Raw Frand zu Parschat Wajeze: Ein beispielloses Dankeschön

Raw Frand zu Parschat Wajeze:

Ein beispielloses Dankeschön


An diesem Shabbat lesen wir die Parascha Wajeze: aus der Torah. Raw Frand erläutert Aspekte dieser Parascha und ihrer Bedeutung. Heute leswen Sie den ersten Kommentar zur Parascha.

Als Leah ihren vierten Sohn gebar und benannte, heisst es im Vers: „Und sie wurde ein weiteres Mal schwanger und sie gebar einen Sohn und sie sagte: ‚Dieses Mal werde ich G-tt danken‘. Daher gab sie ihm den Namen Jehuda…“ [Bereschit 29:35]. Der Talmud [Kidduschin 7b] lehrt, dass Leah der erste Mensch der Weltgeschichte war, der dem Allmächtigen gedankt hat.

Dies ist sehr verwunderlich. Wie kann das sein? Noach stieg nach dem Mabul (Sintflut) aus der Arche aus und brachte Opfer dar. Waren dies etwa keine Dankesopfer? Als unser Stammvater Awraham „seine Hände zum allmächtigen G-tt erhob“ - nach dem Sieg in der Schlacht zwischen den vier Königen und den fünf Königen - war das keine Danksagung? Was meint der Talmud im Traktat „Kidduschin“, wenn es dort heisst, dass von dem Tage an, als G-tt die Welt erschuf, es keinen Menschen gegeben hat, der dem Allmächtigen gegenüber Dank ausgedrückt hat, bis Leah dies nach der Geburt ihres vierten Sohnes getan hat? Es ist unbegreiflich, dass keiner unserer Stammväter dem Allmächtigen jemals gedankt hat!

Der Maschgiach (spirituelle Aufseher) der „Mirer“-Jeschiwa (einer der weltgrössten Talmudschulen), Rabbi Jerucham Lebovitz, analysiert in diesem Zusammenhang ein typisches, menschliches Verhaltensmuster. Wenn Re‘uwen dem Schimon einen grossen Gefallen tut und dann Schimon zu Re‘uwen sagt: „Ich kann dir gar nicht genug danken“, und sehr überschwänglich bei seiner Danksagung ist, dann mag Re‘uwen antworten: „Keine Ursache (nichts zu danken).“

Wir betrachten diese Konversation und hegen den oberflächlichen Gedanken, Re‘uwen sei ein netter Kerl und Schimon ebenso. Schimon hat Re‘uwen reichlich gedankt und Re‘uwen sagte ihm daraufhin: „Keine Ursache.“

Raw Lebovitz lehrt, dass hier sowohl Re‘uwen als auch Schimon eine versteckte Absicht hegen. Schimon möchte Re‘uwen nichts schuldig bleiben. Aus diesem Grund dankt er ihm übermässig. Er mag ihm vor Schabbat einen Blumenstrauss schicken und einen Korb voller Süssigkeiten schenken. Warum? Er möchte sich von der Verpflichtung lösen, Re‘uwen etwas schuldig zu sein. Auf der anderen Seite mag Re‘uwens Einstellung sein: „Dieser Kerl schuldet mir noch einen riesigen Gefallen!“ Also sagt er zu Schimon: „Keine Ursache. Sage kein weiteres Wort!“ - Warum? Re‘uwen möchte vermeiden, dass Schimon seine Schuld ausgleicht bzw. „zurückzahlt“, indem er den Gefallen verbal anerkennt. Re‘uwen möchte erreichen, dass sich Schimon jedes Mal daran erinnert, wenn er ihn sieht… Die „versteckte Dynamik“ besteht also darin, dass Menschen, die bei anderen in der Schuld stehen, sich nicht als Schuldner fühlen wollen - aber jene, die ihren Mitmenschen Gefallen getan haben, ihre guten Taten für immer in deren Erinnerung „eingRawiert“ lassen möchten. Sie wollen über diejenigen Menschen, denen sie geholfen haben, gewissermassen die Kontrolle bewahren. Dies ist ein sehr häufiger Vorgang in menschlichen Beziehungen.

Sicherlich hat Noach seinen Dank ausgedrückt - und genauso auch Awraham und unsere anderen Stammväter. Sie alle haben sich dankbar gezeigt. Doch als Leah kam und sagte: "Dieses Mal werde ich G-tt danken…“ und ihrem Sohn den Namen Jehuda gab, ist etwas bis dahin beispielloses passiert. Durch diese Namensgebung, die ihr Bedürfnis zur Danksagung an G-tt verkörpert, hat sie zum Ausdruck gebracht, dass sie dieses Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Allmächtigen nie mehr von sich streifen wollte. Jedes Mal, wenn sie ihren Sohn beim Namen rufen würde, hätte dies zur Folge, dass es ihr ihre Dankbarkeit - gegenüber dem Schöpfer der Welt, für dieses zusätzliche Kind - in Erinnerung rufen würde.

Leahs Dankeschön war kein einmaliger Ausdruck des Dankes. Es war der erste fortlaufende, konstante Ausdruck des Dankes gegenüber G-tt in der Menschheitsgeschichte.

Eine Lektion des grossen Rabbi Schlomo Salman Auerbach sz“l

„Und der Ewige sprach zu Ja’akow: Kehre zurück in das Land deiner Väter und zu deiner Familie und ich werde mit dir sein. Da sandte Ja’akow hin und liess rufen Rachel und Leah aufs Feld zu seinen Schafen; und er sprach zu ihnen: Ich sehe das Gesicht eures Vaters, dass es gegen mich ist wie gestern und vorgestern; aber der G-tt meines Vaters war mit mir. Und ihr wisst, dass ich mit meiner ganzen Kraft eurem Vater gedient habe. Aber euer Vater hat mich getäuscht und meinen Lohn zehnmalzehnmal geändert; doch G-tt hat ihm nicht gestattet, mir Schlechtes anzutun.“ [Bereschit 31:3-7]

Rabbi Schlomo Salman Auerbach, s.A. (Jerusalem, 1910-1995, einer der führenden halachischen Autoritäten des 20. Jahrhunderts) sprach einmal mit einem Bräutigam und fragte den jungen Mann: „Wenn du eine Bat Kol (Himmlische Stimme) hören würdest, die dir die Anweisung geben würde, zu deiner Familie zurückzukehren, was würdest du machen?“

Der junge Mann antwortete: „Natürlich würde ich mich beeilen, den Willen G-ttes zu erfüllen!“

Rabbi Auerbach antwortete: „Dies ist nicht der Weg der Thora! Die ‚Erwartung' der Thora wäre, dass du mit deiner Frau sprichst und sie überzeugst, dass euer gegenwärtiger Aufenthaltsort nicht gut ist und der neue besser wäre."

"Woher weiss ich das?“, fuhr er fort. „Aus unseren Versen! Nachdem Ja’akow von G-tt die Anweisung erhielt, 'Kehre zurück in das Land deiner Väter und zu deiner Familie, rief er (Ja’akow) Rachel und Leah zu sich und erklärte ihnen: 'Euer Vater hat mich getäuscht, er hat meinen Lohn geändert - und ein Engel hat gesagt, wir sollten nach Hause gehen'. Dies lehrt uns die Wichtigkeit davon, eine zusätzliche Anstrengung zu unternehmen, das Wort G-ttes (nach aussen hin) verständlich zu machen - gegenüber unseren Familienangehörigen und all jenen, die wir beeinflussen wollen.“ [Minchat Awot, Seite 163]

 

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Autor: Raw Frand
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Freitag, 16 November 2018