Antisemitische Rhetorik nach Maduro-Festnahme: Venezuelas Vizepräsidentin spricht von „zionistischen Untertönen“Antisemitische Rhetorik nach Maduro-Festnahme: Venezuelas Vizepräsidentin spricht von „zionistischen Untertönen“
Mitten in der politischen Schockstarre nach der Festnahme Nicolás Maduros greift die venezolanische Führung zu antisemitischen Schuldzuweisungen. Die Wortwahl ist kein Zufall, sondern Teil einer Strategie, die Israel dämonisiert und Juden weltweit verunsichert.
Die Reaktion aus Caracas ließ nicht lange auf sich warten. Nachdem US-Spezialkräfte den venezolanischen Machthaber Nicolás Maduro festgenommen und außer Landes gebracht hatten, trat Vizepräsidentin Delcy Rodríguez vor die Kameras. Was sie sagte, war mehr als politische Empörung. Die US-Operation habe „zionistische Untertöne“, erklärte sie öffentlich und stellte damit Israel indirekt an den Pranger.
Diese Wortwahl markiert eine Eskalationsstufe, die über klassische antiamerikanische Rhetorik hinausgeht. Statt sich auf Washington zu konzentrieren, wurde ein antisemitisch aufgeladener Begriff bemüht, der in Lateinamerika seit Jahren als politisches Kampfmittel dient. „Zionistisch“ steht dabei nicht für eine konkrete Politik, sondern fungiert als Chiffre für eine angebliche globale Verschwörung. Juden werden so indirekt zu Mitverantwortlichen für geopolitische Ereignisse erklärt, mit denen sie nichts zu tun haben.
Rodríguez forderte zugleich die sofortige Freilassung von Nicolás Maduro und seiner Ehefrau und sprach von einem angeblichen Regimewechselplan, der auf die Ausplünderung venezolanischer Rohstoffe abziele. Entgegen Aussagen aus Washington betonte sie, Maduro sei weiterhin der einzige legitime Präsident des Landes. Sicherheitskräfte hätten staatliche Einrichtungen gesichert, die Ordnung sei unter Kontrolle.
Doch die politischen Botschaften richteten sich nicht nur nach innen. In Caracas weiß man, dass antisemitische Narrative international anschlussfähig sind, besonders in Milieus, die Israel grundsätzlich als Störfaktor betrachten. Schon in den vergangenen Monaten hatte Maduro selbst Israel und „Zionisten“ für angebliche Angriffe auf die nationale Souveränität verantwortlich gemacht. Er sprach von „imperialistischen Dämonen“ und stilisierte Venezuela als christliche Bastion gegen eine äußere Bedrohung.
Diese Rhetorik bleibt nicht folgenlos. Mitglieder der kleinen jüdischen Gemeinde Venezuelas reagierten alarmiert. Viele von ihnen haben das Land bereits in den vergangenen Jahren verlassen, genau wegen solcher Signale. Wer geblieben ist, lebt mit der Erfahrung, dass politische Krisen regelmäßig auf dem Rücken von Minderheiten ausgetragen werden. Antisemitismus dient dabei als Ventil, um Schuld umzulenken und Loyalität einzufordern.
Historisch ist dieses Muster bekannt. Autoritäre Regime, die unter Druck geraten, greifen häufig auf Feindbilder zurück, die emotional mobilisieren und einfache Erklärungen liefern. Der Verweis auf „zionistische Kräfte“ erfüllt genau diese Funktion. Er lenkt von innerem Versagen ab, von Korruption, wirtschaftlichem Niedergang und internationaler Isolation. Zugleich stellt er Israel als allgegenwärtigen Drahtzieher dar und reproduziert uralte antisemitische Denkmuster.
Dass diese Strategie nun unmittelbar nach der US-Operation eingesetzt wird, ist kein Zufall. Washington begründet sein Vorgehen mit schweren Vorwürfen gegen Maduro, darunter Drogenhandel und Terrorfinanzierung. Für Caracas ist es politisch nützlich, diese Anschuldigungen nicht inhaltlich zu widerlegen, sondern moralisch zu delegitimieren. Wer den Gegner als Teil eines „zionistischen“ Plans darstellt, muss sich nicht mit Fakten auseinandersetzen.
Besonders problematisch ist dabei die bewusste Vermischung religiöser Motive. Maduro berief sich erneut auf Jesus von Nazareth und bezeichnete ihn als palästinensischen Märtyrer, den er symbolisch zum Oberbefehlshaber im Kampf um Venezuelas Souveränität erklärte. Auch das ist kein harmloser Pathos. Es verknüpft christliche Identität mit politischem Kampf und stellt Israel implizit als Feind des Christentums dar.
Für Israel ist diese Entwicklung nicht neu, aber sie ist besorgniserregend. In Lateinamerika haben mehrere Regierungen in den vergangenen Jahren Israel systematisch als Sündenbock instrumentalisiert. Die Folgen tragen nicht Diplomaten, sondern jüdische Gemeinden vor Ort. Wenn staatliche Spitzenpolitiker antisemitische Begriffe normalisieren, sinkt die Hemmschwelle für offene Feindseligkeit im Alltag.
Die Festnahme Maduros ist ein geopolitisches Ereignis mit weitreichenden Folgen. Doch die Reaktion aus Caracas zeigt, wie schnell sich politische Krisen in antisemitische Narrative verwandeln können. Wer von „zionistischen Untertönen“ spricht, meint nicht konkrete Entscheidungen der israelischen Regierung, sondern bedient ein Weltbild, in dem Juden als kollektive Macht imaginiert werden. Das ist gefährlich, verantwortungslos und alles andere als zufällig.
Am Ende bleibt festzuhalten: Die Worte aus Caracas sind kein Ausrutscher. Sie sind Teil einer bewussten Strategie, die Israel dämonisiert und antisemitische Reflexe aktiviert, um ein angeschlagenes Regime zu stabilisieren. Für Juden in Venezuela und weltweit ist das ein weiteres Warnsignal.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Presidencia El Salvador - https://www.flickr.com/photos/fotospresidencia_sv/33601291973/, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=114241934
Sonntag, 04 Januar 2026