BBC zahlt rund 30.000 Euro an israelische Terroropfer – ein „Versehen“, das ein System offenlegtBBC zahlt rund 30.000 Euro an israelische Terroropfer – ein „Versehen“, das ein System offenlegt
Ein zerstörtes Haus, eine traumatisierte Familie und ein internationaler Sender, der Grenzen missachtet. Die BBC entschädigt eine israelische Familie aus dem Grenzgebiet zu Gaza mit umgerechnet rund 30.000 Euro. Offiziell spricht man von einem Irrtum. Tatsächlich steht weit mehr zur Debatte als ein einzelner Fehler.
Der britische öffentlich rechtliche Sender BBC hat eine israelische Familie aus Netiv HaAsara mit rund 30.000 Euro entschädigt. Hintergrund ist ein Fernsehbericht wenige Tage nach dem Hamas Massaker vom 7. Oktober, bei dem ein BBC Reporter ohne Zustimmung das zerstörte Wohnhaus der Familie betrat, filmte und dabei private Familienfotos im Hintergrund ausstrahlte.
Der Beitrag wurde von Jeremy Bowen verantwortet, einem der bekanntesten und einflussreichsten Nahost Korrespondenten des Senders. Erst nach massiver Kritik und rechtlichen Schritten kam es zu einer formellen Entschuldigung und zur Zahlung der Entschädigung, über die zuerst die britisch jüdische Zeitung Jewish News berichtete.
Eine zweite Verletzung nach dem Terror
Für die Familie war der Vorfall keine journalistische Petitesse, sondern eine erneute Grenzüberschreitung. Nur Tage zuvor hatten Hamas Terroristen ihr Haus gestürmt, Granaten geworfen, Sprengladungen angebracht und versucht, die Familie zu ermorden. Stundenlang kämpften die Eltern um das Leben ihrer Kinder, die sich unter Betten versteckten, während im Haus Gefechte stattfanden. Am Ende war das Gebäude zerstört und unbewohnbar. Nur der Schutzraum blieb intakt.
Als die Familie später zufällig auf den BBC Beitrag stieß, war der Schock groß. Fremde Kameras hatten ihr Haus betreten, persönliche Fotos gezeigt, das letzte Stück Privatsphäre preisgegeben. Ohne Nachfrage. Ohne Zustimmung. Für die Betroffenen fühlte es sich an wie eine zweite Invasion, diesmal nicht durch Terroristen, sondern durch Medien.
Die Entschuldigung der BBC
Der verantwortliche BBC Redakteur für den Nahen Osten veröffentlichte eine schriftliche Entschuldigung, ungewöhnlicherweise sogar auf Hebräisch. Darin hieß es, man habe irrtümlich angenommen, eine Zustimmung zur Berichterstattung aus dem Haus zu haben. Es habe keinerlei Absicht bestanden, der Familie Schaden zuzufügen oder sie zu verletzen.
Doch genau hier beginnt das Problem. Denn die Erklärung wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Wie kommt ein internationaler Sender zu der Annahme, ein zerstörtes israelisches Haus sei frei zugänglich. Warum wurde keine explizite Zustimmung eingeholt. Und weshalb geschah diese Grenzüberschreitung ausgerechnet bei jüdischen Terroropfern wenige Tage nach einem der schlimmsten Massaker der israelischen Geschichte.
Mehr als ein Einzelfall
Der Vorfall reiht sich ein in eine lange Reihe von Vorwürfen gegen die BBC, israelische Opfer anders zu behandeln als palästinensische. Während in Gaza häufig mit größter Sensibilität berichtet wird, scheint diese Zurückhaltung bei israelischen Betroffenen schneller zu schwinden. Häuser werden betreten, Bilder gezeigt, Geschichten erzählt, ohne dass die gleiche ethische Vorsicht gilt.
Die Zahlung von rund 30.000 Euro ist deshalb mehr als ein Vergleich. Sie ist ein stilles Eingeständnis, dass journalistische Standards verletzt wurden. Dass auch renommierte Medien nicht über dem Recht stehen. Und dass moralische Maßstäbe universell gelten müssen oder ihren Wert verlieren.
Auch Medien tragen Verantwortung
Die Familie aus Netiv HaAsara brachte es klar auf den Punkt. Auch im Krieg gibt es Grenzen. Und wenn Medien diese überschreiten, müssen sie Verantwortung übernehmen. Der Fall zeigt, dass journalistische Macht ohne Kontrolle zu neuer Gewalt führen kann – emotional, moralisch und menschlich.
Ob diese Entschädigung zu einem Umdenken führt, bleibt offen. Doch sie markiert einen seltenen Moment, in dem ein internationales Leitmedium für sein Handeln zur Rechenschaft gezogen wurde. Gerade nach dem 7. Oktober ist das von besonderer Bedeutung.
Denn wer über Terror berichtet, trägt Verantwortung gegenüber den Opfern. Und wer diese Verantwortung missachtet, verliert Glaubwürdigkeit – unabhängig davon, wie oft er von „Fehlern in gutem Glauben“ spricht.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Igbofur - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=102777358
Dienstag, 06 Januar 2026