NS-Propaganda stellte jüdisches Baby als „arisches Ideal“ dar – Hessy Levinsons Taft stirbt mit 91NS-Propaganda stellte jüdisches Baby als „arisches Ideal“ dar – Hessy Levinsons Taft stirbt mit 91
Sie wurde von den Nationalsozialisten als „ideales arisches Baby“ gefeiert obwohl sie jüdisch war. Hessy Levinsons Taft hat dieses absurde, grausame Paradoxon überlebt. Nun ist sie im Alter von 91 Jahren gestorben.
Am 24. Januar 1935 erschien in Deutschland ein Magazin, verteilt im ganzen Reich. Auf dem Titel: ein blondes, gesund wirkendes Baby mit klarem Blick. Die Schlagzeile feierte den Sieg im Wettbewerb um das „schönste arische Kind“. Für das nationalsozialistische Regime war das Bild Teil seiner rassistischen Selbstinszenierung. Für die jüdischen Eltern des Kindes war es der Beginn eines Albtraums.
Das Baby auf dem Titel hieß Hessy Levinsons Taft. Sie war Jüdin. Und sie war, ohne es zu wissen, zum Aushängeschild einer mörderischen Ideologie geworden, die ihre Existenz eigentlich auslöschen wollte.
Das Foto war in einem Berliner Atelier entstanden. Der Fotograf Hans Ballin reichte es bei einem Wettbewerb ein, den das Propagandaministerium unter Joseph Goebbels organisiert hatte. Gesucht wurde das perfekte „arische“ Baby. Ballin wusste, dass Hessy jüdisch war. Er reichte das Bild trotzdem ein. Später sagte er, es sei ein Akt des stillen Widerstands gewesen - ein Versuch, das System von innen zu verspotten.
Der Spott blieb folgenlos. Die Nazis jubelten. Das Foto gewann. Es wurde auf Postkarten gedruckt, millionenfach verbreitet, hing in Schaufenstern. Für die Propagandisten war es der Beweis ihrer rassistischen Fantasie. Für die Familie Levinsons war es lebensgefährlich.
Die Eltern begannen, ihre Tochter zu verstecken. Sie vermieden Spaziergänge, mieden Öffentlichkeit, lebten in permanenter Angst. Einmal wurde der Vater von einem SS-Mann festgehalten. Er kam frei. Warum, wusste niemand. 1938 floh die Familie aus Deutschland nach Paris. 1941 weiter nach Kuba. Schließlich in die Vereinigten Staaten. Flucht war kein einmaliger Akt, sondern ein Zustand.
Hessy Levinsons Taft wuchs auf, studierte Chemie an der Columbia University, wurde später Professorin an der Princeton University. Sie gründete eine Familie, bekam Kinder, führte ein akademisches Leben. Und doch trug sie ihre Geschichte immer mit sich. Drei Originalausgaben des Nazi-Magazins bewahrte sie auf. Ihre Mutter hatte sie bei der Flucht zwischen Notenblättern versteckt.
Erst Jahrzehnte später sprach sie öffentlich darüber. 2014 übergab sie eines der Magazine an Yad Vashem in Jerusalem. Dort sagte sie einen Satz, der ihr Leben zusammenfasst: Sie empfinde keine Scham, sondern Rache. Nicht im Sinne von Gewalt, sondern im Sinne von Existenz. Sie habe überlebt. Das reiche.
Ihre Geschichte entlarvt den Kern des Antisemitismus. Die Nationalsozialisten glaubten an Blut, an Rasse, an äußere Merkmale. Und sie irrten sich auf groteske Weise. Das jüdische Kind passte perfekt in ihr Weltbild - solange sie nicht wussten, dass es jüdisch war. Genau darin liegt die ganze Absurdität und Gefährlichkeit antisemitischer Ideologien. Sie sind Projektionen, keine Realität.
Hessy Levinsons Taft war kein Symbol, das man romantisieren sollte. Sie war ein Mensch, der durch Zufall und Mut anderer überlebte. Doch ihr Leben widerlegt die Täter nachhaltiger als jedes Tribunal. Das jüdische Baby, das sie feiern wollten, lebte weiter. Studierte. Lehrte. Gründete eine Familie. Und übergab ihre Geschichte der Erinnerung.
Mit ihrem Tod endet ein außergewöhnliches Leben. Ihre Geschichte aber bleibt. Als Mahnung. Als Beweis. Und als stille Antwort auf jene, die bis heute glauben, Juden definieren zu können.
Autor: Redaktion
Bild Quelle:
Sonntag, 11 Januar 2026