„Jez´ oder: Der Kandidat, der aus der Kälte kam

„Jez´ oder:

Der Kandidat, der aus der Kälte kam


Der Kandidat, der aus der Kälte kam

von Gerrit Liskow

Jeremy Corbin MP, diese „Politik“ gewordene Kreuzung aus einem deutschen Gewerkschaftler und einem IKEA-Regal, wird nach aller Wahrscheinlichkeit der nächste Vorsitzende der britischen Sozialdemokratie und damit ihr aussichtsreichster Spitzenkandidat für die Allgemeinen Wahlen 2020.

Alle, die das schon aus beruflichen Gründen wissen müssen, halten die Sache für entschieden, und so haben einige Buchmacher bereits die auf „Jez“ lautenden Wetten ausbezahlt.

Die meisten mir bekannten Berichte über den unaufhaltsamen Aufstieg des Jeremy C enthalten einen oder zwei gedankliche Fehler: Weder ist Mr Corbyn eine Ausnahmeerscheinung der britischen Sozialdemokratie, sondern der Regelfall in ihrem Polit-Betrieb; noch ist er ein Überzeugungspolitiker, der eine „andere“, authentische, ehrliche, etc. Politik anstrebt, sondern ein Profi auf seinem Gebiet.

Mr Corbyn ist ebenso wie alle Politiker vor und nach ihm ein Produkt sozialer Umstände, nämlich der Labour Party und deren Wählerinnen und Wähler.

Zunächst muss man dem verehrten Publikum vielleicht erklären, um wen oder was es sich bei Mr C handelt. Selbstverständlich ist der Typus auch in Germany geläufig, meine Damen und Herren, aber die deutsche Sozialdemokratie versteht sich besser darauf, Genossen wie ihn in muffigen Amtstuben von Bezirksämtern zu verstecken, von wo aus sie ihren Klassenkampf gegen den Rest der Menschheit dann recht ungehindert führen dürfen.

Allerhöchstens wäre aus Mr Corbyn ein Volkskunde Gemeinschaftskunde-Lehrer an einer Integrierten Gesamtschule im Ruhrgebiet geworden. So weit, so gut.

Weil das Vereinigte Königreich eine sozial wesentlich mobilere Veranstaltung ist, als die quasi in Aspik konservierte VEB Deutschland AG, können dort allerdings auch solche Menschen „politische“ Karrieren verwirklichen, denen man das nicht zutraut oder zumindest nicht zutrauen möchte.

Der Umstand, dass es überhaupt zum „Fall C“ – der politischen Reaktivierung eines scheinbar abgehalfterten Alt-Linken aus der Mottenkiste des Marxismus – kommen konnte, spricht also im Grunde für die gesellschaftlichen Umstände in Großbritannien; und gegen die in Germany.

Selbstverständlich hilft "Jez" der Umstand, dass es in Großbritannien reichlich Menschinnen und Menschen gibt, die nicht verstehen können oder wollen, dass der Staat ihnen nichts geben kann, was er ihnen nicht vorher weggenommen hat. Und die nicht einsehen wollen oder können, dass Sozialismus dann zu Ende geht, wenn das Geld alle ist.

Mr Corbyn MP betrieb seinen langen Marsch durch die Macht-Instanzen mit dem, was in „sozialen“ Medien derzeit angesagte linke Posterboys auf der Höhe des Zeitgeistes (Russell Brand, Owen Jones, etc.) aus Gründen körperlicher und/oder geistiger Trägheit scheuen: die Mühen der Ebene.

Bereits in den 70ern machte „Jez“ in seiner Funktion als Bezirksdelegierter all jenen Einwohnern seiner Einflusszone das Leben schwer, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten und nicht wählen gehen; mit jener unbeschreiblich infamen Tyrannei der guten Absichten, zu der nur die Diktatur des Proletariats Sozialdemokratie imstande ist.

Die 120 Tage von Haringey, oder: Wie man die Menschheit zu ihrem Glück zwingt, müssen eine kleine Ewigkeit gedauert haben; Janet Dailey veranschaulicht das in einem überaus lesenswerten Rückblick auf die quasi-sowjetische Ära ihres Wohnbezirkes.

Besonders brillant ist die darin enthaltene Enteignungs-Episode; pardon: die Überführung von Privatbesitz in Volkseigentum mit anschließender „sozial gerechter“ Umverteilung an besonders wertvolle Parteigenossen aus dem Bezirksamt; nicht, dass dergleichen nicht auch in Deutschland geschieht. Nepotismus? Nie und nimmermehr, liebe Sozialdemokraten.

Die bereits angedeuteten Mühen der Ebene wurden für Mr Corbyn 1983 nur unwesentlich anstrengender, dafür aber wesentlich lukrativer, denn seine Tätigkeit als MP im Palast zu Westminster wurde durchaus üppiger honoriert, als sein Mandat in der Bezirksverordnetenversammlung.

Allerdings gelang 1983 auch einer leidlich provinziellen Krämertochter, die in ihrer eigenen Partei keiner ernst nehmen wollte, ein kleiner Karrieresprung: Margaret Thatcher wurde Premierministerin.

Anschließend gelang Mrs T das unglaubliche Kunststück, die Briten vor sich selbst zu retten; überwiegend gegen deren Willen. Es wurde ihr bis heute nicht gedankt, das Vereinigte Königreich davor zu bewahrt zu haben, sich auf das Niveau von Venezuela, Zimbabwe oder Nord-Korea zurück zu entwickeln.

Stattdessen wurde aus Großbritannien – anders als von den Gewerkschaften geplant – die derzeit am schnellsten wachsende entwickelte Volkswirtschaft der Welt; und kein sozialistisches Arbeiter-Paradies, das möglichst viel Elend produziert, welches dann „sozial-gerecht“ umverteilt werden muss.

Mr Corbyn ertrug den offensichtlichen Beweis für die Überlegenheit der kapitalistischen Gesellschaftsform mit einer Mischung aus ostentativem Bejubeln seiner „politischen“ Ideale (vulgo: Leugnen der Wirklichkeit) und schlechter Laune; diese emotionale Gemengelage ist konstitutiv für viele nationale und internationale Sozialisten, die meisten Heiligen und alle wirklich Verrückten.

Für ein Mitglied in jeder namhaften britischen Gewerkschaft, und das ist „Jez“, versteht es sich von selbst, dass man deren „Solidarität“ gut gebrauchen kann, wenn man sieben Mal ins Unterhaus gewählt werden möchte; allein die Einnahmen aus dem Journalismus beim „Morning Star“ reichen dazu vermutlich nicht.

Die mehr als 30 Jahre seit 1983 – fast sein halbes Leben – verbrachte Jeremy Corbyn MP konsequent in politischer Kryostase. Er überwinterte im Palast zu Westminster in einem Kälteschlaf und einem Kokon aus revolutionärem Bartwuchs und Anzügen, die offenbar so aussehen sollten, als wären sie bei Cheap & Awful (dem britischen Brenninkmeyer) in der Altkleidersammlung gelandet.

(In Wahrheit ist Mr Corbyns Mode bestimmt aus öko-dramatisch produzierter Baumwolle, die unglaublich fair gehandelt wird, aber zur politischen Inszenierung der Marke „Jez“ kommen wir noch. Halten Sie also bitte noch etwas durch, liebe Leserinnen und Leser.)

Denn zunächst ist anzumerken, dass Kokon-Corbyn nicht der erste britische Politiker wäre, dem ein spektakuläres Comeback aus der politischen Kälte gelingt: Das hat ihm bereits kein geringerer als Winston Churchill vorgemacht.

Im Gegensatz zu „Jez“ hat Sir Winston Leonard Spencer-Churchill, KG, OM, OMG, etc., allerdings vor, während und nach seinem Dardanellen-Desaster (und als in den 30ern niemand mehr mit ihm reden wollte, weil Winny dauernd vor den Machenschaften der nationalen Sozialisten in Germany warnte) an die Verantwortung des Vereinigten Königreichs gegenüber der Geschichte und damit der gesamten Menschheit geglaubt.

So etwas Blödes würde Jeremy Corbyn MP und anderen internationalen Sozialisten natürlich niemals passieren, denn die fühlen sich nur für die Opfer ihrer „Politik“ verantwortlich; deshalb versuchen sie auch möglichst viele davon zu produzieren.

Ich kann mir Jeremy Corbyn MP weder in seiner damaligen noch in seiner heutigen Gestalt in Meisterwerken pro-britischer Propaganda wie „The League of Gentlemen“ oder „The Ladykillers“ vorstellen.

Und „Jez“ hätte auch keine ansatzweise glaubhafte dramaturgische Funktion in „The Cruel Sea“ oder „In Which We Serve“; nicht einmal als geläuterter Feigling im zuletzt genannten Werk wäre der MP für Islington-North (dem Berlin-Zehlendorf von London) zu gebrauchen gewesen.

Ebenso wenig kann ich mir vorstellen, dass Mr Corbyn Blakes Zeilen über „England’s green and pleasant land“, „these dark Satanic mills“ und „the Countenance Divine“ singen und glauben würde.

Vorstellen könnte ich ihn mir allerdings in „Passport to Pimlico“. Aber nicht etwa als autonomiewilligen Kleinbürger, der sich von der Zentralgewalt lossagen möchte, sondern als Paragraphenheini aus Whitehall, der ein paar aufmüpfigen Londonern die Petersilie verhagelt; my foot, Burgundy!

Mit einem Wort: Mr Corbyns internationaler Sozialismus ist in etwa so sozialrevolutionär und klassenkämpferisch wie ein EU-Diktat. Allerdings trifft Mr Corbyn als etablierte Autorität präzise den Nerv seiner Zielgruppe, den WählerInnen der britischen Sozialdemokratie, und er tut das viel präziser und prototypischer, als es seinen „gemäßigten“ Genossen gelingt.

Insofern sind die nun aus ihrem Kälteschlaf geweckte Schläferzelle „Jez“ und alles, wofür sie steht, geradezu mustergültig für den sozialrevolutionären Komplex der berühmt-berüchtigten linken Zusammenhänge und ihren Versuch, jene gesellschaftlichen Umstände zu produzieren, unter denen ihre „Politik“ endlich funktioniert.

Es würde in derartig uffjeklärten Milieus nur stören, auf die real existierende Wirklichkeit zu verweisen, denn man (und frau) ist „links“ ebenso perfekt gegen jede Empirie isoliert wie Mr Corbyn in seinem Kokon aus Fuselbart und Second-Hand- fair gehandelten Sakkos.

Es fällt seiner Wählerschaft deshalb auch gar nicht auf, dass sie dem Echo aus einer vergangenen Zeit lauschen, wenn sie „Jez‘“ Parolen von Enteignung und Umverteilung auf Twitter konsumieren; Wirklichkeit ist doch nur eine soziale Konvention, oder?

Abgerundet wird der „politische“ Cocktail, wie im internationalen Sozialismus üblich, mit einer gehörigen Portion „Israel-Kritik“ und frei flottierenden Sympathien für und Allianzen mit dem internationalen Terrorismus; bevorzugt der islamistischen Couleurweil der so echt, so anders, so authentisch ist?

Selbstverständlich hat Mr Corbyn bereits öffentlich klargestellt, kein Antisemit zu sein. Das musste auch mal gesagt werden.

Dieses „Politik“-Angebot hat in Haringey in den 70ern fast so gut funktioniert, wie auf der Farm der Tiere, wieso sollte es im Jahr 2015 nicht auf gesamtstaatlicher Ebene funktionieren – vielleicht in einer Koalition mit der SNP, dem nationalen Sozialismus aus Schottland?

Gerade das Unaufhaltsame am Aufstieg des Jeremy C sollte zu denken geben. Es kann nicht allein daran liegen, dass er wie ein aus dem Alltag vertrauter Typus zu wirken versteht; wie so ein scheinheiliger Post-Gewerkschaftler oder ein nerviger Sozialkundelehrer.

Selbstverständlich steckt großes Geld in Mr Corbyns Nominierung als „Außenseiter“: Ein Außenseiter mit paar Millionen Pfund aus Len „Umverteilung“ McCluskeys Gewerkschaftsschatulle im Rücken? Das wäre doch mal echte, authentische, linke Politik! 

Mit etwas Glück dürfte sie Labour als HM Government auf absehbare Zeit verhindern.

 

Gerrit Liskow bei haOlam.de (Auswahl):


Autor: joerg
Bild Quelle:


Samstag, 22 August 2015

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