Die Al-Jazeera-Methode: Im Ausland liberal, zu Hause regierungstreu

Die Al-Jazeera-Methode: Im Ausland liberal, zu Hause regierungstreu


In dem Maße, wie die Konzentration der Medien in den demokratischen Ländern voranschreitet, wird das dadurch entstehende Vakuum durch regierungstreue oder staatliche Medien aus weniger demokratischen Ländern gefüllt.

Von Seth J. Frantzman, The Jerusalem Post

Al-Jazeera ist nur ein Beispiel dafür. Im Nahen Osten konkurrieren arabischsprachige Nachrichtenwebseiten mit Medienunternehmen, die mit verschiedenen undemokratischen Staaten affiliiert sind. Englischsprachige Webseiten richten sich dagegen in erster Linie an ein westliches Publikum. Das Modell von Al-Jazeera ist durchaus zweckdienlich. Außerhalb Katars präsentiert der Sender sich als kritisch, in Katar selbst folgt der Sender der Regierungslinie. (…)

Die Verfahrensweise ist leicht zu durchschauen. Im Ausland berichtet man über Einwanderer, Korruption und die Menschenrechte, zu Hause spricht man diese Themen aber nicht an. Über Migranten in Katar oder Flüchtlinge, die verzweifelt versuchen, dorthin zu kommen, gibt es keine Berichte. Und schon gar keine Artikel über Verstöße gegen die Menschenrechte. Im Ausland liberal, zu Hause rechts, das ist die Al-Jazeera-Methode. (…) Der türkische Sender TRT verfährt ähnlich: ‚im Ausland links, zu Hause nationalistisch‘. In der Türkei ist er regierungstreu, über andere Länder verbreitet er kritische Berichte. (…) Ergebener können Staatsmedien kaum sein. Die Politik der Regierung und nationalistische Bestrebungen werden wieder und wieder und wieder gelobt. Gegner in oder jenseits der Region werden wieder und wieder und wieder kritisiert. Der Sender ist keineswegs das einzige Medienunternehmen in der Türkei, das so verfährt und die Regierung preist, beim Ausland aber mit Kritik um sich wirft. (…)

Diktatoren und Nationalisten, die einst durch die kritischere Berichterstattung in den Demokratien unter Druck gerieten, kommt nun ihre Fähigkeit zugute, die Medien vor Ort zu dominieren, kritische Stimmen mundtot zu machen und ihre eigene Darstellungsweise auch ins Ausland zu exportieren. Dem iranischen Regime etwa kommt es zugute, dass seine Schilderungen unter anderem in der Türkei, Russland und Katar recycelt und dann von den westlichen Medien übernommen wird, ohne dass Vertreter des iranischen Regimes jemals kritisch befragt werden könnten. Zu allem Überfluss werden Vertreter des Regimes häufig auch noch eingeladen, Gastkommentare in den Medien der demokratischen Länder zu veröffentlichten, etwas, was sie in ihren eigenen Medien niemals zulassen würden. So können der Emir von Katar und seine Vertreter in Amerika Gastkommentare veröffentlichen, US-amerikanische Regierungsvertreter dagegen haben keinen derartigen Zugang zu Al-Jazeera. Türkische Regierungsvertreter kommen in der Washington Post zu Wort, US-amerikanische Regierungsvertreter auf der Webseite von Daily Sabah jedoch nicht. Das ist bequem, denn so bekommt man in diesen Länder praktischerweise nie eine kritische Meinung zu lesen oder zu hören. (…)

Wenn die Demokratien keine Anstrengungen gegen diese Entwicklungen unternehmen, beispielsweise, indem sie Mittel bereitstellen, um Berichte demokratischer Medien in ausländische Sprachen übersetzen oder diese mit problematischen Nachrichtenwebseiten konkurrieren zu lassen, wird die Aushöhlung der Demokratie weiter voranschreiten, und totalitäre Regime werden weiterhin florieren und den Informationskrieg gewinnen.


Autor: MENA Watch
Bild Quelle:


Montag, 12 November 2018