Holocaust-Gedenken im Wandel: Wie Europa beginnt, sich selbst zu entlastenHolocaust-Gedenken im Wandel: Wie Europa beginnt, sich selbst zu entlasten
Immer mehr Länder erzählen die Schoah über Retter statt über Täter. Eine neue Studie aus Tel Aviv warnt vor einer gefährlichen Verschiebung der Erinnerung und vor einem moralischen Selbstbetrug.
Das Gedenken an den Holocaust verändert sich. Nicht leise, nicht zufällig, sondern strukturell. Eine neue Studie der Universität Tel Aviv zeigt, dass zahlreiche Staaten ihre Erinnerungskultur neu ausrichten und dabei einen bequemen Weg wählen. Statt über antisemitische Ideologien, gesellschaftliche Mitverantwortung und staatlich organisierten Mord zu sprechen, rücken sie zunehmend jene in den Mittelpunkt, die Juden geholfen haben.
Retter ersetzen Täter. Mut ersetzt Schuld. Einzelne Menschlichkeit überdeckt kollektives Versagen.
Der Bericht mit dem Titel For a Noble Cause, veröffentlicht vom Zentrum für das Studium des europäischen Judentums, analysiert Entwicklungen in über einem Dutzend Ländern. Das Ergebnis ist eindeutig: In Museen, Gedenkstätten und staatlichen Bildungsprogrammen wird der Holocaust immer häufiger über positive Identifikationsfiguren erzählt. Über Diplomaten, Helfer, mutige Nachbarn. Über Menschen, die richtig handelten.
Was dabei immer öfter fehlt, ist die unbequeme Wahrheit: Diese Menschen waren Ausnahmen. Extrem seltene Ausnahmen.
In Japan konzentrieren sich zentrale Holocaust-Ausstellungen fast ausschließlich auf den Diplomaten Chiune Sugihara. In Lettland steht der Retter Janis Lipke im Zentrum der nationalen Erinnerung. In Tschechien wurde 2025 ein Museum am Ort von Oskar Schindlers Fabrik eröffnet, das seine Rolle betont. Ähnliche Konzepte existieren in den USA, Bulgarien, China und inzwischen auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Diese Orte erzählen Hoffnung. Doch sie erzählen sie oft ohne den Kontext der Realität.
Denn der Holocaust war kein Drama mit Lichtblicken. Er war ein systematischer Zivilisationsbruch. Millionen Juden wurden nicht ermordet, weil es zu wenige Retter gab, sondern weil Antisemitismus gesellschaftlich akzeptiert, staatlich organisiert und von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragen wurde.
Genau dieser Teil der Geschichte droht nun zu verschwinden.
Professor Uriya Shavit, Leiter des Forschungszentrums, formuliert es nüchtern und deshalb umso schärfer: Wer die Gerechten ohne Kontext in den Mittelpunkt stellt, verwischt die historische Realität. Wer nur über Mut spricht, verschweigt die Masse der Gleichgültigen, der Profiteure und der Täter.
Der Holocaust war kein Kampf zwischen Gut und Böse. Er war ein System, das funktionierte, weil es von zu vielen akzeptiert wurde.
Der Historiker Karl Junker warnt davor, dass Bildungspolitik zunehmend den leichteren Weg geht. Es sei einfacher, über Menschlichkeit zu sprechen als über Judenhass. Über Hoffnung statt über Vernichtung. Über Vorbilder statt über Verantwortung.
Doch genau darin liege die Gefahr. Wenn Schülerinnen und Schüler zuerst Retter kennenlernen, bevor sie die Geschichte von Antisemitismus, nationalsozialistischer Ideologie und gesellschaftlicher Mitwirkung verstehen, entsteht ein falsches Bild. Ein beruhigendes Bild. Ein europäisches Entlastungsnarrativ.
Dann wirkt es, als habe es viele gegeben, die geholfen hätten. Als sei der Holocaust ein moralischer Ausnahmezustand gewesen. In Wahrheit war das Helfen die Ausnahme. Das Wegsehen war die Regel.
Besonders problematisch ist diese Entwicklung in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder offen auf Straßen, an Universitäten und in politischen Debatten erscheint. Wenn Erinnerung ihre Härte verliert, verliert sie auch ihre Warnfunktion.
Der Holocaust war nicht das Werk einiger weniger fanatischer Täter. Er war möglich, weil Gesellschaften versagten. Weil Behörden funktionierten. Weil Nachbarn schwiegen. Weil Juden entrechtet wurden, lange bevor sie deportiert wurden.
Wer heute das Gedenken entpolitisiert, entkernt es.
Die Studie verweist auch auf Frankreich, das 2026 den Tag der Rehabilitierung Alfred Dreyfus’ zum nationalen Gedenktag gegen Antisemitismus erklärte. Ein symbolischer Akt. Doch zugleich dokumentieren jüdische Gemeinden dort einen dramatischen Anstieg antisemitischer Gewalt. Erinnerung ersetzt keine Verantwortung.
Auch Israel bleibt von dieser Debatte nicht ausgenommen. Das Forschungszentrum empfiehlt, die Geschichte der Gerechten bewusst in den Unterricht einzubinden, jedoch nicht als Hauptnarrativ. Nicht als moralische Beruhigung. Sondern als Ergänzung zu einer klaren Darstellung der Schoah als staatlich organisierter Vernichtung jüdischen Lebens.
Denn Erinnerung darf nicht trösten. Sie muss verstören.
Wer den Holocaust so erzählt, dass sich heutige Gesellschaften darin wohlfühlen, hat aufgehört, ihn ernst zu nehmen. Wer nur noch Retter zeigt, verschweigt, warum sie überhaupt gebraucht wurden.
Und wer die Täter aus dem Bild entfernt, macht Geschichte ungefährlich. Genau das darf niemals geschehen.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Tel Aviv University
Dienstag, 27 Januar 2026