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Holocaustgedenken ohne Juden ist kein Gedenken

Holocaustgedenken ohne Juden ist kein Gedenken


Wenn selbst am internationalen Holocaust Gedenktag Opfer und Täter nicht mehr benannt werden, beginnt ein gefährlicher Prozess. Nicht aus Vergessen, sondern aus politischer Bequemlichkeit.

Holocaustgedenken ohne Juden ist kein Gedenken

Der Internationale Holocaust Gedenktag ist kein symbolischer Termin. Er ist kein allgemeiner Erinnerungstag für menschliches Leid. Er existiert aus einem klaren Grund: um an die systematische Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland zu erinnern.

Wer an diesem Tag spricht, trägt Verantwortung. Wer dabei zentrale Begriffe auslässt, verändert den Sinn des Gedenkens.

Als der amerikanische Vizepräsident JD Vance am 27. Januar eine Botschaft zum Holocaust veröffentlichte, gedachte er „der Millionen verlorenen Leben“. Er sprach von Erinnerung, von Verantwortung, von „Nie wieder“. Doch ein entscheidender Teil fehlte. Weder Juden noch Nazis wurden genannt.

Was wie eine sprachliche Nachlässigkeit wirkt, ist in Wahrheit ein politisches Signal. Denn der Holocaust war kein namenloses Verbrechen. Er war kein unbestimmtes Menschheitsdrama. Er war kein tragischer Unfall der Geschichte.

Er war die gezielte Vernichtung der Juden Europas, geplant, organisiert und durchgeführt vom nationalsozialistischen Staat und seinen Helfern.

Wer diese Tatsache nicht ausspricht, verschiebt Geschichte.

Gerade in einer Zeit, in der antisemitische Vorfälle weltweit zunehmen, ist diese Verschiebung nicht harmlos. Jüdische Einrichtungen stehen unter Polizeischutz. Jüdische Menschen erleben offene Feindseligkeit im öffentlichen Raum, an Universitäten, in sozialen Netzwerken. Israel wird dämonisiert, Juden werden dafür kollektiv verantwortlich gemacht.

In diesem Klima ist Unschärfe keine Neutralität. Sie ist ein Risiko.

Erinnerung lebt von Genauigkeit. Nicht von Symbolik.

Wer sagt „Millionen Menschen starben“, erklärt weder warum sie starben noch wer sie ermordete. Ohne die Benennung der jüdischen Opfer wird der Antisemitismus unsichtbar. Ohne die Benennung der Täter verschwindet die Ideologie hinter dem Verbrechen.

Das hat Konsequenzen.

Wenn junge Menschen lernen, dass im Holocaust „viele Menschen ums Leben kamen“, aber nicht erfahren, dass Juden gezielt verfolgt wurden, fehlt ihnen das Verständnis dafür, warum Antisemitismus auch heute gefährlich ist. Wenn Täter nicht klar benannt werden, wird das Verbrechen entpolitisiert. Es wird zu einer abstrakten Katastrophe ohne Ursache.

Doch der Holocaust hatte eine Ursache. Sie hieß Judenhass.

Die bewusste Vermeidung klarer Begriffe ist kein Einzelfall. Auch große Medienhäuser haben in den vergangenen Jahren begonnen, an Gedenktagen von „sechs Millionen Menschen“ zu sprechen, ohne Juden zu erwähnen. Diese sprachliche Entleerung folgt keinem historischen Erkenntnisgewinn, sondern einem politischen Reflex: niemanden verletzen, niemanden provozieren, niemanden festlegen.

Doch Erinnerung darf nicht bequem sein.

Gedenken ist kein Wohlfühlmoment. Es ist Konfrontation mit Wahrheit.

Dabei geht es nicht darum, andere Opfergruppen des Nationalsozialismus zu verschweigen. Es geht darum, das zentrale Verbrechen nicht zu verwischen. Der industrielle Massenmord an den Juden war der ideologische Kern des NS Systems. Ohne ihn ist der Holocaust nicht zu verstehen.

Wer das verschleiert, öffnet Raum für Relativierung.

Besonders problematisch wird dies, wenn diese Unschärfe aus der politischen Führung kommt. Worte eines Vizepräsidenten sind nicht privat. Sie prägen öffentliche Sprache, Schulmaterialien, staatliche Zeremonien. Wenn dort Präzision aufgegeben wird, wird sie überall aufgegeben.

Hinzu kommt der politische Kontext in den Vereinigten Staaten. Auch dort wächst eine neue Offenheit für antisemitische Narrative, vor allem in radikalen politischen Milieus. Begriffe wie „Zionisten“ werden bewusst als Ersatz für Juden genutzt. Verschwörungserzählungen finden Millionenpublikum. Die Grenze zwischen Provokation und Ideologie verschwimmt.

In einer solchen Situation braucht es Klarheit von oben.

Nicht Zurückhaltung. Nicht sprachliche Ausweichmanöver.

Niemand behauptet, JD Vance habe antisemitisch handeln wollen. Doch Absicht schützt nicht vor Wirkung. Wenn Opfer und Täter nicht genannt werden, entsteht der Eindruck, dass ihre Benennung optional geworden ist.

Das ist sie nicht.

Der Holocaust war kein anonymes Verbrechen. Die Opfer waren Juden. Die Täter waren Nazis.

Diese Sätze sind keine Meinung. Sie sind historische Fakten. Wer sie nicht ausspricht, überlässt das Feld jenen, die Geschichte verzerren wollen.

Erinnerung verliert ihren Sinn, wenn sie entkernt wird. Nie wieder bleibt leer, wenn niemand mehr weiß, wogegen es sich richtet.

Gerade heute braucht Erinnerung keine Allgemeinplätze, sondern Standhaftigkeit. Keine diplomatische Sprache, sondern Wahrheit.

Wer gedenkt, muss benennen. Wer schweigt, verändert Geschichte.




Autor:
Bild Quelle: By JD Vance - https://x.com/JDVance/status/2016223471307784539, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=182561551
Sonntag, 01 Februar 2026

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