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Epstein-Dokumente als Brandbeschleuniger für neuen Judenhass

Epstein-Dokumente als Brandbeschleuniger für neuen Judenhass


Was als juristische Aufarbeitung eines monströsen Verbrechers begann, verwandelt sich zunehmend in eine globale Welle antisemitischer Verschwörungstheorien. Die Veröffentlichung neuer Akten rund um Jeffrey Epstein wird in sozialen Netzwerken missbraucht, um uralte Hetzmythen gegen Juden wiederzubeleben.

Epstein-Dokumente als Brandbeschleuniger für neuen Judenhass

Die jüngst freigegebenen Millionen Seiten aus dem Umfeld des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein sollten eigentlich Licht in ein düsteres Kapitel internationaler Kriminalität bringen. Stattdessen entwickeln sie sich zunehmend zu einem Treibstoff für antisemitische Propaganda. Kaum waren die Unterlagen veröffentlicht, begannen im Internet gezielte Kampagnen, die Epsteins Verbrechen mit angeblichen jüdischen Machtstrukturen verknüpfen. Aus einem realen Kriminalfall wird so eine groteske Projektionsfläche für altbekannte Feindbilder.

Die Dokumente enthalten zahlreiche private E-Mails und Notizen Epsteins, in denen er über Israel, jüdische Organisationen und auch über prominente israelische Persönlichkeiten spricht. Darunter befinden sich auch Verweise auf Kontakte zum früheren israelischen Premierminister Ehud Barak. Diese nüchternen Fakten genügen radikalen Kreisen bereits, um ein düsteres Gesamtbild zu konstruieren: Epstein sei kein gewöhnlicher Straftäter gewesen, sondern ein Werkzeug eines angeblichen jüdischen Netzwerks, das im Geheimen die Welt lenke.

Genau diese Erzählung verbreitet sich nun mit beängstigender Geschwindigkeit. Rechtsextreme Aktivisten, antisemitische Influencer und selbsternannte Aufklärer behaupten, Epstein sei ein Agent des Mossad gewesen, Teil einer „globalistischen Elite“ oder ein Beweis für eine angebliche „jüdische Vorherrschaft“. Jede sachliche Einordnung wird ignoriert, jeder Hinweis auf die realen Opfer verdrängt.

Organisationen, die sich dem Kampf gegen Antisemitismus verschrieben haben, schlagen Alarm. Das Nexus Project, eine in den USA ansässige Initiative, formulierte es deutlich: Die Epstein-Dokumente seien real, ebenso real aber auch der Judenhass, den sie entfesseln. Während die Aufarbeitung der Verbrechen eigentlich den Opfern dienen sollte, würden diese nun erneut instrumentalisiert. Aus persönlichem Leid werde politischer Sprengstoff gemacht.

Besonders auffällig ist die Rolle prominenter Meinungsmacher. Die US-amerikanische Influencerin Candace Owens, die bereits mehrfach durch antisemitische Ausfälle aufgefallen ist, nutzte die Veröffentlichung der Akten für stundenlange Tiraden gegen Juden und Zionisten. Sie deutete Epsteins Verwendung jüdischer Begriffe als angeblichen Beweis für eine religiös motivierte Verschwörung. Millionen Follower konsumierten diese verzerrten Deutungen ungefiltert.

Auch andere reichweitenstarke Accounts in sozialen Netzwerken beteiligen sich an der Hetze. Ein populärer Nutzer mit Hunderttausenden Anhängern erklärte, Epstein sei Teil einer „satanischen Elite“ gewesen. Wieder andere behaupten, Israel habe über ihn politische Erpressung betrieben oder Kinderhandel organisiert. Nichts davon wird durch die Akten gestützt. Doch in der Logik der Verschwörungsideologen spielt das keine Rolle. Was zählt, ist die Erzählung.

Diese Mechanismen sind nicht neu. Seit Jahrhunderten werden Juden in Krisenzeiten zu Sündenböcken gemacht. Die Vorstellung geheimer jüdischer Netzwerke, die angeblich Medien, Banken oder Regierungen kontrollieren, gehört zum Kernbestand antisemitischer Ideologie. Die Epstein-Akten liefern nun lediglich neue Schlagworte für alte Lügen.

Dabei wird bewusst übergangen, dass Epstein ein krimineller Einzeltäter war, dessen Taten von Gerichten verurteilt wurden und dessen Opfer aus unterschiedlichsten Hintergründen stammen. Nichts in den Dokumenten belegt eine kollektive Verantwortung von Juden oder israelischen Institutionen. Doch Rationalität hat im digitalen Mob selten eine Chance.

Besonders perfide ist, wie reale Details aus den Akten selektiv verzerrt werden. Epstein verwendete in manchen E-Mails das Wort „Gojim“, einen hebräischen Begriff für Nichtjuden. Aus dieser einen Bemerkung wird sofort ein angeblicher Beweis für jüdische Verachtung der restlichen Menschheit konstruiert. Solche Interpretationen folgen einer klaren Strategie: Sie sollen Emotionen schüren und Feindbilder festigen.

Auch der Name Ehud Barak wird immer wieder missbraucht. Dass der ehemalige Premierminister in beruflichem Kontakt zu Epstein stand, ist seit Jahren bekannt und wurde öffentlich diskutiert. Daraus jedoch eine Mitverantwortung für dessen Verbrechen abzuleiten, entbehrt jeder Grundlage. Dennoch kursieren in Netzwerken Behauptungen, die Akten seien in Wahrheit „Israel-Dossiers“, die angeblich ein gigantisches Komplott entlarven.

Die Dynamik zeigt, wie schnell im digitalen Zeitalter Fakten verdreht werden können. Ein Skandal, der eigentlich zur Aufklärung beitragen sollte, wird zu einer Waffe im Informationskrieg gegen Juden weltweit. Für viele Beobachter ist dies ein weiteres Beispiel dafür, wie brüchig der gesellschaftliche Schutzwall gegen Antisemitismus geworden ist.

Während Epstein 2019 in seiner Gefängniszelle tot aufgefunden wurde und seine tatsächlichen Verbrechen juristisch weitgehend aufgearbeitet sind, lebt sein Name nun als Projektionsfläche weiter. Nicht als Symbol für Gerechtigkeit, sondern als neuer Code für Hass. Für jüdische Gemeinden weltweit ist das eine gefährliche Entwicklung. Sie erleben, wie aus einem Kriminalfall erneut ein Vorwand wird, sie kollektiv zu dämonisieren.

Die Verantwortung liegt nun bei Politik, Medien und Plattformbetreibern, dieser Welle entschlossen entgegenzutreten. Wer Antisemitismus nicht klar benennt, macht sich mitschuldig an seiner Normalisierung. Die Opfer Epsteins verdienen Gerechtigkeit. Juden weltweit verdienen Schutz vor Hetze. Beides darf nicht gegeneinander ausgespielt werden.




Autor: Redaktion
Bild Quelle: Screenshot X
Montag, 09 Februar 2026

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