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Sicherheitsexperte: Polizei reagierte zu langsam auf den Terroranschlag in Paris - das kostete zusätzliche Menschenleben

Sicherheitsexperte: Polizei reagierte zu langsam auf den Terroranschlag in Paris - das kostete zusätzliche Menschenleben


Es dauerte Freitagnacht 160 Minuten — beinahe drei Stunden — bis die französische Polizei das Le Bataclan Theater in Paris betrat, wobei die Terroristen bereit lange zuvor begonnen hatten, die Konzertbesucher im Saal abzuschlachten.

Sicherheitsexperte: Polizei reagierte zu langsam auf den Terroranschlag in Paris - das kostete zusätzliche Menschenleben

von Times of Israel

Es verging einfach zu viel Zeit, stellt Avi Kapon fest, der frühere Leiter der IDF Terrorabwehr Akademie. Er erklärt, dass der Schlüssel zur Terrorabwehr in einer raschen, entschlossenen Reaktion besteht — was bei dem Bataclan Massaker nicht der Fall war.

Unmittelbar nach halb zehn Uhr Freitagnacht, verließen drei Terroristen ihren Wagen und betraten das Theater. Sie waren mit automatischen Gewahren und Sprengstoffwesten bewaffnet. Mitten im Getöse der Musik eröffnete das Trio das Feuer auf die Konzertbesucher. Während einige von der Menschenmenge dem Blutbad durch Fenster, (Anm. Notausgang) und einen Dachausgang entkamen, wurden andere durch die Kalaschnikows der Angreifer niedergemäht. Einige Leute versteckten sich auch unter den Erschossenen.

Um 12.20 Uhr, zwei Stunden und 40 Minuten später, betrat die französische Polizei schließlich das Gebäude. Daraufhin sprengten sich zwei der Terroristen mit ihren Sprengstoffwesten in die Luft; die Polizeioffiziere erschossen und töten den dritten Terroriten. 98 Menschen starben im Theater und Dutzende weitere wurden schwer verwundet.

Eine gründliche Untersuchung des Vorfalls ist entweder noch nicht geschehen, oder wurde noch nicht veröffentlicht. Aber die Videos vom Ort des Geschehens und die Tatsache, dass zwei Stunden und 40 Minuten vergangen sind, sind Hinweise auf eine verzögerte und schlecht koordinierte Reaktion der Polizei.

“Der Punkt auf den es ankommt, ist unmittelbar zu reagieren,” teilt Kapon der Times of Israel am Montag mit.

Auf den Videos vom Ort des Geschehens sieht man Polizisten in voller Kampfmontur außerhalb des Gebäudes, während im Gebäude gerade Menschen getötet werden, sagt Kapon, der eine private Sicherheitsfirma — Kapon Defense — leitet.

“Das steht im Gegensatz zum israelischen Konzept der Sicherheit und Verteidigung. Das israelische Konzept folgt dem Grundsatz: Wenn unschuldige Menschen getötet werden, dann muss man sich als Soldat selbst der Gefahr in den Weg stellen. Man darf sich nicht verstecken,” berichtet er.

Bei seiner Kritik an der Reaktion in Frankreich nimmt er auch Bezug auf die Terrorangriffe in Mumbai im Jahr 2008 und im Westgate Einkaufszentrum in Nairobi im Jahr 2013. In beiden Fällen, sagt er, hatten schlecht ausgebildete Kräfte zur Verwirrung und zum Chaos des Angriffs beigetragen.

SWAT Teams, die an dem Ort des Geschehens eintreffen, müssen als erstes die Situation exakt bewerten, um dann die angemessene Reaktion durchzuführen, erklärt er. “Jede Sekunde, in der die Zivilisten allein, ohne den Rettungsteams, dem Angriff der Terroristen ausgesetzt sind, hat zusätzliche Tote als Ergebnis”, schrieb Kapon für die Israel Defense Webseite damals nach dem Westgate Anschlag.

Nach dem Bataclan Blutbad haben einige gefragt, ob die verzögerte Reaktion der Polizei darauf zurückzuführen war, dass sie das Massaker im Theater für eine Geiselnahme hielt. Kapon lehnt diese Erklärung nicht nur ab, sondern sagt, es wäre sogar noch schlimmer, wenn das der Fall war, wenn “(Terroristen) bereits beinahe ein hundert Menschen getötet haben, und (die Polizei) noch immer denkt, das ist eine Geiselnahme.”

Obwohl es immer leicht ist im Nachhinein eine Situation zu beurteilen, verdeutlichen die Zeugenaussagen selbst dem nicht geschulten Beobachter, dass der Angriff auf das Bataclan Theater keine Geiselnahme, sondern ein Massenmord war. “Das war schmachvoll”, sagt Kapon, der die Terrorabwehr-Schule der IDF sechs Jahre lang geleitet hat.

Der Experte für Terrorabwehr gibt zu, dass seit dem Anschlag erst kurze Zeit vergangen ist und bedauert, kritisch zu klingen, aber er bleibt bei seiner Bewertung. “Wenn jemand in einer Einsatzorganisation denkt, dass es sich immer noch um eine Geiselnahme handelt, wenn 100 Menschen getötet werden, dann sollte er sich nach einem anderen Beruf umschauen. Ich weiß nicht was, aber etwas wie Pullover stricken, oder so,” sagt Kapon.

Die israelischen Rettungsteams, die zu den besten der Welt gehören, handeln strikt nach dem Grundsatz der schnellstmöglichen Reaktion. Nachdem sie am Ort des Geschehens eintreffen, setzen die Truppen sehr starke Kräfte und blitzschnelles Handeln ein, um die Situation so schnell wie möglich zu beenden. Denn, je länger die Angreifer mit den Zivilisten allein sind, desto mehr Tote werden das Resultat sein, erklärt Kapon.

Eines der vielleicht besten Beispiele ist die Entführung und Geiselnahme des Sabena Flugzeugs im Jahr 1972, bei dem die palästinensischen Terroristen ein Flugzeug entführten, in dem israelische Passagiere waren. Ein Elite Sayeret Matkal Team, zu dem der heutige Premierminister Benjamin Netanyahu gehörte, brachte das Flugzeug in weniger als 60 Sekunden unter seine Kontrolle.

Auch, wenn sich seit 1972 einige Taktiken geändert haben, sind die Grundzüge dieselben geblieben. Die israelischen Streitkräfte rücken vorsichtig aber schnell zum Ort des Geschehens vor, “wie eine Wand, von lange zurückgehaltenem Wasser”, wie Mitch Ginsburg Anfang dieses Jahres in der Times of Israel formulierte.

Obgleich die taktische Vorgehensweise Israels als eine der fortschrittlichsten in der Welt betrachtet wird, haben auch die israelischen Rettungsteams ihren Teil an Misserfolgen zu verzeichnen. Dabei denkt man vor allem an den misslungenen Rettungsversuch des entführten Sergeanten Nachshon Wachsman im Jahr 1994. Wachsman wurde von seinen Hamasentführern ermordet, als das Sayaret Matkal Team Schwierigkeiten hatte, das Gebäude zu betreten, weil der Sprengstoff nicht stark genug war, um die Stahltür aufzusprengen.

Auch im Januar wurden die französischen Sicherheitskräfte für ihre Rolle bei dem Angriff auf den Hyper Cacher Markt in Paris kritisiert, bei dem vier französische Juden getötet wurden. Es war ein unbeholfener Versuch in den koscheren Supermarkt hineinzustürzen. Mehrere Menschen, einschließlich zweier Polizeioffiziere wurden bei der Rettungsoperation verwundet.

“Das war eine Schande,” sagt Kapon.

Während Netanyahu versprochen hat, der französischen Regierung so viel geheimdienstliche Unterstützung, wie Israel möglich ist, zu geben, könnte auch eine vermehrte Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Ausbildung und Vorgehensweisen beim Einsatz von Vorteil sein.

 

Übersetzt von Renate für Aro1.com - Foto: Vor dem Batalclan in der Naxcht des Massakers (Foto: von Annie HARADA VIOT from Paris, France (20151114-bataclan-paris-98) [Public domain], via Wikimedia Commons)

 

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Autor: joerg
Bild Quelle:


Montag, 23 November 2015

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