Irans Regime manipuliert Wikipedia systematisch und löscht Menschenrechtsverbrechen

Irans Regime manipuliert Wikipedia systematisch und löscht Menschenrechtsverbrechen


Während Sicherheitskräfte Demonstranten töten, wird parallel die Vergangenheit umgeschrieben. Eine Untersuchung zeigt detailliert, wie regimenahe Akteure Wikipedia gezielt missbrauchen, um Irans Gewalt aus dem digitalen Gedächtnis zu tilgen.

Irans Regime manipuliert Wikipedia systematisch und löscht Menschenrechtsverbrechen

Während iranische Sicherheitskräfte Proteste mit tödlicher Gewalt niederschlagen, läuft im Hintergrund eine koordinierte Operation, die weit über Zensur hinausgeht. Eine Untersuchung der britischen Medienplattform Neutral Point of View dokumentiert detailliert, wie regierungsnahe Akteure über Jahre hinweg Wikipedia gezielt manipulierten, um Menschenrechtsverbrechen des iranischen Regimes zu verharmlosen oder vollständig aus Artikeln zu entfernen. Es handelt sich nicht um vereinzelte Eingriffe, sondern um eine systematische Kampagne mit klarer Struktur und klaren Akteuren.

Konkret belegt der Bericht, dass zentrale Informationen zu den Massenexekutionen von 1988 aus Wikipedia-Artikeln entfernt wurden. Dazu zählen Hinweise auf außergerichtliche Hinrichtungen, auf die Ermordung von Frauen und Kindern sowie auf die direkte Beteiligung hochrangiger iranischer Funktionäre in sogenannten Todeskommissionen. Diese Streichungen erfolgten nicht auf einmal, sondern schrittweise über Jahre hinweg. Kleinere Kürzungen bereiteten größere Löschungen vor, die später als redaktionelle Bereinigung oder Straffung gerechtfertigt wurden.

Auch neuere Fälle wurden gezielt ausgelöscht. Informationen über die lebenslange Haftstrafe gegen den iranischen Funktionär Hamid Nouri, der 2022 in Schweden wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurde, verschwanden vollständig aus einschlägigen Artikeln. Ebenso wurden Hinweise auf die Ausweisung zweier iranischer Diplomaten aus Albanien im Jahr 2018 entfernt. Diese Diplomaten standen im Verdacht, an einem geplanten Bombenanschlag auf iranische Dissidenten beteiligt gewesen zu sein. Beide Fälle sind gut dokumentiert, dennoch galten sie plötzlich als nicht mehr relevant oder unzureichend belegt.

Neutral Point of View beschreibt die Vorgehensweise präzise. Eine zentrale Methode sei das sogenannte abrasive deletion gewesen. Dabei werden Inhalte nicht offen gelöscht, sondern durch viele kleine Eingriffe ausgehöhlt. Absätze verlieren Details, Quellen werden infrage gestellt, Formulierungen abgeschwächt. Am Ende bleibt ein inhaltlich leeres Gerüst, das formal korrekt wirkt, aber die Realität verzerrt.

Ein weiteres Instrument war die gezielte Infragestellung der Quellenzuverlässigkeit. Auf der Seite zu den Protesten 2017 und 2018 entfernte der Editor Mhhossein ganze Passagen über die Lage im Iran nach Ende der Proteste. Als Begründung führte er Zweifel an der Zuverlässigkeit des dissidentennahen Mediums Iran News Wire an. Gleichzeitig wurden staatlich oder regierungsnah eingestufte Quellen akzeptiert. Die Auswahl folgte dabei keinem journalistischen Maßstab, sondern politischen Interessen.

Der Bericht zeigt außerdem, wie koordinierte Gruppen das Konsensprinzip von Wikipedia ausnutzten. Auf Diskussionsseiten traten dieselben Nutzer wiederholt als geschlossene Abstimmungsblöcke auf. Abweichende Meinungen wurden überstimmt, Änderungen zurückgesetzt, Kritiker zermürbt. Diese Form der authorship dominance ermöglichte es wenigen Akteuren, über Jahre hinweg mehr als 90 Prozent des Textes dutzender Iran-Artikel zu kontrollieren. Intern wurde diese Gruppe laut NPOV als Gang of 40 bezeichnet.

Zwei Editoren stehen exemplarisch für diese Kampagne. Mhhossein fungierte als eine Art Torwächter für historische Inhalte. Er bearbeitete nachweislich 2.228 Seiten mit mehr als 11.000 Einzelbearbeitungen, darunter den Artikel zum iranischen Machthaber Ali Khamenei. Seine Eingriffe betrafen vor allem sensible Themen wie politische Repression, Proteste und historische Gewalt.

Der zweite Akteur, Iskandar323, war noch am 18. Januar dieses Jahres aktiv an Artikeln zu den Massenexekutionen von 1988 beteiligt. Zu diesem Zeitpunkt lief bereits ein internes Verfahren, um ihn dauerhaft von der Plattform auszuschließen. Wikipedia dokumentierte selbst, dass er über Jahre hinweg systematisch Narrative manipuliert hatte und dabei tausende Seiten bearbeitete.

Besonders umkämpft ist derzeit der Artikel zu den Protesten 2025 und 2026. Laut Neutral Point of View stützt sich dieser Eintrag zwar auf mehr als 400 Quellen und ist bislang vergleichsweise ausgewogen. Doch die Diskussionsseite zeigt massiven Druck in Echtzeit. Es wird über Begriffe gestritten, über Opferzahlen, über die Frage, ob oppositionelle Figuren wie Reza Pahlavi überhaupt erwähnt werden dürfen.

Ein konkretes Beispiel ist das kurzlebige Nutzerkonto SwedishDutch. Dieses Konto stellte systematisch Opferzahlen infrage, griff etablierte Medien wie The Sunday Times und Iran International an und verschwand wenige Stunden später wieder vollständig. Solche Konten hinterlassen keine Geschichte, aber sie beeinflussen Debatten und Entscheidungen.

Besonders brisant ist die Auswirkung über Wikipedia hinaus. Große Plattformen und KI Systeme greifen auf Wikipedia als Basisquelle zurück. Neutral Point of View dokumentiert, dass auch KI Anwendungen bei Anfragen zu iranischen Führungspersonen oder Protesten häufig Antworten liefern, die auf bereits manipulierten Artikeln beruhen. Die Desinformation vervielfältigt sich automatisch und erreicht Nutzer, die glauben, neutrale Informationen zu erhalten.

Für Israel ist diese Entwicklung hochrelevant. Der Iran führt seit Jahren einen hybriden Krieg, in dem Propaganda, Desinformation und Geschichtskontrolle zentrale Rollen spielen. Die gezielte Manipulation globaler Wissensplattformen ist Teil dieser Strategie. Wer Irans Verbrechen relativiert oder unsichtbar macht, erleichtert dem Regime seine internationale Positionierung und schwächt den Druck auf Täter.

Dieser Fall ist kein technisches Detailproblem, sondern ein politischer Skandal. Wikipedia versteht sich als neutrale Wissensplattform, hat aber über Jahre hinweg zugelassen, dass autoritäre Akteure ihre Regeln gegen sie selbst wenden. Neutralität ohne Wachsamkeit wird zur Komplizenschaft. Wenn Geschichte gelöscht wird, geschieht das nicht aus Versehen. Es geschieht, damit Gewalt folgenlos bleibt.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild fotomontage pixabay+ By Johnlearningwiki - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=135914858


Donnerstag, 22 Januar 2026

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