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Caracas im Wartemodus, die jüdische Gemeinde zwischen Ruhe, Angst und Erfahrung

Caracas im Wartemodus, die jüdische Gemeinde zwischen Ruhe, Angst und Erfahrung


Nach der spektakulären Festnahme Nicolás Maduros herrscht in Venezuela Stille. Keine Euphorie, keine Explosion der Gewalt. Für die jüdische Gemeinde in Caracas ist diese Ruhe trügerisch. Niemand weiß, ob sie Schutz oder Vorbote des nächsten Bruchs ist.

Caracas im Wartemodus, die jüdische Gemeinde zwischen Ruhe, Angst und Erfahrung

Drei Tage nach der Festnahme von Nicolás Maduro wirkt Caracas wie eine Stadt, die den Atem anhält. Die Straßen sind offen, Geschäfte arbeiten, Menschen gehen zur Arbeit. Doch unter dieser Oberfläche liegt eine Unsicherheit, die sich kaum in Worte fassen lässt. Besonders spürbar ist sie innerhalb der jüdischen Gemeinde, die seit Jahrzehnten gelernt hat, politische Umbrüche nicht mit Hoffnung, sondern mit Vorsicht zu betrachten.

Ein führendes Mitglied der jüdischen Gemeinschaft in der venezolanischen Hauptstadt beschreibt die Lage nüchtern. Niemand jubelt, niemand protestiert. Die Menschen warten. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Erfahrung. Venezuela hat zu viele Brüche erlebt, um schnellen Gewissheiten zu trauen. „Niemand versteht wirklich, was passiert ist und was als Nächstes kommt“, sagt er. Diese Ungewissheit ist allgegenwärtig.

Die jüdische Gemeinde Venezuelas zählt heute nur noch rund viertausend Menschen, der überwiegende Teil lebt in Caracas. Vor zwanzig Jahren waren es ein Vielfaches. Die wirtschaftliche Zerstörung des Landes, der politische Autoritarismus und die wachsende internationale Isolation haben ganze Familien zur Auswanderung gezwungen. Zurückgeblieben ist eine kleine, gut organisierte, aber vorsichtige Gemeinschaft.

Nach der Festnahme Maduros war die Sorge groß, dass es zu chaotischen Szenen kommen könnte. Plünderungen, Gewalt, unkontrollierte Vergeltung. Gerade Minderheiten wissen, wie schnell sie in solchen Situationen zum Ziel werden können. Doch diese Angst hat sich bislang nicht bestätigt. Stattdessen erlebte das Land einen ungewöhnlich stillen Samstag. Die Menschen blieben zu Hause, beobachteten, hörten zu, versuchten zu verstehen. Erst am Sonntag kehrte eine vorsichtige Normalität zurück.

An der Spitze des Staates steht nun Delcy Rodríguez, die sich zur neuen Präsidentin erklären ließ. Ihre erste öffentliche Reaktion auf das Vorgehen der USA enthielt eine antisemitische Spitze, als sie von einem „zionistischen Unterton“ sprach. Solche Formulierungen sind in der Region nicht neu, aber sie bleiben ein Warnsignal. Worte sind in Lateinamerika oft Vorboten politischer Richtungsentscheidungen.

Gleichzeitig berichten Vertreter der jüdischen Gemeinde, dass Rodríguez in der Vergangenheit direkte Kontakte zur Gemeinschaft hatte. Als Vertreterin des Regimes habe sie Gespräche geführt, Probleme angehört, den institutionellen Rahmen respektiert. „Sie war korrekt mit uns“, heißt es. Diese Erinnerung wirkt heute wie ein fragiler Anker in unsicherem Wasser.

Unter Maduro war das Verhältnis zwischen Staat und jüdischer Gemeinde widersprüchlich. Einerseits pflegte das Regime enge Beziehungen zu Iran und anderen erklärten Feinden Israels. Andererseits wurden jüdische Institutionen im Inneren meist geduldet, teilweise sogar geschützt. Offener staatlicher Antisemitismus blieb selten, die Bedrohung war eher indirekt, gespeist aus politischer Rhetorik und internationaler Bündnispolitik.

Die Gemeinde selbst versteht sich klar als pro-israelisch. Synagogen, Schulen und soziale Einrichtungen funktionieren, wenn auch unter eingeschränkten Bedingungen. Man habe gelernt, Politik und Gemeinschaft strikt zu trennen. Einfluss auf die Außenpolitik des Landes habe man nicht und beanspruche ihn auch nicht. Diese Haltung ist Ausdruck von Realismus, nicht von Resignation.

Dass Venezuela heute an einem historischen Wendepunkt steht, ist allen bewusst. Die Festnahme Maduros durch US-Spezialkräfte hat ein Machtgefüge erschüttert, das sich über Jahre zementiert hatte. Doch noch ist völlig offen, ob dieser Bruch zu Reformen führt oder lediglich zu einer Umverteilung der Macht innerhalb desselben Systems. Für Minderheiten ist diese Unklarheit gefährlicher als offene Konfrontation.

Viele jüdische Familien haben deshalb längst einen Plan B. Nicht öffentlich, nicht laut, aber vorbereitet. Pässe, Kontakte, Ausreisemöglichkeiten. Wer geblieben ist, tut dies meist aus familiären, beruflichen oder ideellen Gründen. Doch niemand macht sich Illusionen über die Fragilität der Situation.

Venezuela ist heute ein Land der leisen Tage. Kein Jubel, kein Aufbruch, kein kollektiver Zorn. Für die jüdische Gemeinde bedeutet das vorerst Ruhe. Aber es ist eine Ruhe, die jederzeit kippen kann. Zwischen Hoffnung und Vorsicht liegt ein schmaler Grat, auf dem diese Gemeinschaft seit Jahren balanciert. Auch jetzt gilt, was ein Gemeindemitglied schlicht formuliert: Niemand weiß, was morgen sein wird.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Presidencia de Venezuela - https://prensapresidencialvenezuela.gob.ve/index.php/2026/01/05/ and https://www.instagram.com/presidencialve/?hl=es (posted 5 January 2026), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=181322738


Dienstag, 06 Januar 2026

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