NDR: Ein Skandal jagt den nächsten

NDR: Ein Skandal jagt den nächsten


Erst stand der ARD-Sender Berlin-Brandenburg (RBB) unter schwerem Beschuss; jetzt befindet sich auch der Norddeutsche Rundfunk (NDR) im Kreuzfeuer der Kritik. Im Fokus stehen persönliche finanzielle Bereicherungen und gravierende Eingriffe in die Pressefreiheit.

NDR: Ein Skandal jagt den nächsten

Von Manfred W. Black

NDR-Führungskräfte haben sogar auf die politische Berichterstattung einen „politischen Filter“ (Portal Business Insider) gelegt. Und: „Es geht um Kumpanei mit der Landespolitik, Parteilichkeit und politische Einflussnahme“ (Bild-Zeitung).

Jetzt sah man sich in den obersten NDR-Etagen gezwungen, personelle Konsequenzen zu ziehen: Norbert Lorentzen, NDR-Chefredakteur für Schleswig-Holstein, und die dortige Politikchefin Julia Stein sind – angeblich auf eigenen Wunsch – bis auf Weiteres von ihren Anstalts-Funktionen entbunden worden.

Unbezahlten Urlaub angetreten

Nun hat der Direktor des NDR-Landesfunkhauses Schleswig-Holsteins, Volker Thormählen, einen unbezahlten, vierwöchigen Urlaub angetreten. Um diese Beurlaubung bat der Direktor seinen obersten Vorgesetzten, den NDR-Intendanten Joachim Knuth (Hamburg), selbst. So schrieb zumindest der Norddeutsche Rundfunk auf seiner Website.

Thormählen wolle, so wurde erklärt, dazu beitragen, dass ein Aufklärungsprozess beginnen kann, „ohne dass der Eindruck entsteht, ich könnte darauf Einfluss nehmen“.

Intendant Knuth hat Thormählen für dessen Angebot gedankt – und es sofort angenommen.

Sogar in die Recherchearbeit eingegriffen

Anschuldigungen gegen den NDR-Landesfunkchef Thormählen hatte zunächst primär der Investigativ-Journalist Patrik Baab erhoben. Einem Bericht des Portals Business Insider zufolge hat Baab auf einer internen Sitzung im Februar 2019 in Kiel erklärt, Thormählen habe 2017 in eine Recherche-Arbeit des Senders eingegriffen.

Damals recherchierte Baab für den NDR in einer Rocker-Affäre. Bei diesem Skandal ging es um Mobbing-Vorwürfe, die der zentralen Polizeiführung von Schleswig-Holstein gemacht wurden.

Thormählen soll damals „den Journalisten zu einem Gespräch mit dem damaligen Fernsehchef Norbert Lorentzen und der Abteilungsleiterin Julia Stein einbestellt und darin gesagt haben, dass er den damaligen Landespolizeidirektor Ralf Höhs gut kenne“ (Die Welt).

Auf einer Sitzung unterrichtete Thormählen detailliert darüber, welche Kritik Höhs sowie der damalige Leiter der Polizeiabteilung im Kieler Innenministerium, Jörg Muhlsack, an einem TV-Film geübt hatten. Schließlich soll Thormählen seine Worte mit dem Hinweis ergänzt haben, die Anwürfe Muhlsacks sollten künftig bei der Berichterstattung des NDR berücksichtigt werden.

„Klima der Angst“: „Im Sinne der Landesregierung“

Laut Business Insider ist Baab, nachdem er seine Vorwürfe vorgetragen hatte, vom NDR wegen vermeintlich unwahrer Behauptungen abgemahnt und versetzt worden. Darauf zog Patrik Baab vor Gericht.

Dort haben sich beide Seiten offenbar auf einen vertraulichen Vergleich geeinigt: Baab sah sich veranlasst, seine Vorwürfe zurückzunehmen – dafür hat der NDR die Abmahnung in der Personalakte gelöscht.

NDR-Mitarbeiter machen mittlerweile ebenfalls den leitenden Redakteuren Lorentzen und Stein heftige Vorwürfe: Der Fernsehchef und die Abteilungsleiterin hätten mehrfach „im Sinne der Landesregierung Einfluss auf die Berichterstattung genommen und ein ‚Klima der Angst‘ geschürt“ (Die Welt).

Journal-Redaktion protestiert

Jüngst hat auch die gesamte Redaktion des NDR-Fernsehmagazins „Schleswig-Holstein Journal“ reagiert: Alle Redaktionsmitglieder traten geschlossen vor die Kamera, um ihre großen Sorgen öffentlich kund zu tun.

Ein Journal-Moderator erklärte dabei vor laufender Kamera: „Unser großes Ziel ist es, dass alle Vorwürfe unabhängig aufgeklärt werden.“ Ein einmaliger Vorgang. Allerdings beeilten sich die Journalisten, ebenfalls zu erklären, man stehe auch fürderhin loyal zum NDR und zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Lebensgefährtinnen: Auch über DRK und NDR vernetzt

Das Magazin Stern schrieb, Julia Stein, die NDR-Politik-Redaktionsleiterin, habe 2020 in die Berichterstattung von NDR-Reportern über einen Kinderheim-Skandal aus den Nachkriegsjahren eingegriffen. Es ging um Missbrauch von Kindern.

Durch diesen Eingriff ist damals in einem Bericht des Schleswig-Holstein Magazin der Name eines verantwortlichen Heimträgers verschwiegen worden: des Deutschen Roten Kreuz (DRK). Stein soll außerdem NDR-Reporter aufgefordert haben, Redaktions-Unterlagen an das DRK-Leitung weiterzureichen.

Pikant dabei: Die DRK-Landesvorsitzende war damals die frühere SPD-Staatssekretärin Anette Langner. Deren Lebensgefährtin soll zum damaligem Zeitpunkt Jutta Schümann gewesen sein – in jener Zeit Vorsitzende des NDR-Landesrundfunkrates in Kiel.

Gelder falsch verbucht

Nicht weniger brisant: Die jetzt kaltgestellte Politik-Chefin Julia Stein war bis zum Jahr 2021 sechs Jahre lang Chefin des „Netzwerks Recherche“. Die „Journalistenvereinigung“ pflegt bisweilen gegen die Kumpanei zwischen Presse und Politik zu wettern.

Nach einem Bericht von „Bild“ geriet der Verein jedoch 2011 selbst in scharfe Kritik und ins Visier der Staatsanwaltschaft – wegen „fehlerhaft verbuchter“ Fördergelder. Es ging immerhin um 75.000 Euro.

Bis vor kurzem gehörte Julia Stein dem Vereins-Vorstand an. Inzwischen heißt es auf der Website der Vereinigung zur NDR-Journalistin Stein: „Mitgliedschaft im Vorstand ruht.“

NDR-Ehemann stützt FDP-Partner

Damit nicht genug. Ebenfalls der stellvertretende Leiter des Politik-Ressorts im NDR-Schleswig-Holstein, Stefan Böhnke, wird kritisiert. Der Illustrierten Stern zufolge hat er im Jahr 2021 zumindest indirekt den damaligen Wahlkämpfer Sven Partheil-Böhnke (FDP) unterstützt, den Ehemann von Böhnke.

Der FDP-Politiker wollte damals Bürgermeister der ostholsteinischen Gemeinde Timmendorfer Strand werden. Der leitende NDR-Redakteur Böhnke ließ sich während der Wahlkampf-Wochen mehrmals mit seinem Lebenspartner Partheit-Böhnke an dessen Wahlkampfstand – mediengerecht – ablichten.

Gebremster Aufklärungswille

Die Führung des Norddeutschen Rundfunks hat am 31. August in „NDR Info“ zu den neuen Vorwürfen Stellung bezogen: Demnach sind etliche Gespräche über die Berichterstattung zum Kinderheim-Skandal im Herbst 2020 geführt worden, „um alles im Detail nachvollziehen und bewerten zu können“ (NDR-Pressestelle).

In Bezug auf die speziellen Anschuldigungen gegen den leitenden Redakteur Böhnke ließ die NDR-Presseabteilung freilich schon mal verlauten, bei der Sendung über die Bürgermeister-Wahl für die Ostsee-Kommune Timmendorfer Strand sei Stefan Böhnke „an der Berichterstattung (…) nicht beteiligt“ gewesen.

Besonders ausgeprägt scheint der Aufklärungswille in den NDR-Führungsreihen immer noch nicht zu sein.

 

Foto: Der NDR produziert u.a. die ARD-Tagesschau ...


Autor: Redaktion
Bild Quelle: Sandra Becker 01, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons


Sonntag, 04 September 2022

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