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Rausgeworfen ohne Vorwarnung: Wie Antisemitismus das jüdische Leben aus Kathmandu verdrängt

Rausgeworfen ohne Vorwarnung: Wie Antisemitismus das jüdische Leben aus Kathmandu verdrängt


17 Jahre lang war das Chabad-Haus in Kathmandu ein sicherer Hafen für jüdisches Leben, für tausende israelische Reisende, für Gemeinschaft, Gebet und Halt fern der Heimat. Jetzt endet diese Geschichte abrupt – mit einer Kündigung über Nacht und einem bitteren Beigeschmack, den die Betroffenen klar benennen: Antisemitismus.

Rausgeworfen ohne Vorwarnung: Wie Antisemitismus das jüdische Leben aus Kathmandu verdrängt

Was in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu geschehen ist, wirkt auf den ersten Blick wie ein banaler Mietkonflikt. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein Muster, das Juden weltweit immer vertrauter wird. Das Chabad-Haus, seit 17 Jahren im selben Gebäude beheimatet, wurde ohne Vorankündigung zur sofortigen Räumung aufgefordert. Kein Übergang, kein Dialog, kein Kompromiss.

Für Chani Lifshitz, die gemeinsam mit ihrem Mann das Haus leitete, ist die Ursache eindeutig. Über Monate habe sich das Klima verändert. Der Vermieter, mit dem es über Jahre hinweg ein gutes Verhältnis gab, begann plötzlich Forderungen zu stellen, die nichts mit Instandhaltung oder Vertragsdetails zu tun hatten. Hebräische Schilder sollten entfernt werden. Der Grund: Er fürchte, Iraner könnten ihn für einen Spion halten. Israelis wolle er nicht mehr im Haus haben.

Solche Aussagen fallen nicht im luftleeren Raum. Lifshitz beschreibt ein Umfeld, in dem politische Parolen wie „Free Palestine“ sichtbarer geworden seien, in dem sich der Ton verändert habe. Parallel dazu erhöhte der Vermieter die Miete drastisch. Als klar wurde, dass diese Erhöhung nicht durchsetzbar war, folgte der radikale Schritt: sofortige Räumung.

Das Chabad-Haus in Kathmandu war kein Randphänomen. Es galt als eines der bekanntesten weltweit. Zehntausende israelische Rucksackreisende fanden dort über die Jahre nicht nur koscheres Essen oder einen Schabbat-Tisch, sondern ein Stück Zuhause. Gerade in Asien, fern von familiären Strukturen, ist diese Funktion kaum zu überschätzen. Was hier verloren ging, ist nicht nur eine Immobilie, sondern ein sozialer Anker.

Bemerkenswert ist, dass die Ablehnung nicht aus der lokalen Gesellschaft insgesamt kam. Nachbarn, Helfer, viele Nepalesen unterstützten die Familie beim Ausräumen. Die Feindseligkeit konzentrierte sich auf eine Person mit Macht über den Raum. Genau das macht den Fall so bezeichnend. Antisemitismus äußert sich heute oft nicht als offener Hass, sondern als Ausschluss, als Verdrängung, als scheinbar rationale Angst vor „Problemen“, die mit Juden oder Israelis verbunden werden.

Innerhalb weniger Tage mussten Lifshitz und ihr Mann ihr gesamtes Lebenswerk in einen provisorischen Lagerraum bringen. Möbel, Bücher, religiöse Gegenstände, Erinnerungen aus fast zwei Jahrzehnten. Der Alltag jüdischen Lebens wurde buchstäblich eingepackt. Die Suche nach einem neuen Ort läuft, während der Betrieb notdürftig in Hotels und improvisierten Räumen weitergeht.

Der Fall Kathmandu zeigt, wie fragil jüdische Präsenz außerhalb Israels geworden ist. Nicht durch staatliche Verbote, sondern durch gesellschaftlichen Druck, politische Projektionen und eine zunehmende Normalisierung antisemitischer Denkmuster. Wenn hebräische Schrift als Sicherheitsrisiko gilt und jüdische Gäste als Gefahr wahrgenommen werden, dann ist eine Grenze überschritten.

Gleichzeitig zeigt die Reaktion der Betroffenen auch etwas anderes. Trotz Frustration und Erschöpfung geben sie nicht auf. Schabbat fand statt, wenn auch in kleinerem Rahmen. Hilfe kam aus der Umgebung. Das Chabad-Haus mag vorerst obdachlos sein, die Gemeinschaft ist es nicht.

Kathmandu ist kein Einzelfall. Es ist ein weiteres Warnsignal dafür, dass Antisemitismus längst nicht mehr nur ein europäisches oder arabisches Phänomen ist. Er passt sich an, tarnt sich als politische Vorsicht oder wirtschaftliche Entscheidung. Und genau deshalb muss er klar benannt werden, bevor jüdisches Leben weiter aus öffentlichen Räumen verschwindet.


Autor: Redaktion
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Dienstag, 06 Januar 2026

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