Eine europäische Renaissance des klassischen Antisemitismus

Eine europäische Renaissance des klassischen Antisemitismus


Eine europäische Renaissance des klassischen Antisemitismus

Mark Weitzman, Times of Israel, 5.08.2012

Die Debatte läuft noch, wie diese Entwicklung einzuschätzen und zu definieren ist. Handelt es sich lediglich um ein Wiedererwachen des alten Antisemitismus, der Europa im Verlauf seiner Geschichte begleitet hat, und der im Holocaust gipfelte? Oder ist das etwas anderes, da das Feindbild dieser neueren Version insbesondere der Staat Israel und der Zionismus ist, ein Antisemitismus also, der mit den traditionellen Sichtweisen des Judenhasses gebrochen hat?

Eine Zeitlang herrschte Übereinstimmung, dass der traditionelle Antisemitismus im europäischen Alltag erledigt sei: als Folge des Holocaust völlig diskreditiert; wobei jedoch eine Verwandlung in einer neue politische Gestalt aufgrund der Existenz des Staates Israel stattgefunden hatte. Der Antisemitismus des 21. Jahrhunderts war im wesentlichen ein politisches Phänomen, wobei die primitiveren Formen vorwiegend von den wenigen Neo-Nazis und ihren Sympathisanten, die im Westen übrig waren, vertreten wurden, oder in der islamischen Welt, wo sie Wurzeln geschlagen hatten und blühten und gediehen.

Jedoch aufgrund jüngster Ereignisse in Europa gelangt man unvermeidlich zu dem Schluss, dass der traditionelle Antisemitismus wieder einmal sein hässliches Haupt hebt. Der Grund ist, dass in Europa zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg zentrale Aspekte des jüdischen religiösen Lebens angegriffen werden – und zwar in Westeuropa selbst. Zum Beispiel wurde Brit Milah, die Beschneidung, eines der wichtigsten Kennzeichen jüdischer Identität, das sich auf die Anfänge des Judentums zurückführen lässt, mittels einer Gerichtsentscheidung in Köln im vergangenen Monat verboten. Auch wenn dies eine regionale Entscheidung war, waren die Nachwirkungen nationaler Art. Berlins jüdisches Krankenhaus, das seit 250 Jahren Beschneidungen durchgeführt hatte, kündigte unverzüglich an, dass es diese nicht länger gestatten würde, diese Entscheidung wurde von zwei Schweizer Krankenhäusern übernommen. Dieselben Forderungen sind auch in Norwegen, Schweden und Finnland zu beobachten. So erklärte z.B. ein Sprecher der norwegischen Zentrumspartei, dass “Beschneidung aus religiösen Gründen als kriminelles Vergehen geahndet werden sollte.“

Zudem sind noch weitere Aspekte der jüdischen Glaubensbefolgung Angriffen ausgesetzt. In den Niederlanden, England und Frankreich gerät Schechita, das rituelle Schlachten, das Fleisch koscher macht, zunehmend unter Kritik. In Frankreich, zum Beispiel, forderte im Frühjahr der Minister Francois Fillon der damaligen Mitte-Rechts-Regierung unter Nicholas Sarkozy Juden und Muslime dazu auf, ihre traditionellen Schlachtmethoden aufzugeben. Weiter östlich hat sich der Generalstaatsanwalt Polens dem Chorus angeschlossen, als er im Juni sagte, dass Schechita nicht verfassungsmäßig sei. Und er sagte dies, obwohl der polnische Präsident Bronislaw Komorowski im Jahr 2011 ein geplantes niederländisches Gesetz gegen Schechita kritisiert hatte, da dieses (nicht ausgeführte) Vorhaben zu “einer Krise der Toleranz“ in Europa geführt hatte. Zusätzlich zu den Angriffen gegen Schechita gibt es die in Europa bereits vorhandenen Verbote, zum Beispiel in Norwegen, Schweden, Luxemburg und der Schweiz, wovon einige bis in die 1930er Jahre zurückreichen,

Ervin Kohn, der Präsident der norwegischen jüdischen Gemeinschaft bezeichnet diese Glaubensvorschriften als existenziell, als Kern dessen, wie Juden sich definieren. Der individuelle Mensch mag ein unterschiedliches Ausmaß an Gehorsam haben oder sogar gar keinen Glaubensgehorsam ausüben, aber für Juden als einer Gemeinschaft ist dies ein grundlegender Faktor der Identitätsbildung.

Auch sind sie nicht auf die jüdische Gemeinschaft begrenzt. Diese Gesetze zielen auch, offen oder verdeckt, auf die muslimischen Gemeinschaften in Europa ab. Einige der Verbotsvorschläge stammen, wie in Frankreich, von Parteien, die die Anti-Immigrationsbewegung (was sich auf die muslimische Einwanderung bezieht) vertreten, während andere (wie der niederländische Anti-Schechita Gesetzesplan oder der norwegische und schwedische Aufruf gegen Beschneidung) mit medizinischen oder Tierschutz Besorgnissen begründet wird – oder wenigstens wird das gesagt. In Norwegen teilte mir ein Politiker im vergangenen Jahr vertraulich mit, dass das Beschneidungsverbot an die Muslime gerichtet sei, und dass Juden unglücklicherweise auch davon betroffen seien.

Tatsächlich würden die meisten Vertreter dieser Verbote die Beschuldigung des Antisemitismus weit von sich weisen und sagen, dass ihre Forderungen humaner und moderner sind. Aber Antisemitismus kann nicht durch idealistische Beweggründe gerechtfertigt werden. Während Europa immer säkularer wird, und sich von seinem traditionellen religiösen Hintergrund immer weiter entfernt, wächst die Möglichkeit, dass jegliche kennzeichnenden religiösen Gebote als extremistisch oder fundamentalistisch angegriffen werden. Diese neuen Aktionen greifen die Grundlagen der jüdischen religiösen Identität an und gehen insofern über die Anti-israelische Einstellung hinaus. Unabhängig davon, wie sie gerechtfertigt werden, sind solche Angriffe antisemitisch und zeigen, dass der klassische Antisemitismus in Europa immer noch lebendig ist und mittlerweile im politischen Alltag besteht.

 

Übersetzung: Renate für unseren Partnerblog Aro1.com - Originalartikel

 

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Autor: haolam.de
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Dienstag, 07 August 2012

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