Schüsse auf iranischen Regimekritiker in Toronto lösen Sicherheitsalarm ausSchüsse auf iranischen Regimekritiker in Toronto lösen Sicherheitsalarm aus
Mitten in der Nacht treffen siebzehn Kugeln ein Boxstudio in Kanada. Besitzer ist ein iranisch kanadischer Aktivist, der offen gegen das Regime in Teheran protestiert. Der Angriff wirft eine ernste Frage auf: Wie weit reicht der Arm der Islamischen Republik, wenn ihre Gegner selbst in westlichen Demokratien ins Visier geraten?
Die Schüsse fielen kurz nach drei Uhr morgens. Siebzehn Einschläge in der Fassade eines Gebäudes in einem Gewerbekomplex nördlich von Toronto. Ein Angriff, der in jeder kanadischen Stadt als schwere Straftat gelten würde. Doch dieser Fall ist mehr als gewöhnliche Kriminalität. Das Ziel des Angriffs war ein Boxstudio, das längst zu einem politischen Symbol geworden ist.
Das Studio „Saliwan Boxing“ gehört Salar Gholami. Der iranisch kanadische Profiboxer ist nicht nur Sportler, sondern auch ein bekannter politischer Aktivist. In den vergangenen Monaten organisierte er mehrere Demonstrationen gegen das Regime in Teheran. Tausende Menschen nahmen daran teil. Viele von ihnen trugen die historische iranische Flagge mit Löwe und Sonne, ein Zeichen des Widerstands gegen die Islamische Republik.
Der Angriff auf sein Fitnessstudio ereignete sich nur wenige Stunden nach einer solchen Versammlung.
Die Polizei von York Region bestätigte, dass Beamte nach Notrufen am frühen Morgen zum Tatort ausrückten. Vor Ort fanden sie Einschusslöcher und Schäden, die eindeutig von mehreren abgefeuerten Schüssen stammen. Menschen befanden sich zu diesem Zeitpunkt nicht im Gebäude. Verletzt wurde niemand.
Überwachungskameras zeigen einen Täter in dunkler Kleidung. Er steigt aus einem dunklen Geländewagen, schießt mehrmals auf das Gebäude und verschwindet anschließend.
Für viele Mitglieder der iranischen Diaspora in Kanada ist dieser Angriff kein isolierter Vorfall. Er fügt sich in ein Muster von Bedrohungen und Einschüchterungsversuchen, die seit Jahren gegen iranische Dissidenten im Ausland registriert werden.
Kanadische Sicherheitsbehörden warnen seit langem vor Aktivitäten iranischer staatlicher Akteure und ihrer Netzwerke im Ausland. Besonders Oppositionelle, Journalisten und politische Aktivisten gelten als mögliche Ziele.
Der Angriff auf Gholamis Fitnessstudio löst deshalb weit über Toronto hinaus Besorgnis aus.
Der Boxer selbst reagierte mit einer Mischung aus Wut und Entschlossenheit. Sein Studio sei kein politischer Treffpunkt im klassischen Sinne, sagt er, sondern ein Ort für Sport, Familien und Jugendliche.
„Hier trainieren Mädchen, Teenager und Kinder“, erklärte Gholami. „Wenn das Studio besetzt gewesen wäre, hätte dieser Angriff Menschen töten können.“
Für ihn steht fest, dass der Angriff eine Botschaft enthalten sollte. Ein Versuch, ihn einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen.
Die Polizei hat bisher kein offizielles Motiv bestätigt. Ermittler prüfen jedoch ausdrücklich, ob der Angriff politisch motiviert sein könnte. Sicherheitsbehörden arbeiten dabei auch mit nationalen Nachrichtendiensten zusammen.
Die Sorge ist nicht unbegründet. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Fälle bekannt, in denen iranische Akteure versucht haben sollen, Dissidenten im Ausland zu bedrohen oder sogar zu töten.
Ein besonders bekanntes Beispiel betrifft den früheren kanadischen Justizminister Irwin Cotler. Sicherheitsbehörden warnten ihn vor einem mutmaßlichen iranischen Mordkomplott auf kanadischem Boden. Cotler hatte sich zuvor jahrelang für Menschenrechte im Iran eingesetzt.
Der Fall zeigt, wie weit autoritäre Regime gehen können, um Kritiker zu verfolgen.
Für viele iranische Exilanten ist Kanada ein Ort, an dem sie endlich frei sprechen können. Sie flohen vor politischer Verfolgung, Zensur und staatlicher Gewalt. Doch genau diese Freiheit macht sie zugleich zu sichtbaren Gegnern des Regimes.
Der Angriff in Toronto erinnert daran, dass politische Konflikte längst nicht mehr an nationalen Grenzen enden.
Gholami selbst will sich davon nicht einschüchtern lassen. Trotz der Schüsse kündigte er an, seine politischen Aktivitäten fortzusetzen. Demonstrationen gegen das Regime in Teheran werde er weiterhin organisieren.
Er steht nach eigenen Angaben in regelmäßigem Kontakt mit der Polizei. Gleichzeitig äußert er Sorgen über seine persönliche Sicherheit. Zusätzlicher Schutz müsse offenbar privat organisiert werden.
Für einen Aktivisten, der öffentlich gegen eine autoritäre Regierung auftritt, ist das eine schwierige Realität.
Seine Botschaft bleibt dennoch eindeutig.
„Wir sind nach Kanada gekommen, um frei zu leben“, sagt Gholami. „Dieses Land muss seine Bürger schützen.“
Der Angriff auf das Boxstudio hat eine Debatte ausgelöst, die weit über die iranische Gemeinschaft hinausgeht. Wenn politische Einschüchterung auf kanadischem Boden möglich ist, betrifft das nicht nur Exilaktivisten. Es betrifft die Frage, wie Demokratien ihre Bürger gegen ausländische Einflussoperationen schützen.
Die Ermittlungen laufen weiter. Noch ist nicht klar, wer hinter den Schüssen steckt.
Doch schon jetzt hat der Vorfall eine Wirkung erzielt. Er hat gezeigt, dass der Konflikt um Iran längst global geworden ist.
Und dass diejenigen, die gegen das Regime sprechen, selbst tausende Kilometer entfernt von Teheran nicht automatisch sicher sind.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Screenshot X
Donnerstag, 05 März 2026