Wir brauchen Ihre Hilfe: haOlam.de arbeitet ohne Verlag. Damit wir unsere Arbeit in gewohnter Qualität fortsetzen und laufende Aufgaben abschließen können, sind wir weiter auf Unterstützung angewiesen.
Seit dem Holocaust als ermordet geglaubt DNA-Test klärt Schicksal einer jüdischen Familie

Seit dem Holocaust als ermordet geglaubt DNA-Test klärt Schicksal einer jüdischen Familie


Sie war überzeugt, allein auf der Welt zu sein. Jahrzehntelang glaubte Adriana Turk, ihre gesamte Familie sei im Holocaust ermordet worden. Dann brachte ein einziger DNA-Test eine Wahrheit ans Licht, die ihr Leben für immer veränderte.

Seit dem Holocaust als ermordet geglaubt DNA-Test klärt Schicksal einer jüdischen Familie

Etwas fehlte immer. Eine Stille, die sich durch ihre Kindheit zog und bis ins Erwachsenenalter blieb. Ihr Vater war der Mensch, den sie am meisten liebte. Doch über sein früheres Leben sprach er nie. Kein Wort über Europa, kein Wort über die Jahre vor seiner Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Für Adriana blieb seine Vergangenheit ein verschlossener Raum.

Sie wusste nur, was ihre Mutter erzählte. Dass ihr Vater 1937 zur Flucht gezwungen wurde. Dass er innerhalb weniger Tage Englisch lernte, weil nur englischsprachige Flüchtlinge auf ein Schiff nach Australien gelassen wurden. Dass er überlebte, während seine Mutter zurückblieb. Zurück in Europa. Zurück in der Hölle.

Später erfuhr Adriana, dass ihre Großmutter im Warschauer Ghetto eingesperrt war, gemeinsam mit zehntausenden jüdischen Männern, Frauen und Kindern. Sie wurde dort ermordet. Auch die Schwester ihres Vaters, ihr Mann und ihre beiden kleinen Kinder wurden nicht verschont. Sie starben 1944 in Auschwitz. Für Adriana stand damit jahrzehntelang fest: Ihre Familie existiert nicht mehr.

Dieses Wissen begleitete sie ein Leben lang. Es prägte ihre Entscheidungen, ihre Beziehungen, ihre Einsamkeit. Sie bekam keine Kinder. Nicht aus bewusster Ablehnung, sondern weil das Gefühl blieb, dass ihre Linie ohnehin geendet hatte. Dass sie die Letzte war.

Erst im Alter von 74 Jahren entschloss sie sich zu einem Schritt, den sie selbst kaum erklären konnte. Sie ließ einen DNA-Test durchführen, mehr aus Neugier als aus Hoffnung. Sie erwartete nichts. Vielleicht ein paar entfernte genetische Übereinstimmungen, vielleicht gar nichts.

Was folgte, erschütterte alles, was sie über sich selbst zu wissen glaubte.

Der Test zeigte: Ihre Familie hatte überlebt. Nicht vollständig, aber weit mehr, als sie je für möglich gehalten hätte. Über fünfzig lebende Verwandte tauchten auf, verteilt über mehrere Kontinente. Menschen, die ihren Namen trugen, ihr Gesicht teilten, ihre Geschichte kannten.

Eine dieser Frauen war Renate Puttmann, eine entfernte Cousine. Als Jugendliche überlebte sie den Holocaust nur, weil ein deutscher Soldat sie versteckte und ihr falsche Papiere besorgte. Ein Akt von Mut, der ihr das Leben rettete. Renate gründete später eine Familie, bekam acht Kinder. Ihre Nachkommen leben heute in verschiedenen Ländern.

Andere Verwandte konnten rechtzeitig aus Deutschland fliehen. Einige bauten sich ein neues Leben in Brasilien auf, andere in Israel. Über Jahrzehnte wussten sie nichts voneinander. Die Shoah hatte nicht nur Menschen ermordet, sie hatte Familien auseinandergerissen, Identitäten ausgelöscht und Verbindungen gekappt.

Für Adriana war die Erkenntnis überwältigend. Plötzlich war sie nicht mehr allein. Die Leere, die sie seit ihrer Kindheit begleitete, begann sich zu füllen. Nicht mit Schmerz, sondern mit etwas Unerwartetem: Zugehörigkeit.

Sie beschreibt diesen Moment nicht als Freude im klassischen Sinn. Es war eher ein inneres Zusammenfügen. Als würden verstreute Teile ihres Lebens endlich ihren Platz finden. Die Erkenntnis, dass ihre Familie nicht ausgelöscht wurde, sondern weiterlebte, Kinder bekam, Enkel sah, Geschichten fortschrieb, gab ihr etwas zurück, das sie nie besessen hatte: Kontinuität.

Heute spricht Adriana regelmäßig per Video mit ihren neu entdeckten Verwandten. Besonders eng ist der Kontakt zu einem Cousin dritten Grades, der gemeinsam mit einer Forscherin half, den Stammbaum zu rekonstruieren. Namen, Orte, Fluchtwege, Überlebensgeschichten wurden Stück für Stück zusammengesetzt. Jede Entdeckung ein neues Puzzleteil gegen das Vergessen.

Noch in diesem Jahr will Adriana erstmals nach Deutschland reisen, um eine Cousine persönlich zu treffen. Sie nennt sie ihr Licht. Nach einem Leben im Schatten sei ihr Alltag nun heller geworden, sagt sie. Nicht, weil die Vergangenheit weniger schmerzt, sondern weil sie nicht mehr allein getragen werden muss.

Diese Geschichte ist mehr als eine private Familienentdeckung. Sie steht exemplarisch für eine Generation der Nachgeborenen, die mit Fragmenten aufgewachsen ist. Für Kinder von Überlebenden, denen Schweigen oft als Schutz diente, aber zugleich Identität raubte. Für Menschen, deren Leben vom Holocaust geprägt wurde, obwohl sie selbst nie in einem Lager standen.

Der DNA-Test konnte den Mord an Millionen nicht rückgängig machen. Er konnte keine Toten zurückholen. Aber er konnte etwas anderes tun: das zerstörte Gefühl von Herkunft ein Stück weit heilen.

In einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen verschwinden und Geschichtsfälschung lauter wird, zeigt diese Geschichte, warum Erinnerung mehr ist als Gedenktage. Sie lebt in Namen, in Familien, in Verbindungen, die selbst nach achtzig Jahren wieder sichtbar werden können.

Adriana Turk ist 74 Jahre alt. Und erst jetzt beginnt sie zu verstehen, woher sie kommt.




Autor: Bernd Geiger
Bild Quelle: Adriana Turk als Kind mit ihrem Bruder, neben einem Foto ihres Vaters: MyHeritage DNA
Samstag, 07 Februar 2026

haOlam via paypal unterstützen


Hinweis: Sie benötigen kein PayPal-Konto. Klicken Sie im nächsten Schritt einfach auf „Mit Debit- oder Kreditkarte zahlen“, um per Lastschrift oder Kreditkarte zu unterstützen.
empfohlene Artikel
weitere Artikel von: Bernd Geiger
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage