Antisemitische Verschwörungen im Netz folgen den Mustern der HolocaustleugnungAntisemitische Verschwörungen im Netz folgen den Mustern der Holocaustleugnung
Was heute auf sozialen Plattformen millionenfach verbreitet wird, ist kein neues Phänomen. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, wie alte Mechanismen der Täter Opfer Umkehr in digitaler Form weiterleben und jüdisches Leid systematisch ausgelöscht wird.
Der Hass kommt heute nicht mehr mit Springerstiefeln oder Schmierereien. Er kommt als Video, als Kommentar, als scheinbar kluge Frage unter einem Beitrag. Innerhalb weniger Stunden erreichen antisemitische Erzählungen Millionen Menschen. Sie leugnen Anschläge, verdrehen Tatsachen und erklären jüdische Opfer zu Tätern. Was wie moderne Netzpropaganda wirkt, folgt in Wahrheit einer erschreckend vertrauten Logik.
Eine neue Untersuchung der Organisation CyberWell macht deutlich, dass sich der heutige digitale Antisemitismus direkt aus den Methoden der Holocaustleugnung speist. Nicht als historische Randerscheinung, sondern als lebendige Strategie, angepasst an soziale Medien und beschleunigt durch Algorithmen.
Im Zentrum steht ein Prinzip, das seit Jahrzehnten bekannt ist. Jüdisches Leid wird nicht nur relativiert, sondern aktiv bestritten. Angriffe werden als Inszenierung dargestellt. Morde als Propaganda abgetan. Wer betroffen ist, soll unglaubwürdig erscheinen. Wer trauert, wird verdächtigt. Die Realität wird nicht widerlegt, sondern umgedeutet.
CyberWell untersuchte mehr als 300 antisemitische Inhalte auf verschiedenen Plattformen. Diese Beiträge erreichten zusammen fast 14 Millionen Aufrufe. Gemeinsam hatten sie eine klare Botschaft: Gewalt gegen Juden und Israelis habe entweder nie stattgefunden oder sei von den Betroffenen selbst inszeniert worden. Der Täter verschwindet aus der Erzählung. Übrig bleibt eine perfide Umkehr der Verantwortung.
Diese Mechanik ist alt. Holocaustleugner arbeiteten jahrzehntelang mit denselben Werkzeugen. Sie bestritten Fakten, stellten Zeugenaussagen infrage und erklärten Überlebende zu Lügnern mit politischem Interesse. Heute geschieht dasselbe, nur schneller, lauter und global.
CyberWell identifizierte mehrere wiederkehrende Muster. Besonders dominant ist die Behauptung, Juden hätten Angriffe auf sich selbst organisiert. Diese Darstellung machte den größten Teil der analysierten Inhalte aus. In ihr kulminiert die radikalste Form der Entmenschlichung. Wer sich selbst angeblich verletzt, verdient kein Mitgefühl. Wer alles kontrolliert, kann kein Opfer sein.
Diese Erzählung tauchte nach nahezu jedem antisemitischen Gewaltausbruch auf. Nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober ebenso wie nach Angriffen in Europa oder den Vereinigten Staaten. Selbst bei offener Gewalt auf offener Straße verbreiteten sich binnen Stunden Behauptungen, es handle sich um Täuschung, Schauspiel oder sogenannte falsche Flaggen.
Besonders deutlich wurde dieses Muster nach dem Pogrom in Amsterdam im November 2024. Israelische Fußballfans wurden von einem organisierten Mob durch die Straßen gejagt und geschlagen. Noch bevor die Verletzten versorgt waren, kursierten im Netz Videos mit der Behauptung, alles sei gestellt gewesen. Die Täter verschwanden aus der Debatte. Die Opfer wurden zum Problem erklärt.
Diese digitale Auslöschung jüdischer Opfer ist kein Nebeneffekt. Sie ist Ziel.
CyberWell spricht von einer systematischen Verweigerung jüdischer Opferrolle. Gewalt soll nicht als antisemitisch erkennbar sein. Denn sobald Juden als Opfer wahrgenommen werden, zerbricht das ideologische Konstrukt vieler Hassnarrative. Deshalb wird alles darangesetzt, diese Wahrnehmung zu verhindern.
Auffällig ist dabei auch die Sprache. Der Begriff Zionist wird in diesen Beiträgen kaum politisch verwendet. Er dient als Ersatzwort für Jude. Als Schimpfbegriff. Als moralische Abwertung. So wird Antisemitismus sprachlich verschleiert und zugleich verbreitet. Der Hass tarnt sich als Kritik, bleibt aber in seiner Wirkung derselbe.
Besonders alarmierend ist die Rolle der Plattformen selbst. Die Untersuchung zeigt eine drastisch geringe Durchsetzung bestehender Regeln. Inhalte mit klarer antisemitischer Hetze bleiben online. Meldungen führen oft zu keiner Konsequenz. Seit dem 7. Oktober hat sich diese Nachlässigkeit sogar verstärkt.
Damit entsteht ein gefährlicher Kreislauf. Je öfter solche Inhalte stehen bleiben, desto normaler wirken sie. Je normaler sie erscheinen, desto stärker verankern sie sich im öffentlichen Bewusstsein. Antisemitismus wird nicht mehr skandalisiert, sondern diskutiert. Nicht mehr bekämpft, sondern relativiert.
Das Ergebnis ist eine digitale Atmosphäre, in der jüdisches Leben permanent infrage gestellt wird. Nicht nur politisch, sondern existenziell. Wer heute als Jude angegriffen wird, muss damit rechnen, dass selbst die Gewalt gegen ihn öffentlich bestritten wird.
Diese Entwicklung ist kein Randproblem extremistischer Gruppen. Sie ist Teil eines breiten kulturellen Klimas, in dem Wahrheit verhandelbar geworden ist und Emotionen Fakten ersetzen. Gerade deshalb ist sie so gefährlich.
Holocaustleugnung beginnt nicht mit dem Satz, dass Auschwitz nie existiert habe. Sie beginnt mit der Gewöhnung an Zweifel. Mit der ständigen Infragestellung jüdischer Aussagen. Mit der Unterstellung verborgener Motive. Genau dort stehen wir heute wieder.
Der digitale Antisemitismus unserer Zeit trägt moderne Kleidung. Doch sein Kern ist derselbe wie vor Jahrzehnten. Die Leugnung jüdischen Leids ist kein Irrtum. Sie ist Ideologie.
Wer sie nicht klar benennt, macht sie salonfähig. Wer sie duldet, verlängert ihre Wirkung. Und wer schweigt, überlässt den Raum jenen, die Geschichte erneut verdrehen wollen.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Eoin O"Mahony - https://www.flickr.com/photos/73man/14456759837, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33956410
Samstag, 31 Januar 2026