Die letzten Zeugen des Holocaust ihre Zahl schrumpft, ihre Stimmen bleiben unverzichtbarDie letzten Zeugen des Holocaust ihre Zahl schrumpft, ihre Stimmen bleiben unverzichtbar
Weltweit leben heute nur noch rund 196 600 jüdische Holocaust-Überlebende. Ihre Zahl sinkt rapide, viele sind hochbetagt und auf Hilfe angewiesen. Die letzten Zeugen sterben, während Hass und Ignoranz in der Gesellschaft zunehmen.
Weltweit leben heute schätzungsweise 196 600 jüdische Holocaust-Überlebende in mehr als 90 Ländern. Das sind deutlich weniger als die rund 220 000 im Vorjahr geschätzten Überlebenden und ein weiter sinkender Wert im Vergleich zu früheren Erhebungen. Mehr als die Hälfte dieser Menschen hat Israel als Heimat gewählt rund 97 600 Überlebende leben dort –, gefolgt von Nordamerika mit etwa 18 Prozent, Westeuropa mit rund 17 Prozent und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion mit etwa 11 Prozent. In Deutschland gibt es heute rund 10 700 verbliebene Überlebende. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 87 Jahren; fast alle gelten als „Kinderüberlebende“, weil sie 1928 oder später geboren wurden.
Diese Zahlen sind mehr als Statistik. Sie markieren das Ende einer direkten Zeugen-Generation, deren Stimme nicht wiederkehrt, sobald sie schweigt. Die Überlebenden lebten eine Brutalität und systematische Vernichtung, die durch nichts ersetzt werden kann. Ohne sie wird die Erinnerung an den Holocaust abstrakter und dadurch angreifbarer.
Ein Großteil der Überlebenden ist heute auf soziale Unterstützung angewiesen. Viele beziehen Rentenzahlungen oder nutzen Unterstützungsangebote, weil Krankheit und Alter die Selbstständigkeit erschweren. Der Holocaust hat für sie nicht mit der Befreiung der Lager geendet seine Folgen begleiten sie bis heute körperlich, psychisch und materiell.
Doch während diese Stimmen leiser werden, wird der gesellschaftliche Diskurs lauter und gleichzeitig gefährlicher. In großen Teilen des Westens wächst nicht nur Unwissen, sondern auch die Normalisierung von Leugnung und Verharmlosung. Junge Menschen kennen grundlegende Fakten über den Holocaust nicht mehr oder begegnen in sozialen Medien Verzerrungen, die den Massenmord infrage stellen oder verharmlosen. Eine Gesellschaft, die nicht mehr weiß, was passiert ist, erkennt nicht, wie gefährlich der treibende Antisemitismus in der Gegenwart wieder wird.
Gerade in Israel selbst ist die Bedeutung der Überlebenden tief verwurzelt. Dort sind sie nicht nur Zeitzeugen, sondern Teil einer nationalen Erinnerungskultur, die die Existenz des jüdischen Staates aus der Erfahrung des Genozids erklärt. Die Tatsache, dass rund die Hälfte der noch lebenden Überlebenden heute in Israel lebt, ist keine bloße demografische Verteilung, sondern Ausdruck einer historischen Verantwortung: Israel ist nicht nur politischer Akteur, sondern auch Zufluchtsort jener, die dem systematischen Vernichtungswillen entkommen sind.
Doch dieser Kontext verliert an Bedeutung, wenn Wissen über den Holocaust schwindet. Wenn Menschen die Zahl von siebenstelligen Opfern nicht kennen oder sie als „Übertreibung“ einstufen, dann wird der moralische Rahmen brüchig. Dann werden alte antisemitische Untertöne wieder gesellschaftsfähig, weil ihr historischer Kontext fehlt. Und weil sie im Schatten von unzureichender Bildung und politischer Instrumentalisierung wachsen können.
Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass dieser gefährliche Trend nicht an nationalen Grenzen haltmacht. In vielen Ländern Europas und Nordamerikas sehen sich jüdische Gemeinschaften wieder mit offenen Anfeindungen, Beschimpfungen und offenen Drohungen konfrontiert. Nicht nur auf der Straße, sondern auch in digitalen Räumen. Juden werden wieder nicht nur als Menschen, sondern als Symbolfiguren angesehen entweder zu verteidigen oder zu diffamieren, je nach politischer Lage. Diese stereotype Zuschreibung ist der klassische Vorraum antisemitischer Gewalt. Ohne historisches Wissen bleibt sie unentdeckt und unbeantwortet.
Kurz vor dem internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar erscheinen diese Zahlen deshalb wie ein Warnsignal. Sie erinnern daran, dass Erinnerung nicht passiv geschieht. Sie muss aktiv gepflegt, vermittelt, eingefordert werden. Gedenktage allein reichen nicht. Sie dürfen nicht zum Ritual verkommen, hinter dem Ignoranz und Gleichgültigkeit verschwinden. Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr an den systematischen Mord an 6 Millionen Juden erinnert, verliert mehr als historische Fakten sie verliert ihren moralischen Kompass.
Der Holocaust ist nicht Vergangenheit und Gegenwart zugleich; er ist Prüfung für das gemeinsame Verständnis von Menschenwürde, von Solidarität und von Verantwortung. Wenn die Zeit der Überlebenden endet, muss die Zeit der Gesellschaft beginnen, die Erinnerung wachzuhalten nicht als Erinnerung an ein Verbrechen in der Vergangenheit, sondern als Lehre für die Gegenwart und Zukunft.
Denn die Toten dürfen nicht schweigen. Ihre Stimmen müssen weiterklingen. Die Überlebenden haben überlebt, damit wir hören. Und hören heißt heute: erinnern, erklären, lehren und handeln.
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Bild Quelle: Screenshot Youtube @auschwitzmemorial
Freitag, 23 Januar 2026