Wenn Hass zur Sprache wird: Die Entmenschlichung des israelischen Eurovision-Sängers Noam BatanWenn Hass zur Sprache wird: Die Entmenschlichung des israelischen Eurovision-Sängers Noam Batan
Nach der Nominierung Noam Batans für den Eurovision Song Contest 2026 brechen international Hass und Hetze los. Die Kommentare offenbaren keine Kritik, sondern eine erschreckende Verrohung, in der Israelis öffentlich zu Feindbildern erklärt werden.
Noch bevor Noam Batan einen einzigen Ton auf der Bühne in Wien gesungen hat, ist er für viele bereits kein Mensch mehr. Die internationale Reaktion auf seine Nominierung als israelischer Vertreter beim Eurovision Song Contest 2026 zeigt in erschreckender Offenheit, wie weit Enthemmung und moralischer Verfall inzwischen reichen. In sozialen Netzwerken wird nicht diskutiert, nicht gestritten, nicht kritisiert. Es wird entmenschlicht. Kommentare bezeichnen den siebenundzwanzigjährigen Sänger als „Mörder“, als „Kriegsverbrecher“, als jemanden, der angeblich Blut an den Händen habe. Andere schreiben, Israel bringe nun „endlich wieder ein Ziel“, einen „Sandsack“, einen „Punching Bag“, an dem man sich austoben könne. Diese Worte stehen öffentlich. Sie werden geteilt, bejubelt, weitergetragen. Niemand schämt sich dafür. Niemand versucht, sie zu relativieren. Die Brutalität der Sprache wird nicht als Problem wahrgenommen, sondern als Ventil.
Was hier geschieht, ist keine politische Auseinandersetzung. Es ist die bewusste Aberkennung von Menschlichkeit. Noam Batan wird nicht als Künstler wahrgenommen, sondern als Objekt, als Projektionsfläche, als etwas, das man beleidigen, beschmutzen und öffentlich zerreißen darf. Der Grund ist immer derselbe: Er ist Israeli. Und er hat in der Armee seines Landes gedient. Mehr braucht es nicht. Kein Vorwurf, keine Tat, keine Handlung. Die bloße Zugehörigkeit reicht aus, um ihn moralisch zu vernichten.
Die Kommentare folgen dabei einer erschreckend klaren Logik. Wer Israeli ist, ist schuldig. Wer gedient hat, ist Täter. Wer singt, darf dennoch nicht singen, weil seine Existenz bereits als Provokation gilt. Diese Denkweise ist nicht politisch, sie ist ideologisch. Sie kennt keine Grautöne, keine Menschen, keine Biografien. Sie kennt nur Etiketten. Und diese Etiketten ersetzen das Denken.
Besonders abgründig wird diese Hetze dort, wo selbst Trauer nicht mehr akzeptiert wird. Ein Lied, das Batan gesungen hat, stammt von Yaron Uri Shi, einem jungen israelischen Soldaten, der am siebten Oktober ermordet wurde. Ein Mensch, der getötet wurde, ein Leben, das ausgelöscht wurde. Doch in den Kommentaren wird selbst dieser Tod umgedeutet. Nutzer schreiben, wer ein Lied eines getöteten israelischen Soldaten singe, verherrliche Gewalt. Andere erklären offen, dass auch Tote keine Opfer seien, wenn sie Israelis waren. Damit wird nicht nur der Sänger attackiert, sondern auch der Ermordete selbst nachträglich entwürdigt.
An diesem Punkt wird sichtbar, wie tief der moralische Absturz reicht. Hier geht es nicht mehr um Israel, nicht um Politik, nicht um Krieg. Hier geht es darum, dass bestimmten Menschen selbst das Recht auf Trauer abgesprochen wird. Dass ihr Tod nicht mehr als Tod zählt. Dass Mitgefühl endet, sobald ein israelischer Name fällt.
Die Wortwahl der Kommentatoren ist dabei kein Zufall. Begriffe wie Ziel, Schlagfläche, Sandsack sind keine rhetorischen Ausrutscher. Sie stammen aus einer Sprache, die Gewalt normalisiert. Wer so spricht, sieht kein Gegenüber mehr. Kein Gesicht, keine Stimme, keinen Menschen. Nur noch etwas, das man treffen darf. Sprachlich wird hier vorbereitet, was moralisch längst vollzogen ist.
Der Eurovision Song Contest, der sich selbst als Raum für Vielfalt und Verständigung inszeniert, wird für Israelis damit endgültig zum Ort der öffentlichen Demütigung. Während Künstler aus anderen Ländern auftreten dürfen, ohne sich zu erklären, ohne sich zu rechtfertigen, ohne sich zu entschuldigen, wird von israelischen Teilnehmern eine moralische Selbstaufgabe erwartet. Sie sollen sich distanzieren, kleinmachen, rechtfertigen oder verschwinden. Wer das nicht tut, wird angegriffen.
Noam Batan ist kein Politiker. Er trifft keine Entscheidungen. Er trägt keine Verantwortung für militärische Strategien oder Regierungspolitik. Und dennoch wird er behandelt, als müsse er für alles haften, was andere ihm zuschreiben. Das ist keine Kritik, das ist Kollektivschuld. Und Kollektivschuld war noch nie ein Zeichen von Moral, sondern immer ein Zeichen von Fanatismus.
Das Video, das seinen Auftritt begleitet, zeigt etwas völlig anderes. Es zeigt Musik, Stimme, Ausdruck, Talent. Nichts daran ist aggressiv, nichts provokativ, nichts politisch. Und genau deshalb ist die Reaktion so entlarvend. Denn wer bei Musik Hass empfindet, trägt ihn bereits in sich. Er entsteht nicht durch das Lied, sondern durch die Haltung.
Was sich rund um Noam Batan abspielt, ist kein Nebengeräusch des Internets. Es ist ein Blick in einen Abgrund, in dem Menschen glauben, moralisch überlegen zu sein, während sie andere öffentlich entmenschlichen. Wer einen Sänger zum Feind erklärt, weil er Israeli ist, betreibt keine Kritik. Er zeigt, wie dünn die zivilisatorische Schicht geworden ist.
Diese Kommentare sagen nichts über Noam Batan. Sie sagen alles über diejenigen, die sie schreiben.
Autor: Redaktion
Bild Quelle:
Mittwoch, 21 Januar 2026