Kann Israel Europa je vertrauen? (Teil 1/3)

Kann Israel Europa je vertrauen? (Teil 1/3)


Kann Israel Europa je vertrauen? (Teil 1/3)

Dr. Manfred Gerstenfeld interviewt Prof. Dan Segre

Dies ist der erste Teil eines Interviews, das in Manfred Gerstenfelds Buch „Israel‘s New Future“ 1994 veröffentlicht wurde. Das Buch wurde 2014 von RVP Press unter dem Titel „Israel’s New Future – Revisited“ überarbeitet neu aufgelegt.

Dan Segre wurde 1922 in einer assimilierten jüdischen Familie im italienischen Dorf Rivoli geboren, wo er auf dem Bauernhof der Familie seiner Mutter aufwuchs. Sein Vater war im Dorf Govone der jüngste Bürgermeister des Landes.

Nachdem Mussolini 1938 antijüdische Gesetze erließ, floh Segre nach Palästina – ohne jedes zionistische Bewusstsein. Er hat diese Zeit im ersten Teil seiner Autobiografie und Bestseller The Memoirs of a Fortunate Jew (Die Memoiren eines Juden, der Glück hatte) beschrieben, die in neun Sprachen übersetzt wurde.

Er diente während des Zweiten Weltkriegs in der britischen Armee und wurde später Offizier bei den Fallschirmjägern in Israels Unabhängigkeitskrieg. Bald darauf wurde er Kultur- und Presseattaché an der neuen israelischen Botschaft in Paris.

1952 schloss er ein Jura-Studium an der Universität von Turin ab. Als nächstes studierte er Politikwissenschaften beim Sciences Politiques und orientalische Sprachen an der Sorbonne, beide in Paris. Er diente bis 1967 in verschiedenen Funktionen im israelischen Außenministerium, dann akzeptierte er ein Forschungstipendium für Nahoststudien am St. Anthony’s College in Oxford. Von 1967 bis 1969 war er Ford-Gastprofessor für vergleichende Geschichtsschreibung am MIT.

1972 wurde er ordentlicher Professor für internationale Beziehungen an der Universität Haifa. Später nahm er den Posten als Reuben-Hecht-Professor für Zionismus an. Nach seiner Pensionierung 1986 war er mehrere Jahre Gastprofessor an der Stanford University. Er hat eine Reihe Bücher zu einer Vielzahl von Themen geschrieben; dazu gehört eine Biografie des italienischen Generals Amadeo Guillet. Zu Segres weiterem Büchern gehören: Israel, Society in Transition (Israel, Gesellschaft im Umbruch, 1970), The High Road and the Low, Technical Cooperation and African Development (Der sichere Weg und der nicht sichere: Technische Kooperation und die Entwicklung Afrikas, 1974) und Israel and Zionism, A Crisis of Identiy (Israel und der Zionismus: Eine Identitätskrise, 1980).

Neben seiner Lehrtätigkeit ist Segre immer im Journalismus tätig gewesen. Viele Jahre lang war er Israel-Korrespondent sowohl des Le Figaro als auch des Corriere della Sera. 1974 war er Mitgründer der italienischen Tageszeitung Il Giornale.

„Um zu verstehen, wie die zukünftigen Verbindungen zwischen Europa und Israel sich harmonischer entwickeln können“, sagt Segre, „ziehe ich es vor einen Blick darauf zu werfen, welche Straßen Europa und die Juden in der Vergangenheit überquerten.“

Die europäische Haltung gegenüber Israel hat sich im Verlauf der Jahrzehnte beträchtlich verändert. Nachdem Israel 1948 unabhängig wurde, erklärt er, waren viele Europäer enthusiastisch, denn sie sahen darin die Verwirklichung eines idealen Staates. Sie glaubten, das sei eine Wiederholung der amerikanischen Revolte gegen Britannien, die zur Unabhängigkeit der USA führte. Ein zweiter, weniger wichtiger Grund für die positive Haltung vieler Europäer gegenüber Israel entstammte dem Schock des Holocaust.

Warum dann dieser Wandel in der Einstellung? Segre sieht vier Gründe. Der Traum vom idealen Staat, von Anfang an unrealistisch, musste scheitern. Israel lehnte es ab der einzige vegetarische Staat in einer Welt von Fleischfressern zu sein. Dazu kam die plötzliche Zunahme arabischen Reichtums als Ergebnis der ungeschickten Art, wie der Westen mit der Ölkrise von 1973 umging. Ein dritter Faktor war die Verknüpfung von arabischer und kommunistischer Propaganda gegen den Zionismus. Ein vierter Faktor waren Israels Verbindungen zu den Vereinigten Staaten oder – in linken Propagandabegriffen – zum amerikanischen Imperialismus.

Für Segre besteht die zentrale Bedrohung, die die europäischen Einstellungen gegenüber den Juden – und heute gegenüber Israel – durchzieht, aus lange gehegten historischen Vorurteilen, Komplexen und Frustrationen. „Der Antisemitismus ist nicht verschwunden“, sagt er. Im Gegenteil: Segre erklärt, dass er sich ausgeweitet hat, um den Antizionismus einzubeziehen.

Segre sieht im heutigen, nicht ganz so geeinten Europa eine moderne Version des Heiligen Römischen Reiches, in dem die Juden immer Fremde waren: Zuerst, weil sie anders, aber keine Heiden waren, später, weil sie keine Christen waren.

Diese europäische Wahrnehmung der Juden als Außenstehende nahm verschiedene Formen an: Verräter, die den Muslimen die Tür nach Spanien öffneten; Überträger der Pest im 14. Jahrhundert; „Quislinge“ für die Türken, als diese damit drohten die italienische Stadt Ancona zu belagern, um der dortigen jüdischen Gemeinde zu helfen; afrikanische Sklaven für Voltaire; gefährliche Agenten der Revolution für Napoleon; liberale Bourgeoisie, Kommunisten und Kapitalisten; und für die Nazis und ihre Anhänger „einfach nur Bakterien“, die für soziale und rassische Verseuchung sorgen.

Für viele Europäer bleiben die Juden bis heute Fremde. Heute ein amerikanischer Jude zu sein ist eine legitime Art Amerikaner zu sein, selbst wenn es vielleicht in den Augen der Mehrheit dieses Landes nicht die beste Art ist. Für die Europäer ist die Wahrnehmung der Juden die eines Fremden geblieben, nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung Israels sogar noch mehr.

Segre behauptet, dass das vorherrschende historische Stereotyp der Juden in den Augen des modernen Europäers das des Antisemitismus ist; der Begriff wurde 1874 von Wilhelm Marr erfunden, einem deutschen Journalisten und Parlamentarier. Diese europäische Haltung hat tiefgreifende Beweggründe. Die Juden sind zu vielen Gelegenheiten der Testfall versagender europäischer Ideen und Ideale gewesen. Der Fall Dreyfus, der mit der Verurteilung des unschuldigen französischen Offiziers endet, einfach weil er Jude war, symbolisiert nicht nur das Versagen der europäischen Aufklärung, er demonstriert sie auch.

Segre behauptet, dass Juden auch das Versagen der europäischen Linken symbolisieren. Diese hat die inhärenten Widersprüche ihrer Ideologie gezeigt, ebenso die zwischen Ideologie und Praxis. Für einige ihrer Vorläufer im 19. Jahrhundert, beispielsweise die Franzosen Proudhon und Fourier, sind Juden und Banker dasselbe. Ein beliebter Trugschluss war: Da der Jude das Geld hat und Geld die Welt beherrscht, beherrschen die Juden die Welt.

In der ersten Version von Das Kapital, das nach seinem Tod geändert wurde, schrieb Karl Marx: „Alle Handelsgüter werden aufs Engste von jüdischem Geld beschnitten.“

Die Zweite Internationale und Lenin lehnten offiziell den Antisemitismus ab, aber das änderte nicht das gewöhnliche Vorurteil gegen Juden im kommunistischen Lager, wie z.B. das Slansky-Verfahren in der Tschechoslowakei 1952 und das von Stalin 1953 arrangierte „Ärzte-Komplott“ zeigten.

Segre hat keine Zweifel, dass marxistischer Antisemitismus einen tief gehenden Einfluss auf die europäische Linke hat. „Sie akzeptierte das Prinzip, dass Völker der Dritten Welt per Definition proletarisch seien, während Israel ein Handlanger des Imperialismus sei“, sagt er. „Der Kommunismus, der behauptet, er habe sich gegen Antisemitismus immunisiert, erhob seine Stimme nicht gegen die Delegitimierung Israels als Staat durch die Nationalcharta der Palästinenser.“

Er war noch schlimmer, vermerkt er, als er das ganze Arsenal an antisemitischen Waffen gegen den Zionismus einsetzte. „Damit unterstützte er das fälschlich Hegel zugeschriebene Prinzip, wenn Fakten nicht mit der Ideologie übereinstimmten, sollten sie verworfen werden.“

Beide – die Linke und ihre Gegner – hatten einander widersprechende Stereotype: einerseits das des reichen Juden, andererseits das des subversiven Anarchisten, Gottesmörders und Weltverschwörers.

 

Dr. Manfred Gerstenfelds kommendes Buch „The War of a Million Cuts“ analysiert, wie Israel und die Juden delegitimiert werden und wie sie dagegen kämpfen. Er war von 2000 – 2012 Vorsitzender des Jerusalem Center of Public Affairs. Erstveröffentlicht bei unserem Partnerblog Heplev.

 

Dr. Manfred Gerstenfeld bei haOlam.de (Auswahl):


Autor: fischerde
Bild Quelle:


Dienstag, 07 Oktober 2014

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