Die tanzenden Forscher von Tel Aviv und Freiburg

Die tanzenden Forscher von Tel Aviv und Freiburg


Das deutsch-israelische Projekt „Störung“ vereint Wissenschaft und Tanz. Ziel ist die weitere Erforschung der Parkinson-Krankheit.

Die tanzenden Forscher von Tel Aviv und Freiburg

Fußspitze links, Fußspitze rechts, Armkreisen links, Armkreisen rechts, einen Schritt vor, einen zurück. Die Choreografin Shuli Enosh blickt wachsam in die Runde, eine bunte Mischung aus 15 Tänzern, Wissenschaftlern und Parkinson-Patienten. Shuli lächelt und zählt ein: „Eins, zwei, drei“, dann wiederholt sie die moderne Variation des israelischen Volkstanzes. Als Rita Arditi kurz das Gleichgewicht verliert, gleicht sie es gekonnt mit ein paar Trippelschritten aus. Woanders wäre so etwas peinlich. Im wissenschaftlichen Tanzprojekt „Störung“ sind ein paar Ungenauigkeiten nicht der Rede wert. 

Seit acht Monaten treffen sich in Tel Aviv und in Freiburg Choreografen, Wissenschaftler angesehener Forschungsinstitute sowie Parkinson-Patienten in allen Krankheitsstadien zu wissenschaftlich umrahmten Tanzstunden. „Während dieser kostbaren Minuten, wenn ich tanze, fühle ich mein altes Leben wieder“, sagt Danny Neumann strahlend. Die rechte Hand des 67-Jährigen zuckt dabei unaufhörlich – eine der unangenehmen Nebenwirkungen von Parkinson. Als er bemerkt, dass ihm jemand auf die Hand blickt, nimmt er den Takt der Musik auf und klopft ihn auf den Oberschenkel. „Das Zucken sehen Sie. Was Sie nicht sehen, ist, wie sehr die Krankheit emotional schlaucht“, erklärt der als Psychologe arbeitende Neumann. Er nennt Parkinson eine gemeine Krankheit: Die motorische Koordinationsfähigkeit wird beeinträchtigt, die Muskeln folgen nicht mehr den Anweisungen des Gehirns, Schwindel kommt hinzu, manchmal versteifen die Muskeln und man steht wie erstarrt da. Oder man zuckt. Doch an diesem Montag sprechen die strahlenden Augen von etwas anderem: von Lebensfreude, Bewegungsfreude und der Gewissheit, sich nicht schämen zu müssen.

„Tanzen ist für die Gehirne von Parkinsonpatienten wie ein Upgrade von Economy auf Erste Klasse“, erklärt Tal Shafir von der Universität in Haifa. „Tanz stimuliert das Gehirn für den Alltag, es werden Erinnerungsvermögen, die visuelle Wahrnehmung, und motorische Fähigkeiten geübt“, so die Expertin für Bewegung und Emotionen im Gehirn. Wissenschaftlich gesprochen wird durch den Tanz der Neurotransmitter Dopamin ausgeschüttet, dessen Fehlen bei Parkinson-Patienten die Abnahme der motorischen Fähigkeiten verursacht.

Shafir ist auch die wissenschaftliche Ansprechpartnerin für Nimrod Levin und Dorit Guy-Jelinek in dem einjährigen interdisziplinären Tanzprojekt. Die beiden Studierenden untersuchen menschliche Bewegung und erfragen in Interviews mit den Parkinsonpatienten, was es bedeutet, die Kontrolle darüber zu verlieren. Insgesamt besteht das israelisch-deutsche Großprojekt aus fünf wissenschaftlichen Kernprojekten. „Wir arbeiten mit drei Berufsgruppen zusammen, Doktoranden, Parkinsonpatienten und Künstlern“, erklärt Nimrod, der selber Doktorand an der Hebräischen Universität in Jerusalem ist. Zudem sind im Laufe des Jahres drei weitere künstlerische und philosophische Projekte entstanden.

Als Nebeneffekt dieses Projekts haben die jungen Teilnehmer auch noch etwas ganz anderes gelernt: Kooperation und die Feinheiten bilateraler Zusammenarbeit. „Von der unterschiedlichen Mentalität mal ganz abgesehen ist es auch so, dass in Freiburg die Tänzer aus dem ganzen Land kommen und die Wissenschaftler fast alle an einem Ort sind, und in Israel ist es genau anders herum“, sagt Levin, der zusätzlich zu seiner Forschung auch in der Tel Aviver Gruppe mittanzt. Beim ersten Teil des Abschlusskongresses in Tel Aviv Anfang Dezember hielt er einen Vortrag zum Thema „Bedeutung von Forschung in Tanz, Therapie und Wissenschaft“.

Bis zum Kongress beherbergte er die Freiburger Psychologin und Tänzerin Lisa Klingelhöfer. Sie integriert die emotionalen Eindrücke aus den Tanzstunden in ihre wissenschaftliche Arbeit. „Die emotionale Belastung durch die Krankheit ist enorm“, erklärt Lisa. Tal Shafir ergänzt: „Tanzen verbessert die Laune und lindert Depressionen.“ Für viele Parkinsonpatienten sei die Tanzstunde ein wöchentlicher Höhepunkt, weil sie unter Gleichgesinnten sind und Körperkontakt entsteht, der sonst oft vermisst wird. Klingelhöfer wird Mitte Dezember beim zweiten Teil der Abschlusskonferenz in Freiburg über ihre Forschung sprechen.

„Es wäre viel leichter, sich hinzusetzen und in Selbstmitleid zu versinken, aber sobald man es schafft, sich zu bewegen, geht es einem besser“, sagt Danny Neumann bestimmt. In den acht Monaten, die das Projekt bereits läuft, sind nur drei Teilnehmer ausgestiegen, aus privaten Gründen. Für ihn selber passt sein Lieblingsgedicht von Dylan Thomas besonders gut zu seiner Einstellung zum Tanzen: „Do not go gentle into that good night“, zitiert der 67-Jährige, während er langsam die Steppweste überzieht und sich vorsichtig allein auf den eineinhalbstündigen Heimweg macht.

Störung/ הפרעה ist ein gemeinsames Projekt des Theaters Freiburg und des Exzellenzclusters BrainLinks-BrainTools der Universität Freiburg auf deutscher Seite sowie auf israelischer Seite der Yasmeen Godder Company, der Universität Ben-Gurion, dem Technion, der Universität von Haifa, dem Weizmann-Institut der Wissenschaften, der Universität Bar-Ilan sowie der Hebräischen Universität.

Das Projekt wird finanziert von der Kulturstiftung des Bundes, der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum und der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

 

Jennifer Bligh, Bilaterale Website zu 50 Jahren Beziehungen zwischen Israel und Deutschland


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Sonntag, 20 Dezember 2015

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