Willkommen in der rechten Ecke

Willkommen in der rechten Ecke


Ein offener Brief an Jan Josef Liefers

Willkommen in der rechten Ecke

Lieber Jan Josef Liefers,

man muss Ihnen und ihren Kollegen doppelt dankbar sein. Einmal für die tolle Aktion, mit der Sie sich kritisch zur Politik dieser Regierung zu Wort gemeldet haben. Zweitens dafür, dass Ihre Aktion für alle sichtbar gemacht hat, wie weit die geistige Verwahrlosung derjenigen, die sich zu den Eliten und Meinungsmachern dieses Landes zählen, bereits gediehen ist. Man muss nur ihre Kommentare lesen, um sich keine Illusionen mehr zu machen, wie es um die Meinungsfreiheit bestellt ist. Ja, jeder kann seine Meinung sagen, aber er muss dafür in Kauf nehmen, mit Hass und Hetze überzogen und in die rechte Ecke gestellt zu werden.

Das hat Sie erschreckt, das ist normal, das ging uns allen so, als uns dieses Schicksal erstmals ereilte. Sie haben sich umgehend distanziert und aufgezählt, wem sie alles nicht nahe stehen: Querdenken, Aluhüten, AFD und tutti quanti. Das wird Ihnen nicht helfen, denn es geht nicht darum, was Sie denken und fühlen, sondern nur darum, dass Sie mit aller Härte bestraft werden müssen für das Sakrileg, diese Regierung kritisiert zu haben.

Willkommen in der rechten Ecke! Schauen Sie sich um, sie sind in guter Gesellschaft. Ein paar Kostproben?

Da ist ihr Schauspieler-Kollege Uwe Steimle, langjähriger PDS-Unterstützer, Freund von Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer, der meinte, die Fehler der Regierung mit den Mitteln der Satire aufspießen zu dürfen. Er hatte die Herzen und Lacher der Zuschauer auf seiner Seite, aber die Intendantin des MDR war not amused und so verlor Steimle nicht nur seine Sendung, sondern wurde aus der Gemeinschaft der Toleranten und Weltoffenen ausgestoßen und zum Schmuddelkind erklärt.

Katharina Witt, einst enthusiastisch als „das schönste Gesicht des Sozialismus“ gefeiert, die mit ihrer „Carmen“ die ganze Welt bezauberte, muss sich, nachdem sie sich in einem Post wegen der aktuellen politischen Lage an die DDR erinnert fühlte, gefallen lassen, dass man ihr „Privilegien“ vorhält, die sie in der DDR gehabt hätte. Als wären die nicht allein ihren überragenden Leistungen zu verdanken gewesen.

Nena, deren Lied von den 99 Luftballons eine ganze Generation von Jugendlichen in der DDR begeisterte. In der Klasse meines Sohnes Philipp an der Berliner Ossietzky-Schule schrieben die Schüler eifrig, während vorn ein NVA-Offizier für den Dienst in der Nationalen Volksarmee warb. Der Mann war begeistert, aber die Schüler hatten den Text von 99 Luftballons abgeschrieben, der durch die Bankreihen gereicht wurde. Heute wird Nena zu den rechten Schmuddelkindern gezählt, weil sie die Regierung kritisiert.

Sahra Wagenknecht, einst Mitglied der Kommunistischen Plattform, heute für Viele eine seltene Stimme der Vernunft in der Politik, die kürzlich auf das merkwürdige Verschwinden von 6000 Intensivbetten aus der Statistik hingewiesen hat und damit das Argument der Politik, man müsste die Zwangsmaßnahmen für die ganze Bevölkerung verhängen um eine Intensivbettenkrise zu verhindern, als heuchlerisch entlarvte, wird ebenfalls in die rechte Ecke gestellt.

Da steht sie neben Julian Reichel, Chefredakteur der „Bild“, bekannt geworden durch seine Refugee-Welcome-Kampagne von 2016, inzwischen Merkel-Kritiker, der nun als Sexist endlich seine rechte „Fresse“ halten soll.

Oder Hans-Georg Maaßen, der sich weigerte, die Kanzlerin-Behauptung, in Chemnitz hätte es 2018 am Rande eines Trauermarsches für einen ermordeten Deutsch-Kubaner „Hertzjagden“ auf Ausländer gegeben zu stützen, weil er, wie MP Michael Kretschmer, die Sächsische Staatsanwaltschaft und örtliche Journalisten an der Wahrheit festhielt, dass es diese Hetzjagden nicht gegeben hat. Das hat ihn nicht nur sein Amt gekostet, sondern er wurde regelrecht zu rechten Gottseibeiuns stilisiert.

Ein Argument gegen ihre Aktion war, dass HGM sie begrüßt hätte. Eine ganze Stadt wurde damals durch die Kanzlerin vor den Augen der Weltöffentlichkeit als braunes Nest stigmatisiert. Sie hat sich dafür nie entschuldigt. Im Gegenteil. Bis heute wird von ihren willigen Helfern die Hetzjagd-Legende aufrecht erhalten, die auf einem von der Antifa Zeckenbiss gestohlenen und manipulierten Videoschnipsel beruht.

Chemnitz ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie man die rechte Stigmatisierung abschüttelt. In der Stadt wurden immer wieder erfolgreich die staatlichen Zwangsmaßnahmen gegen den Kulturbetrieb umgangen, z.B. indem man eine Ballettgruppe, die in Wohngemeinschaft lebt, zu einem Hausstand erklärte und auftreten lassen konnte.

Mit vielen kreativen Ideen und einer wirklich eindrucksvollen Unterstützung der Stadtbürgerschaft ist es Chemnitz gelungen, sich gegen Nürnberg als künftige Kulturhauptstadt Europas durchzusetzen. Erstaunlich, was die rechte Ecke so hervorbringt.

Schriftsteller gibt es hier reichlich. Monika Maron, die mit „Flugasche“ in den 70er Jahren die Umweltsünden der DDR entlarvt, Uwe Tellkamp, der mit dem „Turm“ ein international beachtetes und verfilmtes Panorama des Arbeiter-und Bauernstaates geliefert hat. Cora Stephan, die Bestseller-Autorin und Qualitätsjournalistin.

Apropos Journalisten: Henryk Broder, der einstmals vielgeliebte Autor der Spiegel-Leser und des Establishments jetzt bei der Welt und Gesicht der Achse des Guten. Dirk Maxeiner, ehemals Chefredakteur von Natur, heute in dieser Funktion bei der Achse des Guten, Roland Tichy, ehemaliger Chefredakteur der Wirtschaftswoche, heute Chef von Tichys Einblick. Last not least Boris Reitschuster, der Shooting-Star der alternativen Medien, ehemals Moskau-Korrespondent für verschiedene Blätter, der als Putin-Kritiker Todesdrohungen erhielt und heute mit seinen Fragen an die Regierung in der Bundespressekonferenz längst vergessene journalistische Standards wiederbelebt.

Natürlich finden Sie hier auch ein paar Bürgerrechtler der DDR. Angelika Barbe, Michael Beleites, und viele andere. Auch mich, weil ich, wie 1988 auf der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration, immer noch der Meinung bin, dass jeder seine Meinung frei und öffentlich äußern können muss. Und zwar jeder, ohne Sanktionen wie Schmähungen, Hetze, Berufsverbot fürchten zu müssen. Weil ich mich für einen demokratischen Umgang mit der AFD ausgesprochen habe, die es ohne das Politikversagen der Merkel-Jahre nicht geben würde, werde ich jetzt von allen, die mir ans Leder wollen, als AFD-nah abgestempelt. Belege gibt es dafür keine, aber gegen die Meinungen von Journalisten ist kein Kraut gewachsen. Nur werden sie dann bei Wikipedia als „Beweise“ präsentiert.

Da nützt auch der Fakt nichts, dass ich meine deutliche Kritik an Björn Höcke vor der letzten Landtagswahl in Thüringen hunderttausendfach gestreut habe. Weil ich in der gleichen Zeitung aber die unwissenschaftlichen Methoden des „Experten“ Matthias Quent in seinem Buch „Deutschland rechts außen“ entlarvt habe, wurde ich zur AFD-Unterstützerin erklärt. So läuft das heute im besten Deutschland, das wir je hatten. Früher war ich immerhin Agentin des Imperialismus, was für ein Abstieg!

Beteuerungen, was man wirklich denkt und will, nutzen nach meiner Erfahrung nichts. Ich nehme die rechte Ecke an und fühle mich in der Gesellschaft der Genannten und der vielen, die ich nicht nennen konnte, wohl, so wie ich mich früher in der Unabhängigen Friedens- und Umweltbewegung gut gefühlt habe, obwohl wir als Feinde stigmatisiert wurden.

Übrigens nahm die Friedliche Revolution erheblich Fahrt auf, als die Künstler begannen, die Resolution des Neuen Forums vor ihren Auftritten zu verlesen. Vielleicht haben auch Sie das damals getan. Mit der DDR war es dann bald vorbei.

Ich hoffe auf einen ähnlichen Effekt durch Ihre Aktion. Nur geht es diesmal nicht darum, ein Regime zu Fall zu bringen, sondern Demokratie und Rechtsstaat wieder zu beleben.

Bleiben Sie uns als Verbündeter in diesem Ziel erhalten!


Vera Lengsfeld

 

Vera Lengsfeld, Publizistin, war eine der prominentesten Vertreterinnen der demokratischen Bürgerrechtsbewegung gegen die "DDR"-Diktatur, sie gehörte 15 Jahre dem Deutschen Bundestag als Abgeordnete der CDU an. Sie publiziert u.a. in der Achse des Guten und in der Jüdischen Rundschau.


Autor: Vera Lengsfeld
Bild Quelle: Foto: Stefan Brending


Montag, 26 April 2021

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