Die letzten Zeuginnen und eine Welt, die wieder wegsiehtDie letzten Zeuginnen und eine Welt, die wieder wegsieht
Zwei Frauen, die den Holocaust als Kinder überlebt haben, blicken heute mit Angst und Wut auf die Gegenwart. Während Antisemitismus weltweit wächst, stellen sie eine schmerzhafte Frage: Hört uns überhaupt noch jemand zu?
In der Wohnung von Rena Quint in Jerusalem läuft der Fernseher fast ununterbrochen. Nachrichten, Bilder, Stimmen. Der Bildschirm ist nie ganz aus. Für die heute 90-Jährige ist Stille keine Erholung mehr, sondern Bedrohung. Zu oft hat sie erlebt, wie Schweigen zur Vorstufe von Gewalt wurde.
„Ich habe Angst“, sagt sie leise. Nicht wegen ihrer eigenen Vergangenheit, sondern wegen der Gegenwart.
Auf der anderen Seite der Welt, in einem ruhigen Vorort von Sydney, klingt Miryam Mimi Wise ganz anders. Ihre Stimme ist fest, fast hart. „Ich bin wütend“, sagt sie. „Wütend, weil wir das alles schon einmal gesehen haben.“
Beide Frauen überlebten den Holocaust als Kinder. Beide bauten sich nach dem Krieg ein neues Leben auf. Beide gehören heute zu einer Generation, die fast verschwunden ist. Und beide beobachten mit wachsender Fassungslosigkeit, wie Judenhass wieder öffentlich, laut und gesellschaftsfähig wird.
Rena Quint wurde 1935 im polnischen Piotrków geboren. Als Kind musste sie sich verstecken, lebte zeitweise als Junge getarnt, arbeitete in einer Glasfabrik, wurde später nach Bergen-Belsen deportiert. Sie überlebte. Ihre Familie nicht. Nach der Befreiung kam sie nach Schweden, wurde adoptiert, lebte später in den Vereinigten Staaten und fand schließlich in Jerusalem ein neues Zuhause.
Mimi Wise wurde 1937 in Mailand geboren. Ihre Familie floh nach Frankreich, lebte dort unter falschen Namen, versteckte sich auf Bauernhöfen und in kleinen Dörfern. Nach dem Krieg emigrierten sie nach Australien. Das Land wurde zur neuen Heimat, zum Ort der Sicherheit.
Beide Frauen erzählten jahrzehntelang ihre Geschichten. In Schulen, in Museen, in Wohnzimmern. Nicht, um Mitleid zu wecken, sondern um Verantwortung weiterzugeben. Heute fragen sie sich, ob diese Geschichten noch etwas bewirken.
Rena Quint beobachtet vor allem Muster. Sie sieht weniger einzelne Vorfälle als Wiederholungen. Wenn sie über heutige Proteste spricht, über Universitätscampusse, über Boykotte und aggressive Parolen, denkt sie an das Jahr 1933.
„Die Bücherverbrennungen damals wurden von Studenten durchgeführt“, sagt sie. „Nicht von randständigen Extremisten, sondern von jungen, gebildeten Menschen.“
Dass heute ausgerechnet Universitäten Orte sind, an denen jüdische Studierende Angst verspüren, erschüttert sie tief. Parolen, die angeblich politisch gemeint seien, empfindet sie als alte Sprache in neuer Verpackung. Für sie sind sie kein Ausdruck spontaner Empörung, sondern Teil eines organisierten Klimas.
„Auch die Pogrome damals wurden als spontan bezeichnet“, sagt sie. „Sie waren es nicht.“
Mimi Wise spricht weniger über Europa, weniger über Geschichte. Ihr Blick richtet sich auf Australien. Ein Land, für das sie lange Dankbarkeit empfand. Ein Land, das ihrer Familie Schutz bot, als sie sonst nirgends willkommen waren.
Gerade deshalb trifft sie das heutige Schweigen besonders hart.
Nicht nur die antisemitischen Demonstrationen beunruhigen sie. Sondern das, was danach nicht kommt. Keine klaren Worte. Keine entschiedene Haltung. Keine sichtbare Rückendeckung für jüdische Bürger.
„Ich hätte erwartet, dass jemand sagt: Das geht nicht“, sagt sie. „Stattdessen herrscht Ausweichen.“
Für Wise ist es weniger die offene Feindschaft als die Gleichgültigkeit, die Angst macht.
Rena Quint spricht oft über Dokumente. Über Akten, Listen, Namen. Sie bewahrt sie nicht aus Nostalgie, sondern aus Notwendigkeit. Ihr Bedürfnis nach Beweisen ist tief verwurzelt.
„Ich muss alles belegen“, sagt sie. „Immer.“
Für sie ist das keine Marotte, sondern eine Lehre aus der Geschichte. Wenn Zeitzeugen verschwinden, bleiben nur Archive. In Deutschland, in Jerusalem, in Washington. Orte, an denen Zahlen, Transporte und Namen festgehalten sind.
Ihre Frage an heutige Leugner ist schlicht: Wenn selbst Deutschland den Holocaust nicht bestreitet, warum tun es andere?
Mimi Wise sorgt sich weniger um formale Leugnung. Sie fragt sich, ob Menschen überhaupt noch zuhören. Ob Erzählungen noch ankommen oder im Dauerlärm sozialer Medien untergehen.
Sie berichtet von Filmvorführungen, bei denen Zuschauer schockiert waren. Nicht, weil sie die Bilder nicht kannten, sondern weil sie sie zum ersten Mal wirklich sahen.
„Viele wissen erstaunlich wenig“, sagt sie. „Und das nach all den Jahren.“
Beide Frauen erleben die Gegenwart aus unterschiedlichen Perspektiven. Rena Quint lebt in Israel. Sie erlebte den 7. Oktober, den Krieg, die Sirenen, die Angst um Kinder und Enkel. Für sie verschmelzen Antisemitismus im Ausland und Bedrohung im eigenen Land zu einem einzigen Gefühl permanenter Unsicherheit.
Besonders bewegt sie das Schicksal eines kleinen Mädchens, das seine Eltern verlor und bei Nachbarn Zuflucht fand.
„Das war auch meine Geschichte“, sagt sie. „Es fühlt sich an, als würde sich alles wiederholen.“
Mimi Wise sieht Israel aus der Ferne. Für sie ist es der einzige Ort, an dem Juden nicht auf das Wohlwollen anderer angewiesen sind.
„In Israel sind sie Juden und Israelis“, sagt sie. „Und sie haben eine Armee.“
In Australien hingegen seien Juden eine kleine Minderheit. Sicherheitsdienste der Gemeinden leisten viel, doch staatlichen Schutz empfindet sie als unzureichend.
Ihre Worte an ihre Kinder sind klar und schmerzhaft: Wenn es schlimmer wird, geht. Es gibt nur einen Ort, an den Juden immer gehen können.
Beide Frauen wissen, dass ihre Zeit begrenzt ist. Sie sprechen offen darüber.
„In ein paar Jahren wird es keine Überlebenden mehr geben“, sagt Rena Quint.
Diese Gewissheit treibt sie an. Sie nimmt weiterhin Einladungen an, spricht vor Gruppen, auch wenn es Kraft kostet. Weil sie weiß, dass ihre Stimme bald fehlen wird.
Mimi Wise sagt Ähnliches. Sie merkt, dass Wörter manchmal nicht mehr sofort kommen. Dass Erinnerungen schwerer abrufbar werden. Gerade deshalb spricht sie weiter.
„Solange ich klar sprechen kann, tue ich es.“
Ihre Botschaften unterscheiden sich im Ton, aber nicht im Kern.
Wise spricht über Menschlichkeit. Über Würde. Über die einfache Wahrheit, dass Juden Menschen sind wie alle anderen.
Quint spricht über jüdische Kontinuität. Über Gemeinschaft, Identität und die Verantwortung, Israel zu schützen. Nicht aus Ideologie, sondern aus Erfahrung.
Beide bitten die Jüngeren, ihre Stimmen weiterzutragen.
Nicht als Opfer, sondern als Zeugen.
Denn bald wird niemand mehr sagen können: Ich war dort. Dann wird Erinnerung nicht mehr erzählt, sondern nur noch weitergegeben.
Und die Frage, die bleibt, ist nicht, ob sie gesprochen haben. Sondern ob jemand bereit war, wirklich zuzuhören.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By David Shankbone - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3271889
Dienstag, 27 Januar 2026