man nicht einmal darauf rechnen, dass Scholz und Merkel zusammen verreisen würden, geschweige denn die Mitte dieses Jahrhunderts gemeinsam in den Blick nehmen könnten. Dieselben Nieten, die nicht einmal in der Lage sind, das Ausmaß der Inflation über ein Jahr vorherzusagen, wollen dem Klima vorschreiben, wie es sich bis zur Mitte dieses Jahrhunderts entfalten soll. In diesem Moment wurde mir klar, warum sich die Kids von FfF von Politikern wie S&M verarscht fühlen. Weil sie es werden.

Im heute-journal am späten Abend legte Elmar Theveßen noch einmal nach. Ja, es habe „ein paar Fortschritte" gegeben, die man sich jetzt „schönreden" würde, und auch das 1,5-Grad-Ziel, das wolle man „nicht unbedingt erreichen", sondern „man will sich anstrengen".

So viel unmaskierte Systemkritik im ZDF zu erleben, war schon ungewöhnlich. Auch die Brüsseler ZDF-Korrespondentin Anne Gellinek sprach von einer „schwammigen Formulierung" in der Abschlusserklärung der G20 - „... um die Mitte des Jahrhunderts herum" - und nannte die anstehende UN-Klimakonferenz in Glasgow einen „Klimaverhandlungszirkus". 

Es sieht aus, als würde sich das Klima tatsächlich gerade ändern. Zumindest am Lerchenberg in Mainz, wo das ZDF seinen Sitz hat. Mal schauen, was die Kollegen heute aus Glasgow berichten werden, wo seit gestern 25.000 „Delegierte" für einen kräftigen Anstieg des CO2-Ausstoßes sorgen. 

 

Erstveröffentlicht bei der Achse des Guten


Autor: Henryk M. Broder:
Bild Quelle: Bundesregierung/Bergmann


Dienstag, 02 November 2021

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