In Dunkelheit mit kaltem Hintern – der Westen auf dem Weg in die Energielosigkeit

In Dunkelheit mit kaltem Hintern – der Westen auf dem Weg in die Energielosigkeit


Alles Gaga oder was? Der selbsternannte Wertewesten brachte sich in den vergangenen Jahrzehnten freiwillig-unfreiwillig um jede Möglichkeit, sich und seine Bevölkerung mit ausreichend billiger und zuverlässiger Energie zu versorgen. Der Gipfel der Absurdität scheint indes noch lange nicht erreicht.

In Dunkelheit mit kaltem Hintern – der Westen auf dem Weg in die Energielosigkeit

Von Elem Chintsky

Bis zum Jahr 2050 soll die Europäische Union auf Geheiß der UNO "klimaneutral" werden. Der Bundesrepublik war selbst das noch zu langsam, weshalb sie 2012 unter Kanzlerin Angela Merkel entschied, innerhalb einer Dekade den Atomausstieg zu finalisieren. Jedoch verlieh die EU dann 2022 auf einmal der Atomkraft das Prädikat "klimafreundlich"– was leichte Dissonanzen innerhalb des freiheitlich-demokratischen Staatenbundes erzeugte.

Paris hat bei der Umetikettierung der Atomenergie sicherlich keine unerhebliche Rolle gespielt – immerhin bezieht die Französische Republik 70 Prozent ihres gesamten Strombedarfs aus der Kernspaltung. Hierbei handelt es sich um genau jene französische Branche, bei der Berlin nach seinem eigenen Ausstieg nun jenen Strom zunehmend überteuert einkauft, den Sonne und Wind eben nicht bereitstellen. (Und das nicht zuletzt, damit die Hampel-Koalition ihren Wähler*innen jederlei Geschlechts vormachen kann, es hätte in Deutschland eine nennenswerte Energiewende gegeben, Anm. RF).

 

Motiviert durch Berlins Borniertheit in dieser Frage sollte Frankreich noch unter Präsident Hollande die Produktion und somit den Atomstrom-Konsum bis 2025 auf 50 Prozent senken. Im Jahr 2019 verschob man dieses Ziel weiter in die Zukunft – auf 2035. Nur um schlussendlich im laufenden Jahr diese Energiepolitik ganz zu verwerfen und eine Rückbesinnung auszurufen: Atomstrom ist jetzt wieder gut, alles weitere regelt ein Ausnahmegesetz. Dass die EU-Machtachse "Paris-Berlin" darbt, lässt sich unter anderem an dieser divergierenden Entwicklung erkennen.

Unabhängig davon, auf welcher Seite der Klimareligion man debattiert: Berlin, als bislang noch immer größte Volkswirtschaft Europas, kehrte dem Atom den Rücken. Washington D.C. macht zwar weiter mit, ist aber verblüffend unselbstständig und erstaunlich angewiesen auf einen "ehemaligen Partner" – nämlich Russland.

Um die russische Rolle auf den globalen Märkten nukleare Technologie, nukleare Energie und nukleare Exporte zu verstehen, muss man sich die US-Abhängigkeit von Russland bewusst machen. Moskau steht konstant an dritter Stelle als einer der größten Lieferanten von angereichertem Uran an die USA. An den ersten beiden Stellen befinden sich Kanada und Kasachstan, mit jeweils 22 Prozent – Russland macht 16 Prozent aus. Zu Kasachstans erstem Platz gibt es aber noch etwas Kleingedrucktes zu lesen, das russische Präsenz buchstabiert (dazu gleich mehr). 

Noch 2021 gewann die USA 20 Prozent ihres Strombedarfs aus der Atomkraft. Allein dieser Anteil macht die USA heute zum größten Atomstromkonsumenten der Welt.

"Megatons to Megawatts", 1993–2013: der ausgelaufene Vertrag

Genau drei Dekaden ist es her, seit der "Megatons to Megawatts"-Vertrag zwischen den USA und Russland unterzeichnet wurde.

Ausgearbeitet in den Jahren 1991–1992 unter US-Präsident George H. W. Bush und unterschrieben im Jahr darauf von Bill Clinton, sah die Vereinbarung vor, Russlands hochangereichertes Uran mit Uran aus dem russischen Arsenal an Atomsprengköpfen zu mischen. Das aus der Abrüstung der Atomwaffen der ehemaligen Sowjetunion entstandene Energie-Produkt wurde anschließend an die USA verkauft und geliefert.

Ende 2007 hatte die Fachpresse das Auslaufen des Vertrages im Jahr 2013 thematisiert und bilaterale Pläne für eine Fortsetzung dieser Handelsbeziehung angedeutet. Immerhin sollen sich die russischen Uran-Exporte in die USA ab 2011 jährlich um 50 Prozent erhöht haben. Nur um ein Jahr nach 2013 eine Verzehnfachung zu erfahren – von 41.398 gelieferten Tonnen an angereichertem Uran auf 485.279.

 

Zwar versicherten die US-Gesetzgeber ihrer eigenen Fachbranche – darunter Centrus Energy Corp. (ehemals USEC Inc.) –, dass es nicht zu einem "Dumping russischen Urans" auf dem US-Markt kommen würde. Aber von einer langfristigen Abhängigkeit, die die eigene einschlägige Branche verkümmern ließ, kann in Nachhinein allemal die Rede sein.

 

Diese Abhängigkeit zeigt sich auch darin, dass die USA weder im Jahr 2008 (Georgien-Krieg), 2014 (Volksabstimmung auf der Krim und ihre Rückkehr nach Russland), noch in den Jahren 2022 bis 2023 signifikante Sanktionen auf russische Nuklearenergie verhängt haben.

 

Zuletzt wurde im Juni 2023 berichtet, dass Washington D.C. eine Milliarde US-Dollar jährlich an die russische Nuklearagentur Rosatom für ihre laufenden Uran-Rechnungen überweist. Dementsprechend haben die USA die militärische Sonderoperation Russlands in der Ukraine bisher mit all ihren Zielsetzungen mitfinanziert. Nur vorsichtig wird eine geregelte, langwierige Abkehr von russischen Uran-Lieferungen thematisiert – ohne die Öffentlichkeit darüber zu unterrichten, wie weit in der Zukunft ein solch verspäteter Transfer zur Selbstständigkeit schließlich vollzogen werden könnte.

 

Wie Russlands Rosatom Pionierarbeit leistet

 

Spätestens seit dem Jahr 2021 sind Anzeichen für Pekings und Moskaus enge und präzedenzlose Atomkraft-Partnerschaft öffentlich erkennbar. Verträge dazu wurden dann im Jahr 2018 unterzeichnet. Neue, mit exklusiv russischer Technologie gebaute Nuklearreaktoren wurden und werden in Atomkraftwerken der VR China installiert. Im Jahr 2021 erläuterten hohe chinesische Beamte, dass die beiden erweiterten Kernkraftwerke – Tianwan (Block 7 und 8) und Xudabao (Block 3 und 4) – bereits 2026 mit voller Kapazität laufen würden und die jährlichen CO2-Emissionen um 30,7 Millionen Tonnen senken könnten.

 

Zahlen, von denen der grüne Bundesenergieminister und studierte Philosoph Robert Habeck nur träumen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass Eurasien eher als Europa die von der UNO diktierten Netto-Null-Emissionen bis zum Jahr 2050 erreicht, ist hoch. Wobei es wichtig wäre, dieses Ziel zu erreichen, ohne dabei einer vollkommenen Deindustrialisierung zum Opfer zu fallen – die die Berliner Führung eindeutig vorsätzlich und offensichtlich nur zu gerne in Kauf nimmt.

 

In drei Schritten der Dominanz: die russisch-chinesisch dominierte, nukleare Wertschöpfungskette

 

Als Erstes kommt der Uranabbau. Schon hier sieht es anders aus als landläufig angenommen: Es ist das geostrategisch ambivalente Kasachstan, das mit einem Marktanteil von 43 Prozent mit weitem Abstand vorn liegt. An zweiter Stelle steht das NATO-Mitglied Kanada mit 15 Prozent und Namibia mit 11 Prozent. Russland liegt mit seinen 5 Prozent auf dem vierten Platz, während China mit 3,4 Prozent erst den sechsten Platz belegt.

 

Der Haken ist, dass Rosatom bei den fünf größten Tochterunternehmen des kasachischen Bergbauunternehmens Kazatomprom – das größte für Uranabbau auf der Welt – über einen Aktienanteil von 50 Prozent verfügt. Nach ähnlichem Prinzip kontrolliert die Chinese National Nuclear Power Group (CGN) 49 Prozent der Aktien der kasachischen Kazatomprom-Tochterunternehmen "Semizbay-U LLP" und "Ortalyk LLP". Die große Mehrheit der im bereits erwähnten Namibia aktiven Uran-Bergwerke sind in chinesischem Besitz

 

Im Falle von G7-Mitglied Frankreich werden rund 20 Prozent des Urans aus dem westafrikanischen Niger importiert. Hierbei handelt es sich um dasselbe Land, welches gerade eben einen militärisch geführten Regierungswechsel erlebte, den Brüssel blitzschnell als illegitim und rechtswidrig deklarierte. Die EU insgesamt bezieht mindestens 25 Prozent ihres Urans aus Niger.

 

Die neue Führung in Niamey gilt als prorussisch und konterte westliche Androhung von Sanktionen mit einem Lieferstopp von Uran. Nun steht sogar eine französische Intervention in Niger auf dem Programm, um die alte Ordnung wieder herzustellen. Immerhin geht es um die Energiesicherheit und somit den Wohlstand Frankreichs, das – wir erinnern uns – zu 70 Prozent auf Atomstrom angewiesen ist. Kurz: Frankreichs "Energieunabhängigkeit" ist abhängig von Niger.

 

(Und Deutschlands Hampel-Regierung ist abhängig vom französischen Atomstrom, denn durchschnittlich 10 bis 15 Prozent des deutschen Tagesbedarfs werden inzwischen importiert – aus Frankreich. Und wenn das nicht reicht, aus Tschechien und Polen, wo dann die Kohlekraftwerke hochgefahren werden, Anm. RF).

Der zweite Schritt der Uran-Wertschöpfungskette ist die Umwandlung von Uranoxid in UF6. Frankreich, Kanada, Russland und China sind mit dieser kommerziellen Dienstleistung beschäftigt. Russland allein repräsentiert hier einen Marktanteil von 38 Prozent – China weitere 25 Prozent. Zusammen fast zwei Drittel. Die einzige US-Umwandlungsanlage wurde vor langem eingemottet, soll aber 2023 angeblich wieder in Betrieb gehen und den derzeitigen US-Marktanteil auf etwas mehr als null Prozent zu steigern. Abgesehen von Moskau und Peking gibt es außer in Kanada und Frankreich keine weiteren Alternativen für diesen entscheidenden Produktionsschritt. 

Die Uran-Anreicherung erfolgt an dritter Stelle und wird ebenfalls von Moskau dominiert. Zwar sind hier auch Deutschland, Großbritannien, die Niederlande, die USA, Frankreich und China wichtige Marktteilnehmer. Aber Russland beherrscht die Branche mit 46 Prozent – mit den chinesischen 13 Prozent sind das wiederum nahezu zwei Drittel des gesamten Weltmarktes.

Die letzten drei Schritte der Uran-Wertschöpfungskette – die Herstellung der Urandioxid-Brennstäbe, Stromerzeugung und Aufbereitung/Entsorgung ausgebrannter Brennelemente – sind bei allen Teilnehmern weltweit sehr viel gleichmäßiger verteilt. 

Theoretisch und praktisch haben Moskau und Peking mit den Optionen, den globalen Uran-Preis zu beeinflussen oder die Nuklearenergie-Lieferungen zu "regulieren", eine enorme globale geostrategische Hebelkraft – besonders gegenüber dem sich feindlich benehmenden Wertewesten. Explodierende Strompreise in Ländern, die langfristig auf Atomkraft angewiesen sind, wären die Folge.

Energiepolitik ist Realpolitik

Abgesehen von der allseits bekannten russischen Präsenz auf dem weltweiten Erdöl- und Erdgasmarkt zeigte sich im Jahr 2021, dass die Volksrepublik China 79 Prozent der Polysilikon-Produktion kontrolliert.

 

Polysilikon ist ein Rohmaterial, das aus kleinen Kristallen besteht und unentbehrlich für die Solarzellen-Herstellung ist. Die chinesische Dominanz in der Photovoltaik ist somit offensichtlich. Hinzu kommt, dass die Chinesen aus ihren zehn größten Unternehmen 80 Prozent des globalen Marktanteils photovoltaik-relevanter Materialien liefern: ein weiterer weltwirtschaftlicher Aspekt von Klimaagenda und CO2-Senkung, der nicht in den Händen des Wertewestens liegt.

 

Zu guter Letzt sollte die Kobalt-Gewinnung (nicht Kobold, liebe Annalena) erwähnt werden, ohne die das Phänomen E-Auto gar nicht erst von der Steckdose loskäme: 70 Prozent des Abbaus wird in der Demokratischen Republik Kongo betrieben. Die DR Kongo ist weitgehend mit chinesischen Investitionen dazu befähigt worden, diesen Marktanteil zu realisieren. 

Wenn man es also unbedingt darauf ankommen lassen möchte, hätte das russisch-chinesische Bündnis die mehrheitliche Kontrolle über die drei wichtigsten Ingredienzen nachhaltiger Energien (Atomkraft, Photovoltaik, Speichermedien). Somit tänzeln der Drache und der Bär perfekt im vorherrschenden Öko-Zeitgeist der Gegenwart.

Es grenzt an Unmöglichkeit, dass man sich im "besten Westen aller Zeiten" über die Befindlichkeiten einer für starke Erschütterungen anfälligen Branche mit strategischer Bedeutung nicht bewusst ist. (Elam Chintzky hat offenbar schon seit längerem keine westlichen Politik mehr live und in Farbe erlebt, Anm. RF)

Übersetzung von Ramiro Fulsano


Autor: Ramiro Fulano
Bild Quelle: Luca.s, CC BY 3.0 , via Wikimedia Commons


Montag, 07 August 2023

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